AM:CMWuW - Die ersten Deutungen

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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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Weltanschauliche Auseinandersetzung.

I. DIE ERSTEN DEUTUNGEN.

Die Sommerreisen, auf denen Morgenstern seinen Vater
schon in frühen Kinderjahren begleitete, führten ihn in die
Natur, und sein offener Blick, seine Liebe zum Gegenständlichen,
liessen ihn die Wunder ahnen, die Schönheiten, im
Einzelnen wie im Gesamten, auf nehmen. Eine glückliche
Kinderzeit bereitete so den Boden für das innige Einsfühlen
mit allem Lebendigen, den Grund, auf dem später die verschiedenen
ihm verwandten Geisteskeime, die ihm das Leben
zutrug, Wurzel fassten und emporwuchsen.

Morgenstern hatte bei seinen Eltern eine freie religiöse Erziehung
genossen. Um so mehr musste ihn die heuchelnde
Schulfrömmigkeit des Gymnasiums abstossen. Doch findet
man in seinen Werken kaum eine schroffe Ablehnung der Kirche,
weil die Auseinandersetzung mit ihr längst kein Problem
mehr für ihn war, als die ersten Werke erschienen. Nur die
Scheinheiligkeit, der Widerspruch von Wort und Tat, reizte
ihn zu Hohn, den er in scharfen Worten in den Versen über
das Papstjubiläum 1903 (Melancholie s. 26/27.)[1] und in «Caritas,
caritatum caritas»[2] (Welt, und Wegen 3. Aufl. s. 1 1) Ausdruck
gab.

Heisser Zorn prägt die Verse gegen den Priester, der
über dem Grabe dessen, der sich mutig aus aller Enge des
vorgeschriebenen Glaubens befreit hatte, ausruft: «Ob unbewusst,
er war doch Kirchenchrist!» Der das Bestehen der
Kirche fordernde Dogmengehorsam, der sich nur um den

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Menschen kümmert, liess sich niemals vereinen mit
Morgensterns Erkenntnisstreben, das keine Schranken achten
durfte, und mit seiner gefühlsmässigen Verbundenheit
mit der ganzen lebenden und «toten» Natur.

Die Empfänglichkeit für die sichtbaren Schönheiten der
Welt, ein Erbe des Vaters, weckt seine Liebe zu ihr, ihr unerschöpflicher
Reichtum hält ihn gefangen. Alles ist Leben
und alles Leben heilig und zwingt ihn zur Bewunderung und
Ehrfurcht. «Ich habe heute ein paar Blumen für dich nicht
gepflückt, um dir ihr — Leben mitzubringen.» (St. s. 37.)

Aus solcher Verbundenheit mit der Natur musste er die
materialistische Weltauffassung seiner Zeit ablehnen, und den
Gedanken, dass alles Seiende nur nach mechanischen Gesetzen
entstehe und vergehe, als unsinnig verwerfen. Denn
werden die vielen Einzelereignisse, die der Verstand mit grossem
Fleisse zusammenträgt und ordnet, je das Mysterium des
Lebens erhellen? Sie erfassen nur die einzelnen Wellen, aber
hat ein Bach nur aus Wellen bestanden? Die Wissenschaft beschreibt
wohl die Abwickelung der verschiedenen Vorgänge,
zu der geistigen Urkraft dringt das Denken nicht vor.

Die Welt ist ein unergründliches Rätsel, und alles Hin-
eindenken zeigt um so klarer die Aussichtslosigkeit einer Lösung.
Nur der Erkenntnisunfähigkeit, der sinnlichen und geistigen
Armut, verdankt der Mensch, dass er das Leben erträgt,
indem er das Unendliche auf ein Fünffaches bringen
kann, indem er aus dem erdrückenden Reichtum der Wirklichkeitswelt
nur einlässt, was seine Sinne erfassen.

Das dauernde Begreifen der unlösbaren Verbundenheit
des eigenen kleinen Lebens mit der unergründlichen Tiefe
des Unerklärbaren, eines Einzellebens, das ihm doch wieder
als etwas scheinbar Abgeschlossenes gegenübertritt, müsste
den Menschen zum Wahnsinn bringen, wenn nicht der Geist

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bei der Wahrheit, das Herz beim Glauben, bei der Religion,
Rettung finden würde. Ohne Wissenschaft und Religion, den
dem menschlichen Denken angepassten Vorstellungsformen
des sinnlich Unerforschlichen, müssten die geistigen Kräfte
sich im Unendlichen auf lösen.

Dieses Unendliche ist Gott, die schaffende Kraft, die Alles
hervorbringt, die Liebe, eins mit Gott. Diese Liebe durchströmt
das Weltall und lebt im kleinsten Geschöpfe, und sie
ist die Macht, die den Menschen zu seinem Glücke führen
kann, das Band, das das Einzelwesen zusammenschliesst mit
dem Universum.

   Liebe! Liebe! durch die Unendlichkeit
   Ausgegossen, ein Strom erlösenden Lichts,
   In das Nichts, die Nacht der Herzen
   Deine glühenden Wogen schlagend —
   Hebend aus dem Dumpfen das Heilige —
   Aus dem Chaos rettend und schaffend den Gott —
   Gottheit auf die Stirn dem Menschen
   Prägend und in’s schimmernde Aug’ ihm
   Gottheit senkend — Liebe! Liebe!
      Auf allen Sternen ist Liebe!
   Liebe! Liebe! du bist die Mutter auch
   Aller Schmerzen, aller der Lebensqual,
   erträgt um dich nicht alles,
   Stolzen Mutes, ein Held, ein Ringer!
   Heilig sprechen wir Hass und Leid und Schuld,
   Denn wir lassen von dir nicht oh Liebe!
   Träges Verschlummern lockt uns nicht,
   Leben und Tod sollen ewig dauern,
   Denn wir wollen dich ewig, oh Liebe!
      Auf allen Sternen ist Liebe!
                       (Phanta, s. 47, Das Hohelied.)[3]

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Schon 1890 schreibt Morgenstern: «Seele haben heisst
Leben.... Pan ist Theos und Theos in Pan. Alles Lebende
ist beseelt, also alle Materie.» Selbst die anorganische Erdmasse
zeigt Leben, denn sie äussert sich fortwährend im organischen
Wesen und besitzt als ihre Eigenschaft die Anziehung.
Doch konnte er sich mit dieser Anschauung, die, wie er
selbst bekennt, leicht und glatt in die Feder floss, nicht zufrieden
geben, denn ihr fehlte der ethische Gehalt.*)

Diese rein gefühlsmässig erlebte Wahrheit findet Morgenstern
in Schillers «Philosophischen Briefen», in der Theosophie
des Julius ausgesprochen : ((Gott und Natur sind zwei
Grössen, die sich vollkommen gleich sind.... Wo ich einen
Körper entdecke, da ahne ich einen Geist — wo ich Bewegung
merke, da rate ich einen Gedanken.... Liebe ist nur
der Widerschein dieser einzigen Kraft, eine Anziehung des
Vortrefflichen, gegründet auf einen angeblichen Tausch der
Persönlichkeit, eine Verwechslung der Wesen.» Da die An-,
ziehung der Elemente die körperliche Form zustande bringt,
so müsste die Anziehung der Geister zur Aufhebung jener
Trennung führen oder Gott hervorbringen. «Eine solche Anziehung
ist Liebe. Also Liebe.... ist die Leiter, worauf wir
emporklimmen zur Gottähnlichkeit.» Morgenstern sieht hier
seine eigene, ein Jahr früher ausgesprochene Überzeugung des
Durchdrungenseins von Geist und Materie weiter ausgeführt,
und den anthroposophischen Entwicklungsgedanken der Erlösung
aller Materie bereits angetönt, wenngleich ihn Schiller
nur als logischen Schluss ausspricht (so müsste die Anziehung. ...)**)

_____________
*) Brief an Friedrich Kayssler, Der neue Merkur, V. 2. s. 107, 1921.
**) Schiller, Philosophische Briefe, Theosophie des Julius.

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Gott ist die Kraft, die den Stoff durchdringt, das Wollen,
das die Form schafft, und die Liebe, die den Weg zum Glück
weist. Ohne Glauben an Gott, das geistige Prinzip, ist die
Welt tot: «Wer Gott auf gibt, der löscht die Sonne aus, um
mit einer Laterne weiter zu wandeln.» (St. s. 204.)

Gott ist im Menschen, nicht ausser und über ihm. Diese
Erkenntnis, die erst den Weg zur bewussten Entwickelung
frei macht, dringt nur langsam vor. «Die Entwickelung
der Fahrzeuge verfolgt langsam denselben Weg wie die religiöse
Entwickelung. Der Vorspann verschwindet, die bewegende
Kraft wird ins Innere selbst verlegt.» (St. s. 206.) Der
Mensch ist die höchste Gestalt Gottes, ist sich selbst Herr
und durch seine Wahrnehmung schafft er sich die Welt, sie
ist für ihn seine eigene Schöpfung. Aber er ist gefesselt an
seinen Leib, sein Erkennen und Denken, das ihm Schranken
setzt; er sieht doch zuletzt nur sich selbst. Er, selber Teil
des Weltbildes, kann seine Ganzheit nicht erfassen. »Was
ist ’persönlicher Gott’ anderes als der Riesenschatten, den
wir selber auf den Vorhang der ewigen Mysterien werfen.»
(St. s. 205.) Die grösste Geistestat, der Begriff «Gott», ist
auch die kleinste des Menschen: die grösste, das unendliche
Werden erahnt zu haben, die engste, zu wagen, dieses Unerfassliche,
Grenzenlose in ein einziges armes Wörtchen zu legen.

Der Sinn des Lebens ist Entwickelung, denn Gott-Natur
ist Liebe, und Liebe kann nur die eine Absicht hegen: die
in die Vielheit der Individuen gespaltene Welt zum höchsten
Glücke zu führen.

Dieser Erlösungsgedanke ist tief in Morgensterns Natur
begründet; er litt unter dem Leid seiner Mitmenschen, denen
er oft nicht Hilfe bringen konnte, schwerer als sie, nach seinem
fröhlichen äussern Wesen schliessend, ahnten.

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Der Schmerz herrscht über das Leben, und selbst das
Liebste spricht: leide an mir. Kaum die bewusste und absichtsvolle
Schlechtigkeit ist es, die Morgenstern Leid schafft,
viel mehr die geistige Einsamkeit, die Erkenntnis, dem Nächsten
fremd bleiben zu müssen, und unverstanden abgelehnt
zu werden, wo er mit hilfreicher Liebe naht. Der Schmerz
läutert, er ist der Boden, in dem Verständnis wurzelt, und auf
dem die Freude um so tiefer und reiner blüht. Er ist das
Grösste, das den Menschen über das Tier emporhebt, die
Kraft, die zur Erreichung des Zieles anspornt.

Gebet.

   Dich ruf ich, Schmerz; mit aller deiner Macht
   triff dieses Herz, dass es gemartert werde
   und, das ich bin, dies Häuflein arme Erde,
   emporhält aus der allgemeinen Nacht.
   - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   Dich ruf ich; gib mir deinen bittern Krug;
   und siehst du mich auch bang mich von ihm wenden; —
   da mir das Glück allein nicht Kraft genug ,
   so hilf denn du mein Tagwerk mir vollenden .
                       (Melancholie, s. 67.)[4]

Nicht die Überwindung des Schmerzes strebt er an, sondern
seiner Ursachen, soweit diese besiegt werden können:
Enge und Furchtsamkeit des Geistes, die den Menschen arm
und selbstsüchtig erhalten. Schon 1891 bekennt er sich zu
dem Glauben, dass nach langen Zeiten, nach Jahrtausenden
stiller Arbeit, die Menschen gut werden. Das Heute, arm an
Geistigkeit und frohem Willen zur Tat, sieht noch düster aus,
die Furcht vor neuen Wahrheiten ertötet diese im Keime; und
den Weg, den diese Wahrheiten in die Zukunft weisen, sieht

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das auf die täglichen Bedürfnisse eingestellte Auge nicht. In
«O — Raison d’esclave» spottet er:

   Lügen, Lügen ! gebt uns Lügen !
   Ach, die Wahrheit ist so roh!
   Wahrheit macht uns kein Vergnügen,
   Lügen machen fett und froh !
          (Welt, und Wegen, 3. Aufl. s. 12.)[5]

Der Sinn für die grossen Zusammenhänge geht den meisten
ab, eine fast unerklärliche Illusion, die ihnen Wertloses
verschönt, lässt sie an ihrem Leben hängen.

Wie aber ist eine Entwickelung zur Grösse, eine Befreiung
aus dem engen Gesichtskreise des persönlichen Wohles
denn möglich? 1896 schreibt er: «Das einzige, was uns in
die Zukunft hineinhelfen mag, sind einzelne glückliche Geburten;
ein tragischer Trost für einen allgemeinen Misswachs.»
(St. s. 118.) Und eine schwache Hoffnung, die auf
das Wirken des Zufalls bauen muss.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Historische Momente nennt's die Menge (o. T.)
  2. Caritas, cartatum caritas
  3. Das Hohelied
  4. Gebet
  5. O - Raison d'Esclave