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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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Das Werk.

In zwei schwer zusammen deutbare Gruppen von Gedichten
klafft Morgensterns Werk auseinander: hier die ernste
Lyrik, die sich immer mehr vom Erdboden löst, um in
gedankliche Höhen zu steigen, und dort die Galgenlieder mit
ihren Nachfahren. Früchte der Arbeit und Früchte der Erholung,
liegen sie in getrennten Schalen, die sich die Wage halten.
Ringen um geistige Erkenntnis wird durch zeitweises Vergessen
in launigem Spiel abgelöst und neu gestärkt.

Morgensterns Leben ist nicht reich an «interessanten»
Daten. Das äussere Geschehen spiegelt sich kaum in den Versen;
aus seinen Gedichtbänden liesse sich kein Lebensbild
schreiben. Sein Dasein war ein Kampf um Wahrheitserkenntnis.
Das Suchen nach Klärung, nach einer eindeutigen Formulierung
des erst ahnungsweise Erfassten, das Ringen mit
dem Wort, dem einzig möglichen — und doch so unzulänglichen
— Mittel gibt oft den Gedichten einen gedanklichen
Charakter.

Die Gestaltung seiner persönlichen Erlebnisse, dessen
was ihn erfreut und quält, kann ihm nicht mehr, wie in früheren
Jahren, genügen, seit ihm die Verkettung von Mensch
und Kosmos lebensleitender Gedanke geworden.

In dieser geistigen Erkenntnis hat er Ruhe gefunden, einen
Standpunkt, der über seinen Leiden, seiner körperlichen
Krankheit wie der oft schmerzlichen Berührung mit den Menschen,
lag. Seine Sensibilität beugte sich unter den Verstandeskräften,

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der Entwicklungskampf zeigte ihm seine eigene
Last als Notwendigkeit, und nahm deren Schwere.

Und während der langen Zeit des Suchens und Aufbauens
eines eigenen Weltbildes entstanden, nebenbei, die
Galgenlieder. Was er als Lebensaufgabe sah: Loslösung von
allem Stoff haften, nahm Morgenstern im Spiel hier voraus.
Sie geben nicht Humor, dazu ist der Stoffgehalt zu unwirklich,
sie sind Humor, im ernstesten Sinne des Wortes-:
in Uber-sich-selbst Stehen, ein Vorgreifen des Zieles,
das seinem Streben noch unerreichbar, ein Wegleugnen des
schweren Erdgewichtes, das ihn am freien Schritte hindert.
Ein Lächeln über die eigene Bemühung, jedoch ein Lächeln
ohne den bittern Tropfen der Ironie. Denn er glaubte, dass
er das Ziel erreiche. —

Der Mensch ist ein Entwicklungsproblem, er ist das
Problem, und die Fragen um seine Zukunft, um eine glückliche
Zukunft, die letzte Frage. So verlieren Morgensterns
eigene Erlebnisse, als die eines Einzel-Ichs, immer mehr an
Bedeutung, die Kraft ihres Eindrucks ist zu schwach, als dass
sie ihn noch zur Gestaltung drängt. Die Gefühlslyrik wie die
Naturbilder weichen der Gedankenlyrik.

Und wie in den ernsten Dichtungen, so weitet sich auch
der Blickkreis in den grotesken Gedichten. Er erhebt sich über
die Galgenperspektive, wenn auch Form und Behandlung
des Stoffes kaum ändert. Nicht wie der Galgenbruder von
seinem erhöhten Stand-, oder richtiger Hängeplatze aus die
Welt sieht, erregt mehr sein Interesse, psychologische und
philosophische Fragen treten in den Vordergrund. Das unpersönliche
Wortspiel verschwindet immer mehr, und weicht
den Beobachtungen an sich und seinen Mitmenschen. —

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten