Der Blinde.
S. 60
...
15. Der Blinde.
Von Christian Morgenstern
"Wann haben Sie diese Gedichte gemacht?"
"Vorigen Monat, Herr Direktor."
"Sie haben Talent, Brand, Sie sollten sich weiter versuchen."
"Meinen Sie?"
"Ja, tun Sie's, es wird Ihnen auch eine Zerstreuung sein. Sie sehen
mir viel zu ernst aus, das ist nichts. Wenn Sie wüßten, Brand, wie
viel Schlechtes und Törichtes zwei Menschenaugen auf dieser
Welt sehen müssen, würden Sie mit Ihrem Schicksal zufriedener
sein. Glauben Sie mir altem Manne, Brand."
Der Blinde nickte dem Davonschreitenden mechanisch nach.
Dann wandte er sich dem Garten zu und ließ sich auf einer Bank
nieder.
Bitter stiegen die Dünste herbstlicher Blätter aus einer unbekannten
Erde zu ihm auf und verwandelten sich in seiner Brust zu
bitteren Empfindungen.
Wenn er nur glauben, an Gott glauben könnte! Aber das war das
Schlimmste. Er empfand das ganze All als eine einzige summende,
brausende, rauschende Kugel. Wo war da Platz für einen Gott?
Er fand keinen. Manchmal meinte er ihn wie eine Schlange zwischen
S. 61
unzähligen Gestirnen sich winden zu sehen, manchmal wie
ein Riesengespenst dem Chaos enttappen, gleich einem toten Fischer,
der die Tiefen heraufstampft, die Wurzeln des Meeres an
seinen unförmlichen Schäften. Und einmal hatte er einen wehenden
weißen Bart ins Räderwerk der Sterne geraten sehen und
nach ihm ein schmerzentstelltes Haupt und einen im Nu zerstückelten
Rumpf...
Nein, er durfte nicht an den Weltraum denken, wenn er nicht an
Lärm und Bildern ersticken sollte.
Und er träumte von der Welt rings um ihn her.
Er sah im Geiste die Stadt als eine einzige große Straße, die sich
wie eine Schnecke immer um sich selber wand, in immer größeren
Ringen, endlos, wie eine Schlange, die sich hundert Mal um sich
selber gelegt hat - und wo ihr Kopf lag, da begann das Meer,
als würde es von ihr ausgespien, daß es ihre Schiffe nach anderen
Städten trage.
Und das Meer war rot wie Blut; denn die Sonne ging soeben in ihm
unter. Die Schiffe aber fuhren geradenwegs in die Sonne hinein
und verschwanden in ihr wie Kohlen in einer Ofentür. Dann
versank die Sonne, und Meer und Himmel wurden schwarz.
Aber mit einem Male begannen die Wellen wieder zu leuchten,
wie wenn unsichtbare Arme Hörner voll Silber vom Grunde emporhöben
und über die finstere Oberfläche ausschütteten.
Und er griff mit beiden Händen in dieses schwankende Silber - :
da waren es lauter kleine weiße Muscheln, in denen er wühlte.
Und er ließ sie wie kleine klingende Schellen durch seine Finger
rinnen und berauschte sich an der phantastischen Musik, die sie
machten - -
Drunten im grünen Grunde - Komm mit hinab, Du Menschenkind
- Tauschen süßeste Munde Die Küsse, die wir sind.
In kristallnen Palästen Wölben sich ohne Zahl Frau Venus' seligen
Gästen Über Korallenästen Muschelsaal an Muschelsaal.
Siehst Du sie selbst nicht thronen? Du bist ja nur auf Erden blind.
Komm mit, bei uns zu wohnen! Sie wird Dich auch belohnen Mit
unserm schönsten Kind.
S. 62
"Ja, will sie mir die gewähren, Nach der mein Fieber brennt, So
will ich ohne Zähren Der Welt Valet erklären Um Euer nasses
Element!" Drunten im grünen Grunde - Komm nur hinab, geschwind, geschwind!
- Wartet mit zitterndem Munde Schon Dein geliebtes Kind ...
Brand horchte auf.
Vom Hause her kamen leichte Schritte den herbstlichen Weg
herab.
Unruhig erhob er sich. Er wußte, es war die Tochter seines Direktors.
Seine Augen rissen sich auf, aber es blieb Dämmerung. Die
Zähne zusammengebissen, die linke Hand um die Banklehne gekrampft,
wartete er auf ihre Stimme.
"Vater schickt mich zu Ihnen heraus, Brand. Sie sollen dies Tuch
hier um den Hals nehmen!" klang eine junge frische Stimme vor
ihm auf, und zwei weibliche Hände schlangen ihm ein weiches
wollenes Tuch um den Nacken.
Der Blinde schauerte, aber er zwang sich, es nicht merken zu
lassen.
"Ich danke Ihnen, Fräulein Johanne!" sagte er gepreßt, während
seine Hände ihr zu helfen suchten und dabei mit den ihrigen
unversehens in Berührung kamen.
"Was ist Ihnen denn, Brand, Sie haben wieder das bittere Lächeln,
mit dem Sie mir immer so weh tun."
Er spürte ihren warmen Atem, er fühlte ihre Nähe bis zum Ersticken.
Es war noch nicht lange her, seit er wußte, was ein Weib war. Eine
der Bediensteten des Instituts war seine erste Liebschaft gewesen.
Wie sah Johanne wohl aus? Seine Einbildungskraft hatte sie
längst zu einer Göttin gestempelt, die zu besitzen - nein, die nur
einmal zu küssen - -
"Ich möchte Ihnen nicht weh tun, Fräulein Johanne!"
"Haben Sie wieder ein so pessimistisches Gedicht im Kopfe, wie
das - nun Sie wissen schon?"
"Nein, kein pessimistisches -"
S. 63
"Sondern -?"
"Eins auf Sie !"
Johanne sah den jungen Menschen mit einem Blick an, den dieser
nicht hätte sehen dürfen. Sie bot seit den ersten Tagen, da sie
diesen Michelangelo, wie sie ihn bei sich nannte, kennen gelernt
hatte, alle ihre Grundsätze gegen eine Leidenschaft auf, die sie zu
übermannen drohte.
"Das müssen Sie mir aufschreiben, ja?"
"Wollen Sie das wirklich?"
"Aber, hören Sie, Karl, Sie sollen nicht so viel an mich denken."
"Nicht?"
"Jetzt werden Sie wieder bitter. Karl, ich meine es ja nur gut mit
Ihnen - - - und dann ist es auch - - - - - meinetwegen."
"Johanne!" Er griff in der Richtung, wo er ihre Hand vermutete,
und bekam den Unterarm zu fassen.
"Lassen Sie mich los -"
"Nein, bleiben Sie doch nur noch ein wenig bei mir hier außen!"
Er drückte sie auf die Bank nieder und setzte sich selbst dicht
neben sie.
Der leichte Abendwind hatte sich gelegt, und es war still und fast
dunkel im Garten.
"Gib mir einen Kuß!"
"Machen Sie keinen Unsinn und lassen Sie mich los. Vater wird
sich schon wundern, wie lange ich hier -"
"Ihr Vater ist ja vorhin schon ausgegangen."
"Ja, ja, aber - Karl sei doch -"
"Einen Kuß!"
"Wenn Du mich losläßt. Vielleicht!"
Er ließ ihren Arm fahren. In demselben Augenblick nahm sie
seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn blitzschnell auf
den Mund.
Leidenschaftlich griff er nach ihr. Aber sie sprang schon davon.
Er ihr nach. Aber nur wenige Schritte. Dann taumelte er. Er war
ja blind. Er war ja verworfen, ausgestoßen, verdammt. Er war ja
ein Spielball der Welt um ihn her. Jede sehende Kreatur konnte
S. 64
ihm ja einen Fußtritt geben, ohne daß er sich hätte rächen können.
Da stand er allein in der Finsternis und tastete mit den Armen um
sich her, bis er einen Busch mit welken Blättern fühlte. Und er
faßte mit weit offenen Fingern in das Gezweig und riß an ihm, bis
er nur noch kahle Strünke spürte und das Blut ihm durch die
zerschürfte Hand tropfte.
In der Anstalt wurde zum Abendbrot geläutet.
Ein kleiner Junge kam gelaufen und holte Brand hinein.
Er war ganz still geworden. Ein auflösendes Glücksgefühl ließ ihn
seines Tobens sich schämen...
Drunten im grünen Grunde - Komm nur hinab, geschwind, geschwind! -
Wartet mit zitterndem Munde Schon dein geliebtes Kind...
Kommentar
- Zu finden in der
- Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 60ff.