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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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...

B. Humor.

Fabelwesen tauchen auf in den Galgenliedern, Tulemond
und der Nachtwindhund, die Mitternachtsmaus und der
Zwölf-Elf, Würfel und Purzelbaum beklagen ihr Geschick.
All diese absonderlichen Erscheinungen — von denen wir eigentlich
doch nicht wissen, wie sie aussehen — die unwirklichen
Handlungen und zickzackigen Gedankenflüge, entspringen
sie aus dem Humor Morgensterns? Darf man die seelische
Grundstimmung, der sie ihr Dasein verdanken, Humor nennen,
und empfinden wir sie als solchen?

Der Humorist schafft aus der gleichen Grundeinstellung
heraus wie der Tragiker. Für beide ist die reale Welt etwas
Unvollkommenes, Unlustvolles. Auch sie suchen mit geistigen
Mitteln zu überwinden, wie Morgenstern. Doch sie kämpfen
nur um dieses eine Leben, Sieg oder Überwindung sind
ihnen endgültig Sieg oder Überwindung, Niederlage endgültig
Niederlage, ohne Aussicht auf einen Ausgleich durch spätere
Wiederverkörperung, sie sind untrennbar mit der Erde
verwurzelt, auf der sie sich zur Abwehr stellen, jeder nach

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seinem Müssen; ihre Erlösung liegt nicht in einem stoffbefreiten
Sein. Der Unterschied liegt nur in der Stärke der Spannung
zwischen Ich und Umwelt: der tragische Held stellt
sich in Gegensatz zu ihr, und sucht sie im Kampf zu unterwerfen,
wenn er auch am Siege verzweifelt; der Humorist
aber sieht von vornherein, dass solche Bemühung aussichtslos
ist. Er will nicht ändern; es kommt viel weniger auf das
an, was das Schicksal bringt, als auf die Art, wie man diese
Gaben auf nimmt. So sucht er seine innere Ruhe zu erhalten,
wenn selbst der stärkste Sturm um ihn wütet, und fängt das
bisschen Sonnenschein, das zwischen den Wolken hervordringt,
liebend auf, um sein Werk zu durchwärmen. Er
schickt sich in das Unabänderliche, doch nicht mit düsterer
Verstimmung, denn die Welt ist gerade so dunkel, dass es
schönste Aufgabe wird, sie mit liebendem Humor zu erhellen.
Er weiss, wenn er seiner ganzen Zeit auch Krieg ansagen
würde, er vermöchte doch nicht innerlich sich von ihr zu lösen:
mit seinem Gemüt, mit allen seinen Erinnerungskräften
ist er mit ihr verwachsen.

Wir könnten diese Dichter: Keller, Raabe, Reuter, im
Gegensatz zu Morgenstern realistische Humoristen nennen,
denn ihr Humor wurzelt durchaus im Grunde der Wirklich-
keit, über den er emporwächst, um im Lichte des Geistes die
irdischen Nährstoffe umzuwandeln. Morgensterns Humor aber
— heissen wir seine Haltung vorläufig so — ist nicht bodenständig,
er erwächst aus der Betrachtung der Welt vom geistigen
Standpunkte aus, und diese Perspektive, die auch die geistige
Ur-sache mit ins Blickfeld rückte, musste zum Vergleiche
zwischen sinnlicher Erscheinung und übersinnlicher
Triebkraft reizen.

Denn die Sinnenwelt ist Stoffgehalt Gottes. «Gottes materielle
Erscheinungsform ist notwendig grotesk.» (St. s. 242.)

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Sie ist Versuch Gottes, Gestalt zu werden. Und 1907
schreibt Morgenstern: «Je älter ich werde, desto mehr wird
ein Wort mein Wort vor allen: Grotesk.» (St. s. 26.)

Morgenstern selbst definiert «den Humor als die Betrachtungsweise
des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen
aus.

Oder: Humor ist das Bewusstwerden des Gegensatzes
zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus entspringende
souveräne Weltbetrachtung, welche die gesamte
Erscheinungswelt vom Grössten bis zum Kleinsten mit gleichem
Mitgefühl umschliesst, ohne ihr jedoch einen anderen
als relativen Gehalt und Wert zugestehen zu können.» (St. s.
165.)

Sein Wissen um die Welt, seine Erkenntnis, oder damals,
1907, noch seine Ahnung, dass alles Vergängliche nur
Stufe zur Entwickelung sei, dass die Liebe die Menschheit zu
einem Zustande von Glück führen müsse , lässt ihn einen
Standort gewinnen, von dem aus irdisches Leid und irdische
Freude sich ausgleichen. Denn auch Schuld und Sühne, Erleiden
und Freude ebnen sich aus im Verlaufe der Wiederverkörperungen.
Morgenstern umfasst die ganze Welt mit gleichem
Mitgefühl, kann aber dem Einzelleben nur relativen Gehalt
zugestehen.

Solcher Anschauung fehlt naturgemäss das Gefühl für
menschliche Tragik. Sie ist in sich ausgeglichen, sie «weiss»
zu viel, als dass auf ihr der Kampf des Einzelnen mit gleicher
Schwere, mit gleichem Bangen um den Ausgang, lasten könnte.
Er wiegt, am Universum gemessen, zu leicht. Ja, er ist eigentlich
kein Einzelner mehr, und dass er leidet, liegt im
Grunde nur im Mangel seiner Einsicht in die Zusammenhänge
des Lebens.

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Der Ernst dieser Erkenntnis allein schafft keinen Humor.
«Aber auch das (die lebendige Anschauung) ist noch
nicht ihr Letztes, Wesentlichstes, sondern ein gewisses Unwägbares,
das man eben nur mit dem Namen ’Humor’ bezeichnen,
und das wohl nur da ausströmen kann, wo die Fähigkeit
besteht, das Leben zugleich mit einem unbeirrbaren
Ernst, wie mit einer herzlichen, ja kindlichen Liebe zu
betrachten.» (Über die Galgenlieder, s. 5.) Diese Liebe liess
sich durch das Wissen der geistigen Zusammenhänge nicht
verbannen. Sein Künstlerauge war zu sehr an die sichtbare
Welt gefesselt, als dass es sich von ihr hätte abwenden können,
und seine ursprüngliche, gefühlsmässige Verbundenheit
mit der gesamten lebendigen und unbelebten Umwelt hatte
auch die Erkenntnis, dass diese Umwelt nur Stufe, nicht Erfüllung
einer Entwicklung war, nicht zu zerstören vermocht.
Die Liebe, das Gefühl des Verbundenseins mit dem dichterischen
Objekt, die jedes wirklich humoristische Werk durchströmt,
sickert auch durch Morgensterns Verse.

Aber empfindet auch der Leser diese Gedichte als
Humor? Das durchaus Andersartige, als das Gewohnte, die
besondere Einstellung, die die Galgenlieder verlangten, eine
Einstellung, die nach einer charakterisierenden Bezeichnung
suchte, viele fand, doch keine erschöpfende, trug viel bei zu
ihrer raschen Verbreitung. Man fühlte, hinter dem Bericht irgend
einer verblüffenden Episode steckt noch etwas Tieferes.
Aber als Humor liess sich die Empfindung auch nicht um-
schreiben.

Oder wirken sie komisch? Die Komik unterscheidet sich
vom Humor — unter anderm — dadurch, dass wir uns nur als
Zuschauer fühlen und das Geschehen nicht innerlich miterleiden.
In diesem Punkte könnten die Galgenlieder wohl als
komisch bezeichnet werden. Aber bei allem, was wir betrachten,

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schaffen wir unbewusst mit, wir stellen uns einen
Kraftaufwand vor, der zu der betreffenden Tätigkeit uns notwendig
erscheint. Ergibt sich nun eine Differenz zwischen der
angewandten, und von uns mitempfundenen, Energie und
dem erreichten Resultate, so wirkt diese Überraschung auf
uns — wenn wir seelisch an ihr unbeteiligt sind — als komisch .
Komik beruht auf getäuschter Erwartung, auf einer
Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung.

So können wir wohl in einigen der Gedichte, z. B. im
«Huhn» (Galgenlieder, s. 63.), Komik empfinden. Die Anstrengung,
die die Abfassung eines Gedichtes fordert, die seelische
Erregung und die Angst, man könnte dem Tiere schaden
(im Metrum glänzend ausgedrückt), steht in keinem Verhältnis
zu der Bedeutung der simplen Tatsache, die berichtet
wird: dass ein Huhn sich in die Bahnhof halle verirrt hat.

Die eigentlichen Galgenlieder aber, Palmströms Taten,
die meisten ändern Gedichte der vier Bändchen, bringen uns
in Gebiete, die uns fremd sind. Es ist ein Land, in welchem
unsere Masse nicht mehr gelten. Sie führen zu etwas Neuem ,
vor dem wir staunend zuwarten müssen, zu irgend etwas
Unbekanntem. Sie geben nicht eine andere Lösung,
als wir erwartet, denn die Anfangssituation ist uns schon so
fremd, dass wir nach ihr uns nicht auf einen bestimmten
Ausgang einstellen können.

Kann man darum, vom Leser aus, die Galgenlieder als
Humor ansprechen? Während wir beim Komischen als unbeteiligte
Zuschauer geniessen, erleben wir die Befreiung durch
den Humor mit. Der Humorist weiss, dass die Verdrängung
des im Leben Peinlichen und Leidbringenden ins Unbewusste
nicht frei macht. Er weiss auch, dass der Kampf gegen sie

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nicht erlöst, weil jede Stunde neues Leid zeugen kann und
zu neuem Kampfe ruft. Der Weg zur geistigen Freiheit liegt
einzig in einer ändern Betrachtungsweise der objektiven Welt:
der Humor entzieht der Leidquelle, die sich nun einmal nicht
verstopfen lässt, das Gewicht der Bedeutung, die sie sonst in
seinem Leben besessen hätte. Er steigt auf eine geistig höhere
Warte, erkennt die grössern Verkettungen alles Seins, und die
tiefen Täler und Klüfte ebnen sich ihm aus.

Der humoristische Dichter ist Schöpfer und die seine
Anschauung auslebende Person, der Leser aber hat den Gewinn
des Humors, indem er mitlebt

, sich eins fühlt mit

der humoristischen Gestalt, und in deren befreiendes Lachen
einstimmt.

Erleben wir durch die Galgenlieder auch diese Befreiung?
Die Personen und Fabeltiere in diesen Versen atmen eine Luft,
die wir nicht gewohnt sind. Wir sehen sie tun und wirken,
aber eine innere Beziehung gewinnen wir nicht zu ihnen. Ihr
Erleben lässt selten Verwandtes in uns anklingen, intellektuell
vermögen wir zu folgen, doch mitzufühlen will uns nicht
glücken, um so mehr als sie Phantasiegestalten sind und gar
nicht begehren, uns gemütlich zu ergreifen.

Die Wärme, die die Werke grösser Humoristen, wie Keller,
durchströmt, fehlt den Galgenliedern. Nur wenige Gedichte
übersonnt das Lächeln des Verstehenden, nämlich
wenn er von dem Menschen spricht, von seiner Kleinheit und
seinem Bemühen, wie im «Droschkengaul» (siehe s. 105) und
in

Vice versa.

   Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
   des Glaubens, niemand sähe diese.

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   Doch, im Besitze eines Zeisses,
   betrachtet voll gehaltnen Fleisses

   vom vis-a-vis gelegnen Berg
   ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

   Ihn aber blickt hinwiederum
   ein Gott von fern an, mild und stumm.
               (Gingganz, s. 36.)[1]

So machen wir bei den Galgenliedern die sonderbare Beobachtung,
dass die Gedichte, die aus einer seelischen Grundstimmung
stammen, welche mit Fug und Recht Humor genannt
werden darf, vom Leser nicht als Humor empfunden
werden. Und zwar aus dem selben Grunde, der uns auch
verbietet, sie der Komik zuzuteilen: sie sind zu fern unserer
eigenen Gefühls- und Erfahrungswelt, als dass in uns Verwandtes
mitklingen könnte.

Morgenstern bezeichnet die Gedichte selbst einmal als
bizarr und grotesk. «Grotesk» war sein Lieblingswort geworden.
Er sah durch die stoffliche Welt auf die dahinter wirkenden
geistigen Kräfte, sah die Verhärtung des Geistigen in
der Materie, verglich die vollkommene Idee mit der Unzulänglichkeit
ihrer Erscheinungsform, und das Urteil war:
grotesk. Die Menschen mit ihrem Tun und Denken, ihrem
Hoffen und Streben nach letzten Endes zwecklosen Zielen erschienen
ihm als eine Verzerrung der Geisterwelt, die in ihnen
Gestalt angenommen. Und aus dieser Grundstimmung
schuf er die Galgenlieder, die im Halbdunkel hinhuschenden
Fabelwesen, wie die sinnvoll-unsinnigen Taten von Palmström
 und Korf, die im Grunde genommen nicht sinnloser

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sind, als die Taten der Menschen, von einem höhern Standpunkte
aus beurteilt.

Das Entstehen der Galgenlieder verdanken wir dem Bedürfnisse
Morgensterns, die Alltagswelt zu vergessen. Die Gestalt,
die er ihnen geben musste, die «Wahl» von Ort und
Handlung erfolgte aus seiner Art der Anschauung jener Welt,
aus der er zu den Phantasien flüchtete. Die Galgenlieder sind
ein Spiegelbild: hier Morgensterns Blick vom geistigen auf das
materielle Sein, das ihm grotesk erschien, und dort die Schau
von der Erde in das Land seiner Phantasie, die Verdichtung
seiner Bilder zu Handlungen, die sich nicht an den Grenzen
irdischer Möglichkeit stossen. Und diese Gestalten, Geschehen
und Taten, die wir dem Dichter glauben müssen, obwohl
sie mit unserer Logik und Erfahrung im Widerspruche stehen,
nennen wir: grotesk. —

Den Erfolg der Galgenlieder, die doch seelisch nicht viel
bieten, denn die Befreiung, die sie für Morgenstern bedeuteten,
wird kaum ein Leser nachempfinden, diesen Erfolg verdanken
sie nicht allein ihrer stofflichen Originalität, in Prosa
erzählt würde man sie unwillig abweisen. Es ist etwas Unwägbares,
das uns anzieht und mitschwingen lässt, der Rhythmus.
Manche der Gedichte sind wohl unmittelbar musikalisch-
rhythmischen Ursprungs, aus einer innern Bewegung entstanden,
an die sich die Worte reihten, zB.:

Der Rock.

   Der Rock, am Tage angehabt
   er ruht zur Nacht sich schweigend aus;
   durch seine hohlen Ärmel trabt
   die Maus.

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   Durch seine hohlen Ärmel trabt
   gespenstig auf und ab die Maus..
   Der Rock, am Tage angehabt,
   er ruht zur Nacht sich aus.

   Er ruht, am Tage angehabt,
   im Schoss der Nacht sich schweigend aus,
   er ruht, von seiner Maus durchtrabt,
   sich aus.
              (Palmström, s. 46.)[2]

Eine Handlung, die unser Interesse fordern könnte, fehlt
hier völlig. Die Situation ist mit dem Lesen der ersten Strophe
erfasst, und kaum treten die leichten Veränderungen der folgenden
Verse zum Bewusstsein. Die Eigenbewegung der wiegenden
Rhythmen pflanzt sich wellenartig fort und bewirkt
ein inneres Mitschwingen, das am Wechsel der Klänge Genüge
findet.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Vice versa
  2. Der Rock