AM:CMWuW - Biographische Skizze

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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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Biographische Skizze.

Christian Morgenstern stammte aus einer Familie, die
sich seit Generationen der Malerei gewidmet hatte. Der Urahne,
gest. 1813, war ein bekannter Miniaturenmaler Hamburgs.
Sein Sohn Christian Ernst Bernhard Morgenstern
(1805—1867) geboren in Hamburg, wurde erst Schüler von
Suhr und Bendixen und kam nach einem Kopenhagener Aufenthalt
1829 nach München. Er brachte, zur Blütezeit des Historienbildes,
mit seinen norddeutschen Landschaften neue
und bisher unbeachtete Motive in die kunstrege Stadt. Trotzdem
er in den ersten Jahren unverstanden abgelehnt wurde,
blieb er der Natur treu, zog in die oberbayrischen Alpen und
erkannte als einer der ersten die Schönheiten des Dachauer
Mooses. Freundschaft verband ihn mit Daniel Fohr und Karl
Rottmann, dem Maler Griechenlands.*)

Aus der Ehe mit Luise Lüneschloss entstammte ein
Sohn Carl Ernst, der dem väterlichen Berufe treu blieb und
als Maler in München lebte, bis er als Professor an die Kunstschule
Breslau berufen wurde. Wie seinen Vater, so zog auch
ihn besonders das bayrische Alpenland an.

Auch des Dichters Grossvater mütterlicherseits, Josef
Schertel, war Landschaftsmaler. Seine Tochter Charlotte vermählte
sich 1870 mit Carl Ernst.

Das einzige Kind dieser Ehe ist Christian Morgenstern,
geboren den 6 .Mai 1871 in München. Frohe Jugendjahre verlebte
er im Elternhause, der jugendliche Vater, dessen Vetter

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*) Anton Springer, Die Kunst der Gegenwart, 7. Aufl. s. 183, und
Karl Woermann, Geschichte der Kunst, 2. Aufl. VI. Bd. s. 209.

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und ein Freund ersetzten ihm die Geschwister. Schon in frühen
Kinderjahren begleitete er seine Eltern auf ihren Reisen
nach dem Tirol, der Schweiz, ins Elsass und zu den bayrischen
Seen. Doch dies sonnige Jugendglück nahm ein Ende,
als er mit neun Jahren die Heimat verlassen musste und nach
Hamburg zu seinem Taufpaten, dem Maler und Kunstsammler
Arnold Otto Meyer kam. Die schwere Krankheit der Mutter,
ein Lungenleiden, machte die weitere Erziehung zu Hause
unmöglich. Kurze Zeit darauf, 1881, starb sie, und mit ihr
ging die sorglose Kinderzeit für Christian Morgenstern dahin.
"- - bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er die Mutter
verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von aussen
wie von innen. Was sich bisher, gehegt und verwöhnt, daheim
und im Freien so durchgespielt hatte — mein Spielen
bildet für mich ein eigenes sonniges Kapitel — zeigte sich
dem äusseren Leben, wie es vor allem in der Schule herantrat,
weniger gewachsen." (St. s. 1/2)

Nachdem sein Vater, wieder vermählt, nach Breslau
übergesiedelt war, kehrte Christian ins elterliche Haus zurück.
Die zweite Mutter war ihm herzlich gut gesinnt, doch
fehlte es ihr an Verständnis für seine Eigenart. Auch dem Vater
scheint der Charakter des heranwachsenden Sohnes fremd
gewesen zu sein, denn er beschloss ihn Offizier werden zu
lassen. Doch währte der Aufenthalt in einer Kadettenschule
nur sehr kurze Zeit. Morgenstern trat ins Breslauer Gymnasium
ein. Dort verband ihn treueste Freundschaft mit dem um
wenige Jahre jüngern Friedrich Kayssler, eine Freundschaft,
die bis zu Morgensterns Tode andauerte. Seinem Jugendfreunde
widmete er «Auf vielen Wegen». Schwierigkeiten in
der Mathematik, die er später besonders lieben lernte, wie die
trockene, wenig fesselnde Art des Lehrers waren die Ursache,
dass er bald ins Gymnasium von Sohrau übertrat, wo er in der

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Familie des Archidiakonus Goettling ein Heim fand. Nach
bestandenem Abitur lebte Morgenstern vier Jahre in München,
um Nationalökonomie zu studieren. Dann fand er in Berlin
eine Anstellung im Kupferstichkabinett. Die Arbeit, trockenes
Katalogisieren, sagte ihm wenig zu; um so schwerer drückte
ihn dieses Gebanntsein in den Büchersaal, als nun auch bei
ihm das Lungenleiden zum Ausbruche kam. Bei seinen
Freunden fand er Vergessen, sein befreiender Humor war das
einende Band, und in dieser Gesellschaft der «Galgenbrüder»
entstanden die ersten Galgenlieder. Kayssler trat wieder in
seinen Kreis, und später, etwa um die Jahrhundertwende
Efraim Frisch, der mit seiner Gattin zu den besten Freunden
der nachfolgenden Jahre zählte.

Nachdem Christian Morgenstern die Stelle im Kupferstichkabinett
aufgegeben hatte, wurde er Mitarbeiter verschiedener
Zeitschriften, erst des «Kunstwarts», dann schrieb er
für den «März», den «Morgen», die «Neue Rundschau», für
den «Zuschauer» usw.

Für den Verlag Georg Bondi übersetzte er Strindbergs
«Inferno» aus dem französischen Original. Daraufhin erhielt
er den Auftrag von Paul Schlenther zur Übersetzung von
Ibsens Werken, noch bevor er das Norwegische beherrschte.
Er begann sogleich mit dem Studium dieser Sprache und
übersetzte die «Komödie der Liebe» 1897. 1898 und 99 folgte
er dem Rufe des grossen Dramatikers nach Norwegen und
verdeutschte während seines Aufenthaltes in Christianiafjord
und Molde unter seiner Leitung «Peer Gynt» und «Brand»,
und später eine grosse Anzahl der Gedichte. Ibsen schätzte
ihn als einen aussergewöhnlichen Übersetzer. Die herrliche
Natur, die klaren, scharf begrenzten Farben der Landschaft begeisterten
sein Malerauge, und die Eindrücke verdichteten
sich in den Versen des Bandes «Ein Sommer» (1900).

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1900 kehrte Morgenstern wieder nach Berlin zurück, den
folgenden Winter verbrachte er in Davos. Ein längerer Aufenthalt
war ihm von nun an nirgends mehr beschieden, sein
Leiden zwang ihn, erst für den Winter, später für das ganze
Jahr in Kurorten Linderung zu suchen.

Im Sommer 1902 lebte er in Zürich, im Herbst ging er
zuerst nach Wolfenschiessen, dann nach Arosa, um den Winter
in Rom, Florenz und Fiesole zu verbringen.

1903—06 waren Berlin und Birkenwerder sein Wohnsitz.
Er stand mit Max Reinhardt in engem Verkehr. Reinhardt
leitete damals das Kleine und das Neue Theater, und Morgenstern
gab deren Zeitschrift «Das Theater» heraus, das 1904—
05 bei Bruno Cassirer erschien. Es waren die Jahre tiefster
Weltverneinung, die Zeit, in der die Gedichte der «Melancholie»
geschaffen wurden.

Morgenstern musste Berlin wieder mit einem mildern Klima
vertauschen, wählte Meran, wo er 1907—09 lebte, unterbrach
aber den Aufenthalt durch häufige Reisen. München
und Dreikirchen besuchte er im Sommer 1908; dort lernte er
Margareta Gosebruch von Liechtenstern kennen, die ihm eine
alle seine künstlerischen und weltanschaulichen Ideen tief miterlebende
Freundin und Lebensgefährtin werden sollte. 1910
feierten sie die Vermählung. Im Januar 1909 trat er in Bekanntschaft
mit Rudolf Steiner, der ihm aus seinem damals
fruchtlosen philosophischen Tasten den Weg wies.

Reisen nach Christiania und Budapest folgten. 1910 lebte
er mit seiner Gattin in Meran und Brixen, den Winter in Taormina
auf Sizilien. Das ganze folgende Jahr verbrachten sie in
Arosa. München, Portorose, München, Bozen wechselten im
letzten Jahre, das ihm zu leben vergönnt war. In Meran erlöste
ihn der Tod am 31. März 1914.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten