AM:CMWuW - Das Johannes-Wort

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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


III. DAS JOHANNES-WORT.

Morgenstern stand nun allein. Aussichtslos grub er weiter
in den dunkeln Tiefen, die das Rätsel der Welt verhüllen;
denn er erkannte nun: was er früher zu wissen geglaubt, ist
ein Geheimnis. Das Wort, das wir jedem Dinge geben, vermag
nichts auszusagen über das Ding selbst. Die Wissenschaft
der Zeit glaubt das fliessende Leben zu erfassen und festzuhalten,
wenn sie die Wände des Gefässes umtastet. Wie ein
Kind gibt sich der heutige Mensch zufrieden, wenn er auf
seine Frage «was ist das?» einen Namen hört.

Doch die Erkenntnis ist dem Menschen versagt, weil der
Intellekt menschlich bleibt. «Welche Vorstellung wäre zuletzt
nicht anthropomorph! Anthropomorph, sagt man, sei
die Vorstellung eines persönlichen Gottes. Aber der Natur-
forscher, der sich die Welt unpersönlich, nämlich als Natur,
als Wirklichkeit, als einen unendlichen Knäuel von Wirkungen
denkt — hat ja auch von sich selbst kein anderes Bild;
er sieht sich, interpretiert sich «naturwissenschaftlich» als «Natur»
und projiziert sich (in seiner neuen Weltinterpretation)
nur eben so unvermeidlich ins «Universum» hinein wie früher.
Oder vielmehr: Universum i s t bereits Selbstprojektion.
Anthropomorph ist und muss «alles» bleiben.» (St. s.
196.)

Seine Stütze hatte er sich zerbrochen, die Hoffnung, je
den Sinn des Lebens zu ergründen, als aussichtslos erkannt.

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Auch Nietzsches Zukunftswelt war ein Glaube gewesen, für
den er gekämpft; der Übermensch musste weichen, denn er
war auch nur ein Ergebnis spekulativen Denkens, war anthropomorph.
«Nietzsches Schicksal war, über den Trümmern
des komischen Bildungsphilisters als tragischer zu sterben.
Nietzsche starb an ’Bildung’». (St. s. 82.) Den Willen zu
handeln hatte Morgenstern verloren, ihm blieb nur noch eine
Tat möglich: den Schleier von dem verhängnisvollen Irrtum
wegzureissen und den Menschen zu zeigen, dass sie nichts
wissen können. Aber wie viele danken für eine zerbrochene
Illusion?

Zu dieser innern Loslösung von den Menschen trat auch
eine äussere: seine Krankheit hatte sich so gesteigert, dass
er eine geregelte Arbeit aufgeben und Sanatorien aufsuchen
musste.

Es waren die Jahre, in denen die Gedichte der «Melancholie»
entstanden, die Zeugen seiner Reisen nach den verschiedensten
Kurorten der Schweiz und Italiens. Müdigkeit
durchzittert die Verse, Verzicht auf Suchen nach Glück und
Reinheit.

   Verzicht, das ist der Wein, das ist die Waffe.
   Von diesem Safte wirst du stark und still.
               (Melancholie, Wein und Waffe, s. 59.)[1]

Der Druck der Einsamkeit lastet auf Morgenstern schwerer
als zuvor, die Hoffnung auf Verstanden werden, auf einen
ihn wirklich im tiefsten erkennenden Menschen hat er begraben.
In den «Fiesolaner Ritornellen» sagt er :

   Mohn im Winde.
   So neigen wir uns glühend geneinander, —
   doch nie wird zwei zu eins — als einst im Kinde.
                         (Melancholie, s. 32.)[2]

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Vineta, die im Meeresgründe versunkene Stadt, wird
Morgenstern Symbol für sein eigenes Verschüttetsein. Die
Hoffnung auf ein willensstarkes Emporentwickeln ist geschwunden.
Geblieben aber sein Gefühl des Zusammenhanges
von Mensch zu Mensch, von Mensch und All. Eben dieses
Gefühl aber schuf ihm Schmerz, das Bewusstsein, nicht helfen
zu können, da die Einheit nicht erlebt wird. Er glaubte an
die Liebe, an die verbindende Kraft, und fand sie in den
Menschen nicht. Und Zweifel schlichen sich ein, ob ihm je
eine Auferstehung beschieden sein werde, aus dem Chaos, in
das seine Seele, vergebens tastend, sich versenkte. - - -

«Der Frühling ist etwas Herrliches. Der Frühling aber,
der nicht mehr kommen musste , der nur so aus überirdischer
Gnade noch einmal gekommen ist, der ist nicht mit
Namen zu nennen.» (St. s. 39.) Diesen Wandel aus seelischer
Winternacht zu hoffnungsfrischem Lebensmut bewirkte das
Johannesevangelium. Im Winter 1905/06 vertiefte sich der
Dichter in die Schrift, und die Worte «Ich und der Vater sind
eins» fanden in seinem pantheistischen Weltgefühl Widerhall
und klangen während Jahren fort. Die Lehre der Einheit
in Gott, die als Grundgedanke das ganze Evangelium durchpulst,
war Morgenstern schon seit Jugendjahren Wahrheit.
Aber mit solcher Gewalt hatte sie ihn früher nie ergriffen, diese
eine Erkenntnis füllte sein ganzes Sein, und die Gedanken
durchforschten sie bis zu den letzten Schlüssen. *)

Allein Morgenstern hatte die Worte Christi nicht in dem
Sinne, in dem sie an die Pharisäer gerichtet worden waren,
auf genommen. Gott ist für ihn nicht nur der Vater, der, nur
als der Liebende eins mit dem Sohne, diesen zur Erlösung
der Menschen zur Erde gesandt hat. Gott ist nicht Schöpfer

_____________
*) Einkehr, Ich und der Vater sind eins, s. 85.

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der Welt, über dem Geschaffenen stehend, in sich selbst
vollendet, wie es das Evangelium lehrt; er ist das Alldurchdringende,
die unnennbare, mit dem Verstände unerfassliche
Kraft, die in allem Geschaffenen waltet. Der Dichter wählt
als Bild die Kugel, die aus ihrem Mittelpunkt strahlt. Gott
ist Es, das unfassbare Selbst, das Mysterium, das sich selbst
unbegreiflich ist, die Antwort auf das Sein schuldig bleibt.
Er kann sich nicht erkennen; vielleicht allein im Menschen
kann sich Gott erahnen. In Christus ist er zum erstenmale
sich zum Bewusstsein gekommen, hat er sich zum erstenmale
als Mensch erkannt. Nur Johannes hat die Gestalt Christi richtig
verstanden, hat den Erlöser erfasst als Künder des Einheitsbewusstseins.
Die Gedichte aus dem Christuszyklus (Einkehr
s. 87—95.) legen Zeugnis ab für das tiefe Erleben des
Evangeliums.

Das Allgefühl führt Morgenstern zu einer eigenen Deutung
der Dreieinigkeit: «Jahrhunderte stritten über das Wort
Dreieinigkeit. Und doch enthält es die Welt, für ein Kind gedeutet.
Der Vater, das ist das Leben, das alles ist und das
der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder
gar erklären kann. Der Sohn, das ist dies selbe göttliche Leben
als sich erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch
Christus im Besonderen. Der heilige Geist, das ist das langsame
Weitergähren dieser Erkenntnis auf Erden: dass alles
«Gott» ist.» (St. s. 212 f.) Im Menschen ringt sich Gott zum
sich selbst schauenden Geist empor. Erkennen kann nur eines
das andere, Gott und Mensch ist dasselbe, deshalb kann
nie Gott vom Menschen erkannt werden. Der Grund der
Welt ist ihr Ziel. Mit dem Erkennen wäre auch die Erkenntnis
des Zieles erreicht, und der Welt Ende. Gottes Suchen
seiner selbst ist das Ziel, ein so unerreichbares, dass wir nicht
erfahren, wo es liegt. «Alles ist Weg , Gott ist Weg ...,

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Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber. Der Weg nach
dem Sinn ist der Sinn des Wegs.» (St. s. 228.)

 Morgenstern spürt selbst der Ursache dieser Gottesansicht
nach. Sie liegt in seiner Verbundenheit mit der Natur, mit jedem
einzelnen Wesen, das als Lebendiges, Wirkendes vor ihn
hintritt und zu ihm spricht. Wäre dieser Baum oder jenes Tier
als Mechanismus zu betrachten, so könnten sie ihm durchaus
gleichgültig sein. Aber sie sind seine Brüder, anders gestaltet,
doch Ausdruck des einen gleichen Willens wie der Mensch.
Und darum fühlt er sich durch ein persönliches Band mit
ihnen verbunden, ein Geheimnis verbindet sie. «Wir sind
Brüder als Erscheinungen, und unser Beider Vater als Dinge.»
(St. s. 241.)

Die Grenzen von Ich und Du zerfliessen. Das Universum
ist eine unteilbare Einheit, jede Erscheinung eng verbunden
mit der ändern und bedingt von ihr. Unerklärbare
Zusammenhänge durchdringen das Sein, für das Denken nicht
zu erfassen, aber dem Dichter gewiss durch das starke Gefühl,
mit dem er sich daran gekettet sieht. «Ebenso hatte ich
stets das Gefühl des Zusammenhangs in so hohem Masse,
dass ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen
konnte, wie diese etwa, dass meine Hand, von A nach
B bewegt, das ganze Weltall in Mitleidenschaft ziehen müsse.»
(St. s. 237.) Er fühlt sich in alles Geschehen verwoben, den
Untergang des fernsten Sterns empfindet er als eigenste Angelegenheit.

Schon in jungen Jahren, als Primaner, suchte Christian
Morgenstern zu einer Vorstellung des Unendlichen zu gelangen,
und brach, überwältigt von dem Gefühle des Verlorenseins
im Unbegrenzten, die Übungen ab. Wieder zur Zeit
der Versenkung in die Worte Johannis durchflutet ihn dieselbe
Empfindung der Raumlosigkeit, der Verschmelzung mit

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dem All. Alles erscheint ihm neu, in bisher ungeahnten Zusammenhängen,
als Wunder, die Materie geht auf im unbegrenzten
Geiste. ((Ich habe den verwandelnden Blick.» (St.
s. 213.) Das Wunder ist das einzige Reale, es ist Gott. Das
Übernatürliche wurde einst so genannt, der Begriff ist untergegangen,
man erklärt alles als ((Natur;). Doch ist Natur
nur ein anderer Ausdruck, Worte sind aber keine Erkenntnisse.
((Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die «Natur» auf «natürliche» Weise erklärt sehen zu wollen.» (St. s.
192.) Jeder Baum wird Morgenstern ein Wunder, jeder
Mensch, den er auf der Strasse betrachtet und in dem er sich
selbst erkennt, sein Haupt, von der Hand umfasst, eine Wunderfrucht.

Der Dichter sieht das ganze Sein von Gott durchströmt,
der im Menschen seine höchste Daseinsform findet. Der vollkommenst
gelungene Mensch ist zugleich der höchste Glücksmoment
Gottes. Im Schaffen und in der Liebe wirkt Gott, Liebe
und Schaffen sind die lebenserhaltenden Kräfte. Gott ist
sich selbst Schöpfer; diese Selbsterkenntnis des Gott-Menschen
wird nur der Künstler lebendig zu erleben vermögen.

Das Versenken in das Rätsel des Seins führt ihn nahe
zu Eckhardt: Die Gottheit ist , indem sie schafft; Mensch
ist Gott, denn alles Wesen ist Ausfluss Gottes. Und nur aus
dem selbstgeschaffenen Sein zurückblickend kann sich Gott
erkennen. Selbst-Erkenntnis ist höchstes Ziel des menschlichen
Lebens, und seine höchste Aufgabe. Ablegen alles Wissens
der Erscheinungen, alles Wissens der Verstofflichung
führt zu diesem Ziele; einzig als Geist kann sich der Geist erkennen,
und wieder zu seinem Ursprünge zurückfliessen. Zu
dieser letzten Aussicht, der Befreiung des Geistes von der Materie,
war Morgenstern der Weg noch verborgen.

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Wer dies Einheitsbewusstsein nicht durch abstrakte
Schlüsse als gedankliches Ergebnis erhielt, sondern davon
durchdrungen zu neuem Lebensglauben geführt wurde, der
musste die Brotphilosophie seiner Zeit, wie er sie rings um
sich betrieben sah, ablehnen. Leidenschaft ist Morgenstern
eine sittliche Forderung, für alle, die an dem Wege zur Wahrheit
bauen. «Für mich beginnt Philosophie hart vor dem
Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk, wie andre auch....
Ohne Leidenschaft aber ist jede Tätigkeit grossen Stiles, so
erhaben sie sich auch geben mag, gemein.» (St. s. 195.) Von
der Ergriffenheit zeugen die Taschenbücher, in denen er das
Johanneswort immer wieder auf nimmt, wendet und von neuen
Seiten aus beleuchtet.

Es gilt die Ansicht eines Gottes im Jenseits auszutreiben,
er ist im Diesseits, er ist alles und jedes, er ist das Sein, er ist
nicht Persönlichkeit, er ist Persönlichkeiten . Aber nur durch
das Opfer des individuellen Todes besteht er; die Welt, das
Dividuum ist unvergänglich, ihre Erscheinungsformen, die Individuen
wechseln. Das Individuum ist der Dividualität Persönlichkeit,
oder «der Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.»
(St. s. 227.)

   Gott ist nicht etwas über uns hinaus.
   Gott ist ich, du, — doch wir nur Unser Haus.
                      (Einkehr, s. 67.)

«Leben und sterben sind nur zwei Ausdrücke für dasselbe.»
(St. s. 235.), für den Wechsel der Erscheinungsformen
des Seins. Nur für das Einzelwesen bestehen sie, das Individuum
ist aber nur Woge im endlosen Meer.

Alles Form werden ist Irrtum, ist Ringen Gottes
nach einer Gestalt, ist Entwickelung Gottes. Wäre er nicht an
Form gebunden, er müsste ins Unendliche zerfliessen, das In-
dividuum ist die Art seiner Existenz. Doch es ist Irrtum, ein

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schwaches Abbild Gottes, denn Gott erlebt sich nur unvollkommen
in jeder begrenzten Form. Gott als Universum und
Gott als Gestalt, ein Gegensatz. «Die planetarischen Kulturen
geistiger Wesen sind die grossen Grotesken Gottes. Gottes
materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.» (St.
s. 242.)

Gott wirkt im Stoffe, «alle Materie ist ja nur geistiges
Arrangement.» (St. s. 253.) Gott wirkt als Mensch, Gott ist
nur ein anderer Ausdruck für «sich», Gott ist Mensch, eines
erfüllt das andere ganz, und nur das Wort ist es, das unterscheidet.
Der Mensch, das einzelne Individuum, ist eine Form
von zufällig gerade dieser oder jener Gestalt aus tausend möglichen.

In jedem lebe ich , jeder in mir, dem Dichter wird das
ganze Sein als eigenste Daseinsfrage. Und daraus stellt er als
einziges Gebot auf: «Du darfst alles tun, was du willst,
aber bedenke, dass du es dir selbst tust.» (St. s. 210.)

Andrerseits ist jeder aber Mittäter von des ändern Taten,
und ihm gleich verantwortlich. Nicht weiche Mitleidsgefühle,
die den Träger selbst erbauen, löst dieses Bewusstsein der
Verbundenheit aus, sondern tiefen Ernst und stärkste Verantwortung
für jede Handlung. Das richtende Urteil verstummt,
und als alleiniger Lebenssinn bleibt die unermüdliche
Arbeit an der Vervollkommnung seiner selbst und seiner Brüder.
Aus der Gemeinschaft der Menschen ein Glied zu verstossen,
wäre Selbstmord.

   Wer er auch ist und was er auch tut
   bleibt er mein Fleisch und bleibt er mein Blut.
                                (Epig. s. 106.)[3]

Alles Leben ist Schuld, Leben heisst Schmerz bereiten,
dem Ich durch den ändern. Und all das unermessliche Leid,
das die Welt durchbebt, fordert Sühne, nur Liebe kann es

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mildern, nur Verständnis, das aus der Liebe emporwächst;
Anerkennung des Schmerzes, der unsertwegen gelitten, und
tätige Sühne, dies Opfer gutzumachen. Die menschliche Gerechtigkeit,
die sich gegen die Verbrecher wendet, ist nur
Schein, denn es gibt nur Gesamtschuld; wahrer Gerechtigkeit,
die alle Lebenszusammenhänge überblicken könnte, wäre
es unmöglich, sich gegen den Einzelnen zu wenden. An
jeder Untat sind wir mitverantwortlich, und das Kerkerleben
des Verbrechers ist ein Opfer, unserer eigenen Sicherheit gebracht.

Die alle in sich einbeziehende Liebe, die auch den Verworfensten
nicht verstösst, sondern seinen Motiven nachgräbt,
um ihn zu verstehen und doch als Menschen achten zu können,
den Verzicht auf jedes Richten wollen, findet Morgenstern
wieder bei Dostojewski. Es ist schwer, hier von «Einfluss»
zu sprechen. Gleichgerichtete seelische Veranlagung
ist die Grundbedingung zum erlebten Verständnis, und nicht
nur gedanklichen Verstehen; gleiche Keime erwachsen nur
auf gleichem Boden. Seine eigene Überzeugung, seine intuitiv
gewonnene Erkenntnis findet der Dichter bei dem grossen
Russen ausgesprochen. Den Kampf um Gott, die eigene wühlende
Leidenschaft für die Wahrheit, das Ringen nach Selbsterkenntnis
sieht er in dessen Gestalten zu übermenschlicher
Grösse gesteigert. Wie einst bei Nietzsche, so zwingt ihn auch
hier wieder die eruptive Gewalt der Seelenglut, die nach
scheinbarer Ruhe plötzlich losbricht und alle Überlieferung
hinwegfegt.

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An Dostojewski.

   An dir soll man sich nähren hier und dort,
   an dir des Herzens Unruh wieder lernen.
   Du Glut aus Steppenbrand und Gottessternen,
   nicht Künder bloss, du selbst ein neues Wort.
                              (Epig. s. 55.)[4]

Nur Kampf und Leid kann die Erkenntnis meiner selbst
fördern. Aber da ich, als Teil des Ganzen leide, so bringe
ich allen ein endloses Leid, und das meiner Entwickelung wegen.
Dieser notwendige Schmerz, dem Ganzen zugefügt, lässt
sich nur durch Liebe auf wiegen. «Liebe nicht zu Mir, sondern
zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden
Welt, zu allem, was überhaupt noch Werden heisst.»
(St. s. 224.)

Leid des Menschen ist Gottesleid. Das dumpfe Ahnen
dieses Schmerzes der ganzen Welt, zusammengefasst in dem
Einen, in Gott, eines Schmerzes, den Gott von sich selbst
fordert, fordern muss, heisst jede Anklage verstummen. Gott
ist das unvergängliche Geheimnis, seine eigene Ursache und
sich selbst unerklärlich.

Liebe ist der Weg, der zu den Menschen führt, zu dem
grossen unbekannten Ziele Gottes.

   Nur wer den Menschen liebt, wird ihn verstehn,
   wer ihn verachtet, ihn nicht einmal — sehn.
                            (Epig. s. 153.)[5]

Der einzige Feind ist darum jedem sein eigenes Ich,
denn es versperrt den Pfad zum Guten und damit den geistigen
Fortschritt durch eigennützige Forderungen.

Unglück, das von aussen herantritt, muss zum einstigen
Glück führen, es ist der einzige Weg zur Vertiefung.

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Gott ist Weg, nach dem unbekannten Ziele. Jede Zeit
ist eine Phase Gottes zu seiner Vollkommenheit. Denn Gott
erlebt sich erst ahnungsweise auf unserer Erde. Man muss annehmen,
dass jeder mögliche Gedanke über Gott wirklich von
ihm gedacht wird; weshalb soll denn nicht Gott in Wesenheiten
anderer Himmelskörper in vollkommenem Bewusstsein
seiner selbst sein? Die Erde stellt nur einen bestimmten
Entwicklungsgrad Gottes dar. Diesen Gedanken schrieb Morgenstern
1906 nieder, drei Jahre bevor er mit der Anthroposophie
in Berührung kam, die ihn, in ein System gefasst, als
Wahrheit bestätigte.

So sind ihm die Menschen wie Blätter, die sich selbst vom
Baume gerissen und vom Wahn zum Wissen zurückkehren
in unermesslichen Zeiträumen. Stetig treibt Gott, die Gesamtheit
der Individuen, sich empor zu seiner Erkenntnis, er ist
ein unendliches Aus-sich-selbst-heraus-wachsen in unendlichen
Zeiten. »Wachstum ist alles, das Wort «wächst» viel-
leicht das letzte mögliche Wort.» (St. s. 232.)

Was aber ist der Sinn des Lebens, wozu das Leid und der
Schmerz, der die Welt durchdringt? Der Dichter sucht sich
eine Antwort zu geben:

   Mich geht der Jesuit nichts an. Jedoch
   sein Satz vom Zwecke, der das Mittel heiligt,
   er ist vielleicht ein Griff ins Herz des Lebens:
   wenn Welt das Mittel ist zu Gott als Zweck.
                              (Epig. s. 148.)[6]

Die Hoffnung auf bessere Zukunft, der Traum ohne klares
Bild, wird sich einst erfüllen. Für den Lebenden aber besteht
Aufgabe und Trost zugleich, sich selbst so edel als
möglich zu erziehen. Diese Aufgabe ist die einzige klare Erkenntnis,
die ihm, der das Mysterium nicht ergründen kann,

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bleibt und der einzige Weg, der zu einem Fortschritte führt.
«’Der Übermensch ist der Sinn der Erde’ — das heisst: der
Erde Sinn ist ihr Untergang in — Höheres.» (St. s. 254.) Der
bewusste Wille zu diesem Wachstum ist Religion. - - -

Das Ich als Gott auf das Ich als Einzelseele herabblickend,
welches zu Gott aufstrebend sich bemüht, — Vater
und Kind zugleich zu sein, — dies Rätsel zu lösen versuchte
Morgensterns Denken vergebens. Sein Gefühl hob ihn aus seiner
irdischen Einzel-heit hinaus und strömte in das All. Er
steht sich selbst gegenüber:

«Ich sehe mich selbst, schreibend zur Nachtzeit —
im Bett bei der Lampe, dies Büchelchen schreibend.. Und
all das bin Ich.

Ich sehe . —» (St. s. 28.)

Doch die Frage nach der Zukunft, nach dem Weg und
Sinn der Entwickelung blieb unbeantwortet.

   — «Du ud der Vater —» ....ja, du hellster Strahl,
   ich kenne, ich erlebte, was du lehrst;
   und doch — dies ist nur Ruhn in einem Schoss....
                       (Ich und Du, s. 76.)[7]

Die Mystik, so tief sie Morgensterns Denken umgestaltet
hatte, blieb unfruchtbar. Der Dichter war, wie er sich ausdrückte,
in eine Sackgasse geraten. Der Weg nach oben blieb
gesperrt, er sah keine Möglichkeit mitzuschaffen, ausser in
der Arbeit an sich selbst. Er glaubte an die Liebe, die Grundkraft,
die alles und alle durch Entwickelung zum Glücke
führen wollte, doch der Ausblick war verschleiert.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Wein und Waffe
  2. Fiesolaner Ritornelle
  3. Epigramm Nr. 647
  4. An Dostojewski
  5. Epigramm Nr. 628
  6. [[Epigramme, Sprüche und ähnliche lyrische Formen 531 - 540#539|Epigramm Nr. 539
  7. Ich schein ein Doppeltes (o. T.)