AM:CMWuW - Äussere Form I

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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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C. Äussere Form.

Das Mittel des Dichters, seinen Gesichten und Gefühlen
Gestalt zu geben, ist die Sprache. Sie ist das Material, aus dem
er die Form schafft, eine Form, verschieden deutlich im Umrisse,
je nach der Art seines Erlebens: ob er in der Gefühlssphäre
bleibt und sich von seiner innern Unrast durch ihre
direkte Darstellung oder in sinnbildlicher Umkleidung befreit,
oder ob er durch gedankliches Formulieren Klärung sucht.

Die Deutlichkeit eines Gemäldes beruht in der Klarheit
seiner einzelnen Elemente und in der ihrer Gegenüberstellung.
Oder in die Sprache der Dichtung übersetzt: in der Bestimmtheit
der einzelnen Begriffe und Aussagen, und in ihrer Zusammenreihung
zu Situationen oder Geschehen. Diese Deutlichkeit,
die, bis zu einem bestimmten Grade von Willen und
Absicht des Dichters abhängt, deckt sich nicht mit der Anschaulichkeit .
Deutlichkeit ist eine Eigenschaft des
Kunstwerkes, bedingt durch den Grad der Klarheit in der
Anschauung des Dichters, während wir Anschaulich
keit die Wirkung beim Lesen oder Hören nennen, also einen
Vorgang, dessen Intensität — wie wir sehen werden —
nicht parallel läuft mit der Stärke der Sichtbarkeit des Gelesenen
vor dem innern Auge.

Morgensterns visuelle Veranlagung duldete kein verschwommenes
Bild. Natureindrücke sind oft äusserst genau
nachgezeichnet, Farbentönungen mit einer Differenzierung,
wie sie nur ein Maler schauen kann. In einer Schilderung
(Phanta s. 21.) häufen sich : azurn, bleiches Grau, Purpur,
dumpfes Blau, Silberglast. (Siehe s. 67.) Morgenstern hatte
noch in spätem Jahren beklagt, dass es ihm nicht vergönnt
sei, seiner Farbenfreude durch den Pinsel Ausdruck zu geben.
Dieses optische Bedürfnis formt jedes Gedicht als ein
geschlossenes Ganzes, der Dichter häuft nicht zur Gestaltung

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des einen Grundgedankens eine Reihe von Vergleichen,
die unter sich keine Beziehung haben, sondern entwickelt ihn
durch die Elemente des einen Sinnbildes. Jedes der Gedichte
ist sozusagen ein durchkomponiertes, gerahmtes Bild, z. B. :

   Wer seine Sehnsucht so wie einen dritten Gaul
   vor seinen Lebenskarren schirren könnte,— traun,
   er wäre gut bedient! Das leichte Flügelpferd
   erhob’ ihn zu des Sonnengotts Gefährten selbst.
   Wenn er nur dann wie jener Jüngling Phaeton
   nicht allzu stürmisch führe, Himmel und Erde blind
   verachtend, seines Feuerrosses Herr nicht mehr,
   sein Opfer, willen-, ziellos durch den Raum geschleift,
   unähnlich ganz dem herrngeborenen Gott des Lichts!
                  (Kranz, s. 113.)[1]

                         *
                        * *

Morgenstern beweist durch seine Galgenlieder, welch
ausserordentlich feines Gefühl er für den Wortgehalt besitzt,
und welchen Spürsinn für alle «untergründigen» Assoziationen,
die ein Wortklang erwecken kann. Ihm fallen treffende
Wortdurchwachsungen ein, wie: Gymnaseweis, Charleytantismus
der Bühne, Diletalent (St. s. 89.) In der ernsten Lyrik
verschmäht er solche eigenwilligen Gedankensprünge und
Wortbildungen, ganz selten begegnet man neuen Wortformen:
entfrühlingen (Welt, 3. Aufl. s. 105), versommern
(Sommer u. Kranz, s. 53.), ummeeren (Kranz, s. 92.), abschiedgrüssen
(Ich und Du, s. 23.)

Der Wille zur Geschlossenheit und Abrundung äussert
sich auch in Morgensterns Wahl der Form der Gedichte. Das
ungestüme Erleben der Jugendjahre mochte noch keine metrische
Fessel dulden und wählte freie Rhythmen, in denen es

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ungehemmt ausfliessen konnte. Selbst dort, wo kein starkes
Gefühl nach Ausdruck ringt, wie in den Naturbildern, wählt
er freie Verse. An Stelle des innern Rhythmus, der hier zu
wenig stark ist, um Verse zu formen, tritt der äussere Gruppenakzent
als Grund der Zeilentrennung, z. B.:

Die Weide am Bache.

   Weisst du noch, Phanta,
   wie wir jüngst
   eine Nyade,
   eine der tausend
   Göttinnen der Nacht,
   bei ihrem Abendwerk
   belauschten? ,
   Einer Weide
   half sie, sorglich
   wie eine Mutter,
   ins Nachthemd,
   das sie zuvor
   aus den Nebel-Linnen des Bachs
   kunstvoll gefertigt.
   Ungeschickt
   streckte der Baum die Arme aus,
   hineinzukriechen
   ins Schlafgewand.
   Da warf es die Nymphe
   lächelnd ihm über den Kopf,
   zog es herab,
   strich es ihm glatt an den Leib,
   knöpfte an Hals und Händen
   es ordentlich zu
   und eilte weiter.

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   Die Weide aber,
   in ihrem Nachtkleid,
   sah ganz stolz
   empor zu Luna.
   Und Luna lächelte,
   und der Bach murmelte,
   und wir beide,
   wir fanden wieder einmal
   die Welt sehr lustig.
               (Phanta, s. 69/70.)[2]

Wirkte hier nicht Nietzsche auf ihn ein? Die gleiche
seelische Einstellung, das Herrschergefühl, das geistig das
ganze Sein sich untertan macht, das Bewusstwerden der Freiheit
des Intellektes, mit dem er seine Welt, unbekümmert um
überlieferte Vorstellungen, ausdeutet, die lachende Freiheit
des Tänzers und Spötters atmen die Verse in «Phanta’s
Schloss». Es ist die Stimmung und Form von «Die Wüste
wächst: weh Dem, der Wüsten birgt», dem Liede des
Wanderers in «Zarathustra».

Als der jugendliche Sturm sich beruhigt hatte und einer
stillern, reifem Betrachtungsweise gewichen war, wählte Morgenstern
die strophische Gliederung, und wo er sie meidet,
mag er doch meist den Reim nicht missen als deutlich fühlbares
Merkmal der Verstrennung. Der einfache Vierzeiler,
der sich den wechselnden seelischen Bewegungen viel biegsamer
anpasst als eine streng gebaute Strophe, wird bevorzugt,
um ein Gefühlserlebnis widerklingen zu lassen, wobei
er oft, um die Geschlossenheit der Stimmung zu sichern, die
Anfangsstrophe am Schlüsse wiederholt.

Das zweite, 1896 veröffentlichte Bändchen «Horatius
travestitus, ein Studentenscherz», das Horazische Oden übermütig

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im Spreewasser auf Berlinerblau umfärbt, behält in den
Übersetzungen die ursprünglichen antiken Versmasse bei;
nur in der «Ode an das Meer» (Kranz, s. 1 1 7f.) kehrt er später
für einmal noch zu einer griechischen, zur alkäischen
Strophenform zurück.

Seiner Neigung zu scharfsinniger Fassung eines Problems
und Kürze des Ausdruckes kamen die straffen Formen des
Sonetts und Ritornells entgegen. Für Gedankenlyrik wählt er
gern lange, nicht in Strophen gegliederte Verszeilen, oder
später (im «Pfad») dreizeilige Strophen, die unter sich durch
den Reim gebunden sind, ohne dass er auf das Reimschema
der Terzinen Gewicht legt.

Das Enjambement, das wir in den frühem Gedichten
vergebens suchen, findet sich in den letzten Sammlungen immer
häufiger. Der abstrakte Gehalt beeinflusst auch die Form,
das Nebeneinander der bildhaften Darstellung weicht der Folge
des gedanklichen Fortschreitens und fordert dadurch erweiterte
Satzbildungen, um der logischen Entwickelung des
Gedankens gerecht werden zu können. Diese Auflösung der
Konturen der Strophe, dies Verschwimmen der Linie gibt den
Gedichten eine ganz eigenartig schwebende Musik, eine Melodie,
die das schöpferische Grundmotiv der Erlösung aus
dem stofflich-begrenzten Sein in die form-lose Unendlichkeit
der Geisteswelt fein ausspinnt. Z. B. (Siehe s. 82.):

Licht ist Liebe.

   Licht ist Liebe.. Sonnen-Weben
   Liebes-Strahlung einer Welt
   schöpferischer Wesenheiten —

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   die durch unerhörte Zeiten
   uns an ihrem Herzen hält,
   und die uns zuletzt gegeben

   ihren höchsten Geist in eines
   Menschen Hülle während dreier
   Jahre: da Er kam in Seines

   Vaters Erbteil — nun der Erde
   innerlichstes Himmelsfeuer:
   dass auch sie einst Sonne werde.
                   (Pfad, s. 60.)[3]

                     *
                    * *

Den künstlerischen Genuss einer lyrischen Dichtung verdanken
wir der Anschaulichkeit . Sie ist nicht abhängig
vom deutlichen Erblicken des Bildes, das der Dichter
geschaut — und das wir ja gar nicht kennen—, sie ist das
Erwecken ähnlicher Gefühlskomplexe, wie er sie beim Schaffen
besessen. Das optische Erfassen kann mit wirken, mehr
oder weniger, je nach der psychischen Anlage des Lesers.
Doch ist es nur von Nebenbedeutung, denn beim Lesen folgen
sich die durch die Wortinhalte erweckten visuellen Vorstellungen
viel zu rasch, als dass sie klar zum Bewusstsein
dringen könnten ; sie drängen sich gegenseitig zurück.

Die Anschaulichkeit beruht auf bestimmten Bewegungsgefühlen,
die, durch den Rhythmus erweckt, im Leser ein
dem Dichter ähnliches Gefühlserlebnis lebendig werden lassen.

Unterdrücken wir beim Lesen eines Gedichtes durch
krampfhaft gespannte Sprechmuskulatur unser eigenes inneres

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Mitsprechen, so werden wir uns ihm nie gefühlsmässig
nähern, es bleibt toter Buchstabe. Die Übersetzung des körperlichen
Vorgangs ins Geistig-Seelische geschieht durch
Wiedererweckung von Erinnerungen an Gefühle, die aus ähnlichen
eigenen physischen Erlebnissen entstanden sind,
Wir umtasten gewissermassen Wort und Vers und erleben so
die Plastik des Gedichtes.

Die bewusste Schallnachahmung, die Programmusik sozusagen,
die das Geschehen illustrieren will , wird nie den
tiefen Eindruck hinterlassen wie ein Vers, der dieser bewussten
Lautkomposition fern steht. Onomatopoetische Malereien
treffen wir nicht in Morgensterns ernster Lyrik.

Takt und Klang bedingen sich gegenseitig. Erst in ihrer
rhythmischen Stellung gelangt die Lautform eines Wortes zu
ästhetischer und psychologischer Auswirkung, erst von der
angemessenen Melodie durchströmt erwacht der Takt zum
Leben.

Morgenstern besass ein feines Empfinden für die lautliche
Anpassung an den Inhalt der Gedichte. Seine echte Lyrik
klingt, und diese Klangfarben malen die Stimmung eindringlicher
als die bildhafte Darstellung es vermag.

Wind und Geige.

   Drinnen im Saal eine Geige sang.
   sie sang von Liebe so wild, so lind.
   Draussen der Wind durch die Zweige sang:
   Was willst du, Menschenkind?

   Drinnen im Saale die Geige sang:
   Ich will das Glück, ich will das Glück!
   Draussen der Wind durch die Zweige sang,
   Es ist das alte Stück.

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   Drinnen im Saale die Geige sang:
   Und es ist alt, für mich ist’s neu.
   Draussen der Wind durch die Zweige sang:
   Schon mancher starb an Reu.

   Der letzte Geigenton verklang;
   die Fenster wurden bleich und blind;
   aber noch lange sang und sang
   im dunklen Wald der Wind....

   Was willst du, Menschenkind....
           (Sommer, u. Kranz, s. 52.)[4]

Wie pulst hier das drängende Blut durch die Verse, und
wie fein ist der Gegensatz der äussern Bewegung zu der müden,
resignierenden Erkenntnis gebildet, durch das einfache
Mittel der Verskürzung, aus welcher von selbst sich ein Ritardando
ergibt. Und, als alles Leben verstummt ist im Hause,
gehen die stossenden Daktylen in leise dahinfliessende Jamben
über, um am Schlüsse, nach einer letzten schwachen
Steigerung im «willst», mit sinkendem Tone auszuklingen.

Den selben Kampf entgegengesetzter Kräfte, den Widerstreit
von Lebenshoffnung und Verlassenheit, malt der
Takt in dem volksliedartigen «Eine junge Witwe singt vor
sich hin» :

   Sitze nun so allein,
   traurig in Schwarz gehüllt,
   gehe fort, komme heim —
   immer sein Bild !

   Ach, und das Leben rings
   lacht mich so lockend an,
   aber des Schmetterlings
   Flügel sind lahm.

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      - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   Draussen so Lenz und Licht,
   drinnen so tränengrau —
   fass es und fass es nicht — :
   Einsame Frau....
            (Welt, u. Wegen, 3. Aufl. s. 146.)[5]

Ein mattes Flügelschlagen, dem die Kraft zum Auffluge
fehlt, ist jeder Daktylus; durch das Fehlen der tonstarken
Endsilbe (im Gegensatz zu «Wind und Geige») wird das Gefühl
langsamen Gleitens, widerstandslosen Versinkens erweckt.
Einzig der Anfangsvers der letzten Strophe endet, gegen
das Metrum, in einem betonten Substantiv, und bringt,
auch dank der hellen Ton vokale, eine lichtere Farbe in die
dunkle Grundstimmung .

Der letzte Gedichtband ist durchflutet von über irdischem
Lichte, auch seine Verse sind hell, fast schattenlos,
aber es ist ein anderes Leuchten. Wie ein sonnenspiegelnder
Strom fliessen sie breit daher, Rhythmen und Takt
haben sich geweitet. Die kurzen Tonvokale sind gedehnten
oder breiten Diphtongen gewichen, und verdunkeln sich nur
dort für kurze Augenblicke, wo die bange Frage aufsteigt:
flohen Dich verbannt, verdammt?

Hymne.

   Wie in lauter Helligkeit
   fliessen wir nach allen Seiten....
   Erdenbreiten, Erdenzeiten
   schwinden ewigkeitenweit....

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   Wie ein Atmen ganz im Licht
   ist es, wie ein schimmernd Schweben....
   Himmels-Licht — in Deinem Leben
   lebten je wir, je wir — nicht?

   Konnten fern von Dir verziehen,
   flohen Dich, verbannt, verdammt?
   Doch in Deine Harmonien
   kehren heim, die Dir entstammt.
          (Pfad, s. 65.)[6]

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Wer seine Sehnsucht so wie einen dritten Gaul (o. T.)
  2. Die Weide am Bach
  3. Licht ist Liebe
  4. Wind und Geige
  5. Eine junge Witwe singt vor sich hin
  6. Hymne