AM:CMWuW - Äussere Form II

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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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...

C. Äussere Form.

Wenn auch der Rhythmus oft Anstoss war zum Entstehen
eines Gedichtes, so verstärkte Morgenstern dessen Eindrücklichkeit
durch beabsichtigte Klangwirkungen. Die ursprünglichen
Galgenlieder waren zur Rezitation bestimmt, in
halbdunklem Gemache, in welchem die Brüder ihre scherzhaft
gruseligen Zeremonien pflegten. Die Lieder mussten sich
dieser Atmosphäre anpassen und durch Klang und Wort die
grausige Stimmung verstärken, wobei auch reine Lautmalereien
nicht verschmäht werden, zB.:

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Der Rabe Ralf.

   Der Rabe Ralf
      will will hu hu
   dem niemand halt
      still still du du
   half sich allein
      am Rabenstein
   will will still still
         hu hu
      - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   Doch als ein Jahr
      will will hu hu
   vergangen war
      still still du du
   da lag im Rot
   der Rabe tot
      will will still still
         du du
                (Galgenlieder, s. 12.)

Diese Verse, nur zum Klingen bestimmt, sind aus dem
Klang heraus geboren. Ein Grundmotiv wird variiert: die
Ablautreihe a : i : u, durch die verschiedenen Vorgesetzten
Konsonanten, wobei Morgenstern aber die klangschwachen
Fortes meidet und (nicht nur hier) besondere Vorliebe zu den
dehnbaren Liquiden und Nasalen l, r, m, n zeigt. Verstärkt
wird die Wirkung durch den Stabreim, der durch Wiederholung
des einen Lautes denselben eindrücklich einhämmert und
das Ohr so sehr gefangen nimmt, dass es nur den unheimlichen
Tönen horcht und seine Verbindung mit dem Denkzentrum
vergisst. Es ist Tonmalerei, aus Elementen zusammengesetzt,
die fast nur noch zufällig aus Worten unserer Sprache

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bestehen. Die letzte Konsequenz zog Morgenstern im
«Grossen Lalula», das überhaupt nur auf Klangwirkung aufgebaut
ist, und, wie Leo Spitzer in seiner Untersuchung «Die
groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Christian Morgensterns»
es nennt, aus «Lautgrimassen» besteht. Die dritte
Strophe diene als Beispiel :

   Simarar kos malzipempu
   silzuzankunkrei (;)!
   Marjomar dos : Quempu Lempu
   Siri Suri Sei [ ] !
   Lalu lalu lalu lalu la!
            (Galgenlieder, s. 7.)

Dies Lied klingt bedeutend explosiver und musste wohl
mit mehr Temperament vorgetragen werden als der «Rabe
Ralf», als allegro furioso. Spitzer weist die gleichen Elemente
nach wie im ändern Gedichte: Bevorzugung bestimmter Lau-
te, die, bei Morgenstern, je nach dem Gedichte wechseln,
sowie der Reduplikation und bestimmter Lautelemente, zu denen
er auch den Ablaut zählt.*)

Die Vorliebe zum Ablaute treffen wir noch öfters bei
Morgenstern, so in der Geschichte der drei Glockentöne Bim
Bam Bum (Galgenlieder, s. 22.) und dem im Winde wickelnden,
wackelnden Schaukelstuhl (Galgenlieder, s. 25.). Der
zum Vegetarismus bekehrte Hecht frisst nur noch Seegries,
Seegras und Seerosen des Ablauts wegen, der sogar namenbildend
wirkt, denn Morgenstern tauft des Igels Geliebte Agel.

Überhaupt sind die Galgenlieder reich an überraschenden
Wortbildungen. Nach der Art der Verwachsung zweier Wortr

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•)Leo Spitzer, Die groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Christian Morgensterns,
s. 103f.

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zu «Diletalent» finden wir in dem «Versuch einer Einleitung»
zu den Galgenliedern «wesentiell», das aus wesentlich
und essentiell gebildet ist, und «Symbild», und einer der Brüder
kennt das «Simaleins». Das ist wohl ein Einmaleins der
siebten Potenz, ein magisches Produkt der von Morgenstern
sonst auch bevorzugten Zahl sieben (zB. in Siebenschwein).
Das Polizeipferd berechnet den Sünder «dogarhytmisch» durch
Wackeln des Ohres. Tauchten hier Assoziationen zu logisch
und rhythmisch auf (Berechnung durch Ohrbewegung), die
dann klanglich mit Logarithmus verschmolzen? In die gleiche
Wortsippe gehört auch der «Aromat», ein Geruchs-Automat
(Palmström, s. 25.), und der «entsetzliebe» Klabautermann
(Gingganz, s. 12.)

Weil das Bählamm durch sein Schreien zu seinem Namen
gekommen ist, so weiss Morgenstern vom Raben zu berichten,
der «kolk» ruft, denn er ist ein Kolkrabe.

Auch Verben werden zu Substantiven (oder Adjektiven?)
umgeformt, die knackenden Tannenwurzeln erzählen sich,
was die Gipfel rauschen:

   Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
   Das ist genug für einen Tag.
         (Galgenlieder, s. 72.)

Der Elefant spaltet sich ihm in «elef» und «ant», das
erste fasst er als Zahlwort auf, das dann zugleich Artbezeichnung
wird, der zweite Bestandteil wird Gattungsbegriff. Und
gleich hat Morgenstern eine ganze Entwickelungsgeschichte
erfunden:

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Anto-logie.

   Im Anfang lebte, wie bekannt,
   als grösster Säuger der Gig - ant.

   Wobei gig eine Zahl ist, die
   es nicht mehr gibt, — so gross war sie !

   Doch jene Grösse schwand wie Rauch.
   Zeit gab’s genug — und Zahlen auch.

   Bis eines Tags, ein winzig Ding,
   der Zwölef - ant das Reich empfing.

   Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb? —
   Sein Bein wird im Museum gelb.

   Zwar gab die gütige Natur
   den Elef - anten uns dafür.

   Die Zukunft wird die Gattung weiter zurückbilden :

   Wie dankbar wird der Ant dir sein,
   lässt du ihn wachsen und gedeihn, —

   bis er dereinst im Nebel hinten
   als Nulel - ant wird stumm verschwinden.
                (Galgenlieder, s. 52f.)

Die von Spitzer «phantastisch» genannten Maskulinbildungen:
der Ameis, der Heuschreck und der Schneck sind
gar keine eigenen Wortschöpfungen Morgensterns, sondern
unveränderte Übernahmen von oberdeutschen Mundartformen.*)

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*) Leo Spitzer, a. a. O. s. 77.

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Eine ganze Reihe von Wortbildungen enthält

Der Vergess.

   Er war voll Bildungshung, indes
   soviel er las,
   und Wissen ass,
   er blieb zugleich ein Unverbess,
   ein Unver, sag ich, als Vergess;
   ein Sieb aus Glas,
   ein Netz aus Gras,
   ein Vielfress —
   doch kein Haltefrass.
             (Palma Kunkel, s. 65.)

Spitzer hält den «Bildungshung» für ein Anklingen von
-hunger an -zwang, -hang, den «Unverbess» aus einer Anlehnung
an Unhold, Unding entstanden, den «Unver» als
Kurzbildung der Verlegenheit, als ein Suchen nach dem
Wort, das den Hörer aus der Spannung nicht entlässt.*) Die
Deutung ist wohl viel einfacher. Alle die gekürzten Formen
charakterisieren nur den Vergess, der so zerstreut ist, dass er
in der Mitte eines Wortes nicht mehr weiss, was er sagen wollte,
und es darum nicht zu Ende führen kann .—

Die Charakterisierungskunst liegt aber auch im Satzbau,
und besonders das Papierdeutsch der Kanzleien und Kontore
liebt Morgenstern dabei zu verspotten. Wie virtuos er diese
trockene Sprache mit Reim und Vers zu einen weiss, zeigt
Korfs Antwort an die behördliche Anfrage: «Korf erwidert
darauf kurz und rund: ’Einer hohen Direktion stellt sich,
laut persönlichem Befund, untig angefertigte Person als nichtexistent
im Eigen-Sinn bürgerlicher Konvention vor und aus
und zeichnet, wennschonhin mitbedauernd nebigen Betreff,

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*)Leo Spitzer, a. a, O. s. 71.

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Korf . (An die Bezirksbehörde in —).’» (Palmström, Die
Behörde, s. 28.) Diesen geschraubten Satz gliedert Morgenstern
in drei dreizeilige Strophen!

Die Reime der Galgenlieder sind rein — aber auf Kosten
der üblichen Wortformen. Morgenstern reimt unbekümmert
Hemmed: verdammet (verdammt), Flügel: Kugel, wirr
worr: Pschorr, kumm: dumm, Gaul: dazumaul und
Idee: meh (mehr).

In dieser wirklichkeitsfremden Welt ist es erlaubt, Wörter
zu zerren und zu beschneiden, denn diese Freiheit steht im
Einklänge mit der Loslösung von aller traditionellen Gebundenheit.
Und überdies: Morgenstern hat das Wort durchschaut,
zerfasert, er weiss, es schwimmt wie ein Kork auf der
Oberfläche, zum Grunde der Dinge gelangt es nie. Warum
soll er diesen Korken nicht zurechtschnitzeln zu possierlichen
Figuren, sich und den ändern zur Erheiterung?

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten