AM:CMWuW - Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung

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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


   S. 5
Der Mensch und die Grundlagen seiner
Weltanschauung.

Die Tagebuchnotizen aus den Jugendjahren Christian
Morgensterns zeigen den Kampf von Ich und Umwelt. Immer
wieder finden wir Gedanken über die Kluft, die zwischen seinem
Wirkenwollen, Denken und Fühlen klafft, und den Menschen,
die ihn, verständnislos für seine Pläne und Ideen, umgeben.
Wenn er das Dasein bejaht, so geschieht dies nicht
aus Kraftüberfülle, sondern aus innerm Drange zu helfen;
er glaubt nicht an das Leben, wie er es um sich sieht, sondern
wie er es für die Zukunft erschaut. Es hat für ihn nur
Sinn als Weg .

1895 erschien «In Phantas Schloss», ein Gedichtzyklus,
der seine Motive aus der sinnlich-sichtbaren Natur schöpft
und in freiem, launigem Phantasiespiele deutet. Und in diesen
Jahren auch entstanden die ersten Galgenlieder.

Der Gymnasiast Morgenstern wird als lebensfroher Kamerad
geschildert, immer zu Spass aufgelegt und unermüdlich
in ulkigen Einfällen, ein Führer, um den seine jüngern
Freunde sich begeistert scharten. Von innern Kämpfen habe
man nie etwas bei ihm bemerkt.*) Wie lässt sich dieser Widerspruch
deuten? Dass die feine, häufig qualvolle Empfindsamkeit
erst später, und dann plötzlich aufbrach und zur
führenden Macht seines Lebens wurde, ist nicht anzunehmen.
Schulnöte hat Christian Morgenstern gekannt, ich erinnere

___________
*) Nach einer Mitteilung von Friedrich Kayssler.

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nur an die Schwierigkeiten, die ihm das Mathematikstudium
verursacht hatte, und an den Gegensatz von Wirklichkeit und
Schein der Schulfrömmigkeit, der ihn zum Widerspruch reizte.
Wenn auch solche Erlebnisse später als leicht gewogen
werden, in ihrer Zeit müssen sie als feindliche Macht auf ihm
gelastet haben. Und doch fehlte ihm das heitere Lachen nie.
Er hatte Schweigen gelernt; sein Gefühls- und Phantasieleben,
sein Eigenstes und Tiefstes, stiess sich wund an der
Verständnislosigkeit der Mitmenschen, und so spielte er den
frohen und unterhaltsamen Gesellschafter, so lange er dazu
gezwungen war.

Seinen Humor lebte er im Kreise der Menschen aus, was
er vor ihnen zurückbehielt, legte er in den Taschenbüchern,
die zum Teil in den «Stufen» veröffentlicht sind, nieder. Sie
zeigen den Kampf und die immer erneute Enttäuschung
durch Unverstandensein, bis er sich schliesslich zur Erkenntnis
durchgerungen, dass das Beste im Menschen unveräusserlich
ist, und zurück gewiesen wird, wenn man es verschenkt.
Morgenstern zog sich in sich selbst zurück, er wollte nicht über
sich reden machen, da es ja nur ein Reden war über das,
was ihm unwesentlich schien. «Es gibt nichts Degoutableres,
als fortwährend von sich als Person zu reden (ausser zu bestimmten
Zwecken), oder über sich reden hören zu müssen.
Daher ist es so kläglich, krank zu sein; ein Zustand, in
dem dieses Reden und Beredetwerden fast unvermeidlich ist.»
(St. s. 170.) Fühlte er sich, während der Jahre der Krankheit,
zu unwohl und unfähig der Gesellschaft beizuwohnen,
ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so wandte
er sich von ihr ab. Nicht nur aus dem Wunsche heraus, nicht
aufzufallen, er wollte auch niemand zur Last werden. - -
«Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft
wird.» (St. s. 21.) Dieser Kampf wurde Morgenstern oft

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schwer. Nicht weil er am Siege verzagte, aber er sah sich
allein, seine Mitstreiter hatten ihn verlassen. Für seine Ideen
fand er kein Gehör, eisige Gleichgültigkeit durchkältete seinen
glühenden, leidenschaftlichen Gedankenflug. Wieder versuchte
er mit frischem Glauben an die Menschen heranzutreten,
um mit der selben, schon oft erlebten Enttäuschung heimzukehren.
Die «Stufen» und «Epigramme» sind Zeugen der
durch Jahre gehenden Versuche und Ablehnungen.

Der Specht.
   Wie ward dir, kleiner Specht, so grosse Kraft!
   Von deinem Klopfen tönt der ganze Schaft
   der hohen Kiefer. Wär’ auch mir vergönnt,
   dass ich den Menschen so durchklingen könnt’!
                          (Melancholie, s. 84.)[1]

Das Gefühl der Verlassenheit, der nutzlosen Aufopferung,
lässt Morgenstern an seinem Erfolge, an der Erreichung
seiner Pläne zweifeln, und den Mut verlieren zu weiterer Arbeit.

Endurteil.
   Ein Vollendeter, ein Vollendeter!
   spricht vielleicht der Menge Mund.
   Ein Verschwendeter, ein Verschwendeter!
   hallt’s zurück aus Grabesgrund.
                            (Epig. 8. 76.)[2]

Um sein Selbst behaupten zu können, baut er sich eine eigene
Welt der Zukunft, an die er seine Hoffnung hängt,
und sucht in der menschenfernen Natur Kraft für weiteres
Schaffen. Denn der Glaube ist Leben; wenn er alle Schöpfung
als sinnlos erkennen müsste, so wäre auch jeder Sinn
seines Lebens verneint. Und die Natur, mit der er, erst als

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Bild, dann als geistgeformten Stoff, sich verwandt und gleichen
Ursprungs sieht, kann er nicht als nur zufällig gestaltete
Materie anerkennen.

So trennt er sich von den Menschen; denn was ihm das
Leben wertvoll macht, findet er nicht bei ihnen. 1906 schreibt
er in das Tagebuch: «Wenn ich etwas an Christus verstehe,
so ist es das: ’Und er entwich vor ihnen in die Wüste.’» (St.
s .17.) Und doch zieht es ihn hin zum «Bürger», zum Normalmenschen
sozusagen, der von den mannigfaltigen Problemen,
die Morgenstern keine Rast gönnen, unberührt dahinlebt.
Beim Bürger findet der Grübler die Ruhe, eine Welt,
so fern der eigenen, dass ihm dort unmöglich ist, sich in seine
problemschwere zurückzudenken. Doch nur für kurze Zeit,
denn es ist nicht der Boden, auf dem er wachsen kann.

   Wie bin ich, Bürger, oft so gern dein Gast;
   wie dient mir deine Welt gar oft zur — Rast!
                            (Epig. s. 44.)[3]

Einen Schutz gegen die schmerzlichen Enttäuschungen
der Welt findet er in der Apathie. Sie half ihm die ersten Anstürme
abwehren, denn «was mir in einer Stunde unzweifelhaft
den Atem abgeschnürt hätte, wurde mir so in Tagen und
Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein Leben nicht eben
zerstörte, aber langsam und sicher ermattete.» (St. s. 11.)

Doch die äussern Erlebnisse waren nur ein Leidensquell,
der andere war sein Dilletantismus, der Widerstreit
zwischen dem Willen zum Grossen und der Einsicht, dass
seine Kräfte vor der Erreichung des geschauten Zieles erlahmen
müssten. Er selbst sieht die Ursache in seiner Erziehung,
oder richtiger im Mangel einer zielbewussten Erziehung,
in einer Welt von Kulturlosigkeit, in der er seine Jugend verleben
musste. «Eines kann ich wohl als Merkwort über all
mein Leben und seine Erfahrungen schreiben: Fast alles,

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was ich geworden bin, verdanke ich mir selber, einigen Privatpersonen
und dem Zufall.» (St. s. 18.) Er sieht sich als
Wanderer, den sein Dämon hindert, einen Stab zu finden,
der aber trotzdem das Steigen nicht lassen kann, so oft er
auch erschöpft niedersinkt.

Diese Selbstbeurteilung weckt Zweifel und die qualvolle
Frage, ob der Wille ausreiche bis zur Erfüllung des gesteckten
Zieles, oder ob er versage, bevor es erreicht. Christi Vorwurf
in Gethsemane: Und du schläfst? ruft er sich immer wieder
als Mahnwort zu : «Immer wieder kommt mir die Szene auf
Golgatha ins Gedächtnis, immer wieder komme ich zu mir
selber wie Christus und frage mich: Und du schläfst! Und
ich fahre auf und Scham übergiesst mich ganz und ich erwache
zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder
im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst an mich heran,
rührt mir ans Herz, dass ich wie verwundet aufschrecke und
zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du
schläfst!» (St. s. 248.)

Der Gegensatz von Wollen und Vermögen schafft ihm
bittern Schmerz, «Ich verbrenne an meinem eigenen Massstab.»
(St. s. 9.) Was hilft dagegen sein künstlerisches Schaffen;
oft schaut er mit Hohn auf seinen Drang, die Erlebnisse
in Form zu giessen und durch diese geistige Distanzierung zu
beherrschen. Sein Gestalten hasst er als ein zur Schau stellen
des ihm Heiligen, des einzig ihm Begreiflichen, vor die Augen
der Menge, die kalt neugierig an seine Werke herantritt. Das
Schaffen ist ihm nicht Erlösung, es zeugt neues Leid. Denn
es ist doch nur unvollkommener Ausdruck all der Kämpfe,
die sein Innerstes durchwühlen; er sah klar: das Wort kann
nicht das Wesen des Dinges umfassen, es täuscht nur über die
Unfassbarkeit dessen, was er ausdrücken will, hinweg. Und
«Ihr wisst gar nichts» ist Morgensterns Endurteil über seine

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Leser. Zur Gestaltung drängt ihn ein Zwang, der ihm als
grausam gegen sich selbst gerichtete Verhöhnung der eigenen
Unmacht erscheint.

   Bin ich nicht Dichter? Hab ich nicht das Vorrecht —
   oh welch ein Vorrecht! — jedem frechen Auge
   die Räume meiner Häuslichkeit zu zeigen?
   Hört doch mein Pathos, das euch jeden Winkel
   beschreibt und tut, als hätt es just zum Zweck,
   ihn euch als Sehenswürdigkeit zu preisen.
   Ist’s Eitelkeit, die mich zum Cicerone
   der eignen Seele macht? ist’s Geiz nach Ehre?
   Mangel an Scham, an Stolz, an Wert, an Tiefe?
   Das alles ist’s wohl auch, doch ist’s noch mehr.
   So etwas noch wie Rachsucht, Grausamkeit,
   Blutgierde, Hass, Verachtung wider mich selbst,
   so etwas, das nicht hat, was es erlechzt,
   ein Durst nach Macht, der ungestillt, verzehrt,
   das Wär ich! vor der kalten Sphinx Ich bin.
   - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   Wohl lud ich oft euch in mein Haus — allein
   die Dielen haben Doppelböden, Spiegel,
   dreht man sie um, sind Türen insgeheim,
   und im Getäfel schlafen weite Truhen.
   Ihr wisst gar nichts . Und ob ich mich verlöre
   in einen Strom von Worten! Werft euch lüstern
   in diesen Strom ! Da fliesst er. Er gehört euch. —
   Ich werde an mir selbst zugrunde gehn.
                      (Welt, 3. Aufl. s. 15/16,
                               Entwicklungsschmerzen.)[4]

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Rückblickend gibt er 1908 in dem «Tagebuch eines Mystikers»
ein Bild seiner selbst: «Wie — wäre mein Problem
dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren, wo das Mittelmässige
und das Ausserordentliche zusammenstossen, ein
Mensch, zu gross, zu reich, zu tief, im Gewöhnlichen zu verharren,
und doch zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im
Ungewöhnlichen? Mir fällt ein Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren
ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz anders
zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach
nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem
gewissen Grade überwand: ’Ich möchte schwächer sein und
bin es nicht, ich möchte stärker sein und bin es nicht, und
dass ich stärker nicht noch schwächer bin, als wie ich bin,
das ist’s, was mich zerbricht’. Und auch das fällt mir ein:
Wie ich mich früher gehasst habe. Gehasst bis zu bitterster
Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den
Garaus machte. Und all mein Flehen um Tiefe fällt mir ein,
das der alte Gott noch hören musste und erfüllen sollte.» (St.
s. 248.)

Dass der Grund zu solcher Weltfremdheit in ihm selbst
lag, sah Morgenstern wohl. Er war so ganz anders geartet als
die meisten fest in ihrer realen, aber engbezirkten Welt verwurzelten
Menschen um ihn, und ihr Unvermögen ihn zu
verstehen sah der Dichter ein. Der leidenschaftliche Kämpfer
für alles, was Menschheitsfortschritt versprach, der Nietzscheanhänger
mit rücksichtsloser Verachtung der Errungenschaften,
auf die seine Zeitgenossen stolz hinwiesen, war ihnen
ebenso unverständlich wie der Träumer, den irgend eine
schlichte Blume, ein Vogellied zu Tränen rühren konnte.

Am fernsten aber stand ihnen der Dichter, wenn er, seine
ernsten Gedanken verscheuchend, in Spiel und freien Phantasiebildern
Erholung suchte, wenn er sich erlaubte mit Kindern

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oder für sich allein wieder Kind zu sein. 1907: «Ich
könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus
Steinen und Holzstücken Häuser bauen, mit dürren Zweiglein
Strassen abstecken und Haine bilden, einen Felsblock zum
Range eines Alpengipfels erheben und einem Hirschkäfer und
seiner Frau die Herrschaft über das alles verleihen. Und dieses
kleine Reich würde mich glücklicher machen und meine
Phantasie umständlicher erregen und beschäftigen — als ein
noch so grosses der Wirklichkeit.» (St. s. 26.)

Nicht nur Naturgegenstände, auch jegliches tote Ding
um ihn sah er voller Leben, als ein ihm gegenüberstehendes
Eigenwesen. Mehr als nur ein müssiges Spiel der Einbildungskraft
war dies. Manche Jahre reiste er von Stadt zu Stadt,
in fremden, gleichgültigen Zimmern hausend, die ihm keine
Heimat sein konnten. Da wurde ihm Bedürfnis mit Dingen,
die ihn begleiteten, ihn umgaben und ihm Hilfe leisteten, zusammen
zu sein als wie mit Lebewesen. Jedes erhielt seinen
Sinn und Ort, sozusagen seine Aufgabe und wurde Individualität.
Und vielleicht: Leitete er nicht die Liebe, die an den
Menschen schroff abbrandete, dorthin über, wo keine Enttäuschung
zu fürchten war? Freund wurde er ihnen, wie er auch
sie als Freunde ansprach.

Meinem Koffer.
   Stämmiger Gesell
   Meiner Wanderfahrt
   Dessen rostbraun Fell
   All mein Gut bewahrt!

   In mein Wappen tu
   Ich dein Bild hinein
   Und ein Spind wie du
   Sei mein letzter Schrein.

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   In der Ecke dort
   Ist dein Aufenthalt,
   Nimmer sollst du fort
   Auf den Speicher kalt.
            (Einkehr, s. 42.)[5]

Es bestehen einige handgezeichnete Blätter von Christian
Morgenstern, Notizen für ein Kinderspielbuch, das aber nie
zur Ausführung gelangte. Darauf finden sich Vorlagen für
die verschiedensten Figuren, die mittels eines zusammenlegbaren
Masstabes gebildet werden können. Der Dichter wendete
sich hinab zum Kinde, zurück zu seiner eigenen Kinderzeit,
um dort Ruhe zu finden vor dem Tage und Kraft für den
Tag. Dies war seine eigene Welt, und wäre er mit ihr vor die
Menschen getreten, er hätte kaum ein mitleidiges Lächeln geerntet.

Tragikomödie des Phantasten.
   Ich schnelle meinen Zollstock mit der Hand —
   und halbe Welt entwächst dem dürren Sparren.
   Ich schnelle meinen Zollstock mit der Hand —
   und Ihr, was seht ihr? Nichts plus einen Narren.
                 (Melancholie s. 76.)

Gedanken und Bilder, die Ergebnisse des schweren
Kampfes von Hoffen und Zweifel wie die luftigen, verschwebenden
Gebilde der unbeschwerten Phantasie schloss er
in sich ein, lange bevor seine Krankheit so sehr zur Macht
gelangte, dass sie ihn auch äusserlich vom Kreise der Menschen
abzog. Das Lungenleiden, dessen erste Anzeichen
schon anfangs der zwanziger Jahre auftraten, erlangte keine
wandelnde Macht über seine innere Entwicklung, alle Kraftlinien,
die seinem Geiste neuen Impuls und neue Richtung

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gaben, stammen aus geistigen Gebieten. Nietzsche war die
Stütze des Glaubens an eine künftige bessere Zeit, die auch
die Erkenntnis der ausbrechenden Krankheit nicht zu stürzen
vermochte. Und da die schwerste Zeit über ihn hereinbrach,
kurz nach der Jahrhundertwende, als er den Glauben
an Welt und Zukunft verloren hatte und alle Wege nach dem
Sinn des Seins verschüttet sah, lastete das körperliche Leiden
noch nicht mit voller Schwere auf ihm. Das Johannes-Evangelium
öffnete seine Augen für die mystische, nur gefühlsmässig
zu erlebende All-Einheit des Kosmos, und als er, Sieger
über die Welt der Materie, in der Anthroposophie das
Gefäss gewann, in das er seine verströmende Alliebe eingiessen
konnte, und dadurch innern Halt fand, war er ein körperlich
gebrochener Mann, der seinem Leben nur noch wenige
Jahre gab. Schmerz schuf ihm nur, dass es ihm als
Kranken nicht möglich war, unter die Menschen zu treten und
ihnen die Lehre zu verkünden, die ihm selbst Friede und Gewissheit
gebracht hatte.

Seine Krankheit fühlte er als etwas, das sein eigentliches
Sein nicht ergreifen konnte, der Leib war ihm nur Träger
des unsterblichen Ichs, das in unzähligen Reinkarnationen
zur Vollkommenheit strebte. «Gewiss, ich bin seit zwanzig
Jahren leidend, wie sich ja nun neuerdings in einem öffentlichen
Almanach nachlesen lässt, aber, so paradox es klingen
mag, es sträubt sich alles in mir, von irgend jemandem
als krank empfunden zu werden. Denn ein Gefühl wirklichen
Krankseins ist bisher meiner noch nicht Herr geworden, trotz
allem, und natürliche Depressionen abgerechnet, und wird
es hoffentlich auch nie werden.

«Leiden» kann man an allem, aber um «krank» zu sein,
muss einen ein fremdes Etwas besitzen, muss man der Sklave
seiner Krankheit geworden sein. Ich möchte den Satz aufstellen:

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Kein wahrhaft freier Mensch kann krank sein.» (Aus
einem Briefe, Goetheanum, 3. Jg. No. 4, s. 28.)

Wie Morgenstern sich in seine Phantasiewelt zurückzog,
um Vergessen zu finden für die Wunden, die er draussen im
Kampfe erhalten, so suchte er in der Natur Kraft, wenn er
fürchtete im Kampfe gegen den innern Feind, seine Schwäche,
zu erlahmen. Die Natur ist ihm das in sich Gefestigte, Vollendete;
Lebensfrieden und Zweckmässigkeit haben sich in ihr
vereint. «Der Stamm einer Bergfichte ist das Urbild ruhiger,
in sich gefestigter Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald
nichts zu stören oder gar zu brechen vermag, offenbart
sich in ihm. Ihre Äste, Zweige und Nadeln aber strahlen mit
solch äusserster Zweckmässigkeit rings von ihm aus, stellen
im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln einen so weise
der Aussen- und Umwelt eingepassten Körper dar, dass man
begreift : hier liegt die Lösung eines Problems
vor, an der vielleicht unermessliche Zeiten gearbeitet
haben.» (St. s. 40.) «Warum erfüllen uns Gräser, eine
Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust? Weil wir da Lebendiges
vor uns sehen, das nur von aussen her zerstört werden
kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem
Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand
verlieren.» (St. s. 41.) Er sieht in der Natur erfüllt, was er
für sein Leben sich als Ziel setzte: Ausgleich von Kraft
und Wille.

Diese Synthese, diese restlose Lösung ist ihm heiliges
Wunder und stets erneute Frage. «Mein Hang zu philosophischem
Nachdenken beruht auf der einfachen Grundlage, dass
ich in jedem Augenblick über das kleinste Stück Natur irgendwelcher
Art in höchste Verwunderung geraten kann.»
(St. s. 9.) Er erkennt, mit dem Verstände sind diese Rätsel
nicht zu deuten; Wirkungen aus Ursachen zu errechnen hat

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die Wissenschaft gelehrt, doch auf den Grund der Dinge
taucht der menschliche Verstand nicht. Die Welt bleibt Wunder,
ein Wunder der Makrokosmos wie der Mikrokosmos.

Die Natur gab ihm ein offenes Auge, diese Wunder zu
schauen. Morgenstern ist durchaus visuell veranlagt; er gestaltete,
ausgenommen in den letzten Jahren, als ihn philosophische
Fragen allein noch erfüllten, stets bildhaft. «Mein
Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge
ein.» (St. s. 31.) Und ein andermal bekennt er: «Die Natur
kennt nur Farbenübergänge, keine Farben.» (St. s. 36.)
Ist das nicht das Programm des malerischen Impressionismus?
Der Dichter ist Erbe von Vater und Grossvater, der als einer
der ersten in München, trotz überwiegender Verständnislosigkeit
von Zunftgenossen und Publikum, die Freilichtmalerei
ausübte. Morgensterns Sehnsucht war praktisches Schaffen;
Plastik und Architektur, das Gegenständliche erfüllte sein Interesse,
auf den Jugendwunsch, bildender Künstler zu werden,
musste er verzichten. Die Vorliebe für die malerische Erscheinung
des einzelnen Dinges — er sieht sich darin Menzel verwandt
— und das Bedürfnis, dieses Ding sich als Individuum
gegenüber zu stellen belächelt er selbst im «Palmström», der
sein schönes Taschentuch unbenutzt zusammenfaltet, nach
dem er dessen Zeichnung bewundert:

   Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen, —
   er gehört zu jenen Käuzen,
   die oft unvermittelt — nackt
   Ehrfurcht vor dem Schönen packt.
               (Galgenlieder s. 48.)[6]

Der Drang nach Gestaltung, das Bedürfnis, durch klare
Form zur Eindeutigkeit und Wahrheit zu gelangen, wurde
Forderung für sein geistiges Erleben. Sein Denken ist ein Ringen
mit dem Wort, Gefühlswahrheiten haben für ihn erst

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Gültigkeit, wenn er sie intellektuell durchdrungen und geklärt
hat. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, das er
so glühend liebte und bejahte, wusste seine Mystik keine Antwort.
Formuliert fand er sie erst in der Lehre der Anthroposophie.
Und doch — für das letzte Rätsel hatte er wohl ein
Wort, es zu nennen, nicht aber auszulegen.

Das Unerklärbare, nur zu Erfühlende, die Schöpferkraft
der Wunder-Welt ist für Morgenstern die Liebe. Diese Liebe
durchflutet alles Geschaffene, und sie auszuüben, in ihren
Dienst zu treten, muss Aufgabe eines jeden Menschen werden.
Aus innerstem Erleben fliesst ihm solche Erkenntnis zu,
aber zu gedanklicher Erfassung und Formulierung ist ihm
sein Gefühl zu weit und zu mächtig. So bleibt sie des Dichters
offene Frage und wird treibende Kraft auf dem Wege zu
einer eigenen, geschlossenen Weltanschauung.

«Es gibt gewiss nicht gar so viele, denen es leicht
fällt, die Menschen zu lieben. Nun, mir fällt es zuweilen
leicht: warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich zu ihnen
sein? Ich finde an jedem etwas, was mir Sympathie oder doch
Interesse abnötigt.» (St. s. 19.) Und später: «Was ist der
Mensch, dass er nicht alles hingeben sollte — um des Menschen
willen!» (St. s. 137.)

Vor dieser Pflicht darf auch der Künstler nicht zurücktreten,
die Lösung der ihn bedrängenden Gefühle durch Formgestaltung
ist nicht Endzweck seines Schaffens, sein Wirken
soll Geschenk sein an die Menschheit. «Über all meinen Werken
soll es wie ein grosses Verstehen liegen — und davon
werden viele glücklich werden.» (St. s. 6.)

Damit findet Morgenstern, auf dem Wege eigenen
Pflichtdranges, den Zugang zu den Menschen wieder. Er mag
sich schmerzlich von ihnen wegwenden, loszulösen vermag er

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sich nicht. So schafft er aus dem Unwirklichen, um der Wirklichkeit
den Weg ebnen zu helfen.

Aus den selben unrealen Gebieten erwächst sein Humor.
Er ist Spiel mit den Stoffen aus der Wirklichkeit, die er von
aller irdisch beschwerten Logik und Kausalität befreit. Aus
der materiellen Welt nimmt Morgenstern die einzelnen Bausteine,
das Haus, das er sich aber daraus errichtet, meidet geflissentlich
jeden dort anerkannten Stil. Die «humoristischen»
Gedichte sind viel mehr als die ändern eine bewusste Abwendung
von seiner Zeit und ihrem positivistischen» und materialistischen
Ideal (wenn man dieses Paradoxon anwenden darf).
Näher soll auf diese groteske Art des Humors, die ja Morgensterns
Namen viel weiter verbreitet hat als die ernsten Gedichte,
bei Behandlung der Galgenlieder eingegangen werden.

Ein Kampf polarer Mächte ist sein Leben: eingeborene
Liebe zu allem Gegenständlichen, Sinnlichen, vom kleinsten
«toten» Stück Welt bis zum Menschen, und Scheu und Verschliessen
 vor dem selben Menschlichen, wenn es zu hart auf
seine fein entgegen wirkende Seele stiess. Doch alles Leid
konnte ihn nicht besiegen : wenn auch Glaube und Schaffens-
kraft erstarrt schienen, dennoch barst wieder die eisige Decke
unter dem Drucke seines Lebenswillens. So tief wie sein Leid
fühlte er auch das Glück, oft über einer einzigen schönen Blume,
einer Landschaft.

Oder über einen neuen Blick in die Zusammenhänge der
Welt. Das Allgefühl gedanklich zu erfassen, um es sich selbst
gegenüber dadurch zu rechtfertigen, war sein Problem. Also
intellektuelle Erfassung seines Gefühlserlebnisses das Ziel.
Nietzsche war erst sein Führer. Doch Morgenstern sah das
Ideal des Übermenschen, auf das er hoffend seinen Blick gerichtet,
verschwimmen. Diese Schöpfung Nietzsches war zu
vielgestaltig und vieldeutig, als dass sie ihm dauernden sittlichen

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Halt geben konnte. Und gleichzeitig erkannte Morgenstern,
dass die Mühe, auf dialektischem Wege zur Erkenntnis
der Dinge zu gelangen, vergeblich sei. Wer mit dem
Worte vermeint seinen Inhalt erfasst zu haben, ist wie einer,
der glaubt den Wind zu greifen, wenn es ihm gelingt, das
Windrad aufzuhalten. Der Verstand also schürft nicht den
Grund des Seins. Der Grund aber ist die Liebe, das war für
Morgenstern eine intuitiv errungene, über allen Zweifeln stehende
Wahrheit, die er, trotz der Einsicht in die mangelnde
Erkenntnisfähigkeit des Intellektes auf Verstandeswegen, zum
Teil wenigstens, zu ergründen suchte. Liebe und Gott ist eines,
Gottschöpfer und Gottwelt eines. Das Johanneswort «Ich
und der Vater sind eins» schien ihm der Schlüssel zu sein
zu der bisher vergebens gesuchten Erklärung der schaffen-
den Liebeskräfte. Er tauchte unter in diesen unermesslichen
Gedanken, suchte ihn zu durchleuchten, und verlor sich selbst
darin. Am gedanklich begündeten Weltsystem der Anthroposophie
fand er Halt. Es zeigte ihm den Sinn der Welt als
Selbstentwickelung Gottes zum rein geistigen Sein.

«Dies Bewusstsein wenigstens habe ich: Mein höchster
Gedanke hat nichts zu tun mit dem Äusserlichen meines Lebensganges.
Ich bin nicht von denen, die zur Wiederaufnahme
der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden sind,
als da ist unterdrückte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung
an sich und der Welt oder ähnliches...... Diese
Idee ist vielmehr aus meiner innersten Natur herausgewachsen,
ich kann ihre Anfänge bis in mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen,
in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches
Interesse in mir erwachte. Ihr endliches Zutagetreten
hängt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen,
das mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken
oder auch: die Dinge gleichsam in mich hineinzunehmen,

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und mir damit das Micheinsfühlen mit allem zu einem natürlichen
Gefühl macht.» (St. s. 236 f.)

Die reale Welt, als das dem Menschen einzig erkennbare
Abbild der geistigen Welt, wird unwesentlich, denn sie
ist nur Spiegel, nur Übergang zu einer höhern Entwicklungsstufe.
Mit ihr aber verliert alles Erdenleid seine Macht, am
Ewigen gemessen. Denn es ist Abtragung aller Schuld aus
frühem Erdenleben. Es ist notwendig wie die schwarzen Wolken,
ohne deren Segen die Frucht nicht reifen kann.

So söhnt sich Morgenstern aus mit dem schweren Schicksal,
das ihm die Gottheit gesandt, mit der verwundbaren Seele
und der körperlichen Krankheit. Kurz vor seinem Tode konnte
er in sein Taschenbuch schreiben:

   Was alles ist mir noch erblüht
   nach einem Leben voll von Schuld!
   Wie hat unendliche Geduld
   sich fort und fort um mich bemüht!
          (Epig. s. 117.)[7]

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Der Specht
  2. Epigramm Nr. 623
  3. Epigramm Nr. 617
  4. Entwicklungs-Schmerzen
  5. Meinem Koffer
  6. Palmström
  7. Epigramm 738