Briefkasten/von Sebastian

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111. Briefkasten/von Sebastian

Ps. in Potsdam. Sie lasen jüngst im Berliner Tageblatt eine genaue
Anleitung zum Öffnen von Geldschränken, nebst vorheriger
Belehrung über möglichst geschicktes Einsteigen, und fragen an,
ob es nicht angängig wäre, auch auf dramatischem Wege in der

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Verbrecherwelt gediegene Aufklärung dieser Art zu verbreiten.
Wir können Ihnen zu unsrer Freude mitteilen, daß der 'Tag'
schon seit längerer Zeit beabsichtigt, ein diesbezügliches Preisausschreiben

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zu erlassen. Das beste 'Volkstümliche Verbrecherdrama'
und das beste 'Salonverbrecherdrama' soll mit je 10000
Mark honoriert, in der 'Woche' zum Abdruck gebracht und an
einem ersten Berliner Theater aufgeführt werden. Die Sonntagnachmittags-

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Vorstellungen sollen vollständig frei sein, so daß
auch dem ärmsten Gauner Gelegenheit geboten sein wird, seine
fachmännische Bildung zu erweitern. Übrigens verweisen wir Sie
auch auf die Kinematographen. Wir sahen kürzlich von einer
reichshauptstädtischen Firma Mord, Totschlag, Überfall und

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dergleichen so haarklein zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß
unsre Schriftsteller es schwer haben werden, mit diesen Volksbildungsanstalten
erfolgreich zu wetteifern.
Philanthrop. Sie senden uns eine Zeitungsnotiz, die wir, mit nur
zwei Klammern versehen, wörtlich wiedergeben: Das Kinematographentheater

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als Bildungsstätte. Die namentlich aus Lehrerkreisen
gegen die Kinematographentheater gerichteten Angriffe
und unliebsamen Vorgänge, die sich in letzter Zeit in einigen dieser
Institute zutrugen, haben dazu geführt, daß sich jetzt Lehrer,
Fabrikanten und Kinematographenbesitzer zu einem Verband

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zusammengeschlossen haben. In einer Interessentenversammlung,
die heute mittag in den Fürstensälen stattfand, wurde die
Gründung einer 'Kinematographischen Reformvereinigung' beschlossen.
Aus den provisorisch zusammengestellten Statuten ist
hervorzuheben, daß vor allem die Berliner Lehrerschaft dafür gewonnen

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werden soll, daß an bestimmten Nachmittagsstunden in
der Woche ausschließlich Kindervorstellungen veranstaltet werden,
in denen eine erzieherische Wirkung garantiert wird. In diesen
Vorstellungen sollen alle anstößigen kinematographischen
Szenen in Wegfall kommen. (In den Vorstellungen für die Erwachsenen

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wird natürlich keinerlei erzieherische Wirkung garantiert.
Hier werden vielmehr alle anstößigen kinematographischen
Szenen im vollen Umfang wieder aufgenommen, so daß
der gemeine Instinkt des großen Publikums nach wie vor auf
seine Kosten kommt.) Unter Führung der Lehrer könnten dann

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die Kinder klassenweise zu ermäßigten Preisen den Vorführungen

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beiwohnen. Durch die Einrichtung von Kindervorstellungen
soll das Kinematographentheater zu einem bildenden und erzieherischen
Institut sich auswachsen. (Und so mit der Rechten gebend,
was es mit der Linken dann wieder nehmen wird, zugleich

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dem Geiste der Sittlichkeit wie dem Geiste der Unsittlichkeit im
echt humanen Sinne modernen Fortschritts dienen.)
Korrespondent in Bunzlau. Sie verwechseln wieder einmal alles.
Was für Zeitungen lesen Sie eigentlich? 'Die Tägliche Rundschau'?
Das Parsevalsche Luftschiff, wohl auch kurz Parseval genannt,

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ist nicht von Richard Wagner in die Welt gesetzt, sondern
von dem bayrischen Major von Parseval, und hat auch sonst mit
dem Parsifal nichts zu tun. Ebensowenig rührt der bekannte französische
Ballon von Louise Dumont her. Diese lenkt vielmehr das
Düsseldorfer Schauspielhaus. Den Zeppelin hat das Reich gekauft,

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nicht Reinhardt; - so lesen Sie doch schärfer! Ja, wahrhaftig!
Da 'lesen' Sie irgendwo folgende Notiz: "Eine medizinisch
hochinteressante Meldung kommt aus London: Dort teilte kürzlich
Dr. Bernard Hollander der Gesellschaft für Phrenologie mit,
daß es ihm gelungen sei, durch einen operativen Eingriff in die

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Schädeldecke einen Kranken von moralischen Defekten zu befreien."
Was macht nun Ihr von Theaternamen und -nachrichten
völlig verwirrter Kopf daraus? Sie fragen wortwörtlich: Ob es
wahr sei, daß Herr Hollaender in einer Gesellschaft eine Threnologie
vorgetragen habe, in der man unter anderm auch der medizinisch

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hochinteressanten Behauptung begegne, daß es ihm gelungen
sei, durch operativen Eingriff in die Schädeldecke eines
Kritikers denselben von ästhetischen Defekten zu befreien? Ja,
lieber Herr, auf solche Weise kommen Sie in dieser Welt, wie sie
nun einmal ist, nicht vorwärts. Und was verrennen Sie sich in so

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eigentümliche Vorstellungen, wie: unser Lessing-Theater sei
nach Emil statt nach Ephraim Lessing so genannt. Sankt Helena
sei von Bruno Paul, Walser sei ein Tanz und Milan, der ausgezeichnete
Rezitator, ein Weih! Ja, ist denn Halbe ein Bierkrug,
Hauptmann ein Kommandant, Hirschfeld ein Volkspark, Fulda

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ein Fluß, Philippi eine verlorene Schlacht?

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Kleines Mädchen in B. Du wünschest Dir von uns ein Kammerspiel,
und zwar womöglich die Gespenster. Bitte, bitte, schreibst
Du, erklären Sie mir wenigstens, wie man das spielt! Das ist ganz
einfach, siehst Du. Bitte Dir von Deiner Mama fünf kleine Garnrollen

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aus. Diese Bollen mußt Du dann besetzen, das heißt: bekleiden.
Die eine ziehst Du an wie eine ältere Dame, die andre
wie einen Maler, die andern wie einen Pastor, einen Tischler und
ein Dienstmädchen. Dann gehst Du zu Onkel Munch und läßt
Dir eine kleine Stube dazu malen. Die tust Du dann auf Dein

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Puppentheater und stellst Deine Figuren hinein. Und vorn, vor
den Vorhang, da machst Du Dir ein wunderschönes Publikum.
Da stellst Du Stühle auf und bindest Besenstiele daran, und über
die hängst Du Kleider und Tischdecken, und das ist dann der
Bankier Huber und die Frau Baronin Müller, und das eine, das ist

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gar der Kronprinz, und jeder Sessel kostet ganze zwanzig Pfennige.
Die mußt Du vor allem einsammeln, das übrige wird dann
schon Dein Papa machen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 277ff.
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