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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


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II. NIETZSCHE.

Morgenstern wird das Zusammentreffen mit Nietzsche
tiefes Erlebnis. Im Übermenschen findet er die Antwort auf
seine bisher ungelöste Frage. Die Aussicht auf eine grosse,
glückbringende Zukunft ist erhellt, der Weg ist gewiesen.
Der Übermensch, als letztes erkennbares Ziel der menschlichen
Entwickelung, steht am Ende dieses Weges. Doch nicht
allein die Dankbarkeit für den wieder gewonnenen Zukunftsglauben
weckte in Morgenstern die verehrende Liebe des
Schülers. Ebensosehr die Wahrheitsglut, die das Teuerste opfert,
wenn es als Irrtum und Wahn erkannt wird, zwang Morgenstern,
den ein oft fast fanatischer Wahrheitsdrang erfüllte,
zur Bewunderung: «Einen leidenschaftlichen Wegsucher
aber wie Nietzsche begreift man nicht bloss als kluger Kopf;
man muss ihm noch obendrein ein bisschen — verwandt sein.»
(St. s. 78.)

Morgenstern schritt manches Jahr an Nietzsches Seite. Die
gleichartige Problemstellung liess ihn die Kluft übersehen,
die seine gedanklichen Voraussetzungen von denen Nietzsches
trennte. Er erblickte nur das Gemeinsame: die Leidenschaft
für den Menschen als psychologisches Rätsel, und die Leidenschaft
für die Menschheit und das Bangen um ihren Fortschritt.

Im Mittelpunkte von Nietzsches Denken steht der
Mensch. Kant hatte das Denken zur Erde zurückgelenkt, er

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hatte dem Wissensdrang die Pforte nach der übersinnlichen
Welt versperrt und die menschliche Erkenntnisfähigkeit in ihre
Schranken gewiesen; einzig die Erscheinungen der Dinge
sind den Sinnen und damit dem Urteile zugänglich. Das Ding
an sich bleibt der Wissenschaft unerkennbar, unser Denken
kann es nicht ergründen. Scharf trennt Kant Erkennen und
Glauben: alle Erklärung des Weltgeschehens durch geistige
Kräfte ist empirisch nicht zu erhärten und gehört ins Gebiet
der Religion. Die Wissenschaft, die Philosophie ist an
die Erde gekettet.

Das einzig unmittelbar Seiende, die letzte Kraft, die alles
Leben bedingt, und die nicht weiter bestimmbar ist, nennt
Schopenhauer, nach der Art, in welcher sie in sein Bewusstsein
tritt, den Willen. Er ist das Ding an sich. Der Wille ist
blind, unvernünftig, zwecklos. Er will nur, ohne Liebe, ohne
Ziel. Wille schafft Qual, der Wille als Weltenschöpfer,
wie auch das in den Individuen sich auslebende Einzelwollen.
Einzige Erlösung für den Menschen gewährt die Aufhebung
des persönlichen Willens. Lust ist kein positiver Wert; Lust
ist nur ein kurzes Aussetzen des Leidbewusstseins.

Nietzsche baut auf Schopenhauer auf. Doch seine Kämpfernatur
konnte das Rad des Weltgeschehens nicht untätig
über sich hinwegrollen lassen; sie musste ihm in die Speichen
fallen, sie musste seinen Lauf nach der Richtung lenken, in
der sie das Ziel der Entwicklung sah. Oder richtiger: sie
musste ein Ziel erschaffen, nach dem sie streben konnte, um
durch den Kampf für diesen Endzweck ihr eigenes Dasein zu
rechtfertigen. Die Beistimmung zu Schopenhauers tatfeindlicher
Willensverneinung wäre einer Verleugnung seiner eigenen
dionysischen Natur gleichgekommen.

Einen Weg zeigte die Darwinische Selektionstheorie. Was
der englische Forscher, rückwärts blickend, als eine der Ursachen

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sachen aller bisheriger Entwickelung entdeckt hatte, das Prinzip
der natürlichen Auslese, den Sieg des Fähigen über den
Untauglichen, erhob Nietzsche als Gebot für die Zukunft. Die
natürliche Auslese soll gesteigert werden zur bewussten Auslese.
Und das Ziel ist der Übermensch.

Dieser Begriff hatte in Nietzsches Entwickelung eine
Wandlung erfahren. Ursprünglich bedeutete er das Genie, ein
recht zufälliges Geschenk der Götter an die Menschheit. In
diesem Sinne fasst ihn Morgenstern noch in seiner Tagebuchnotiz
vom Jahre 1896 auf (s. s. 27.) Erst in spätem Werken
wird der Übermensch für Nietzsche das bewusste Ergebnis
menschlicher Höherentwickelung, der Nachkomme, gezüchtet
aus den Besten, ein Mensch einer höhern, freiem, glücklichem
Rasse. Der heutige Mensch ist ihm nur eine Übergangsstufe,
ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch.

Dieser Gedanke einer grossen Menschheitszukunft, so vage
und lückenhaft er auch in seiner Durchführung sein mochte,
war doch der einzige Lichtstrahl, der in Morgensterns Dunkel
fiel. Sein ganzes Denken nahm er gefangen, und auch sein
Fühlen, sodass Morgenstern, dem es leicht fiel jeden
Menschen zu lieben, sprechen konnte:

Immer wieder.

   In allen tiefen Stunden musst du’s empfinden :
   Es gibt nur Ein Mittel: Gewalt.
   - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   Du musst ihn (den Menschen) an das Rad der Zukunft binden ,
   an Deines Willens Rad, dafür’s kein halt!
   als Deines Willens halt! gibt; glühend-kalt
   musst du dein Volk zu seiner Grösse — schinden.
                                      (Melancholie s. 70.)[1]

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Liebe schafft die Pflicht, an der Entwickelung der
Menschheit mitzuwirken, rücksichtslose Liebe zum Ziel, der
alle Bedenken weichen müssen gegenüber dem einzelnen.

Leben ist Werden. Aber alles Werden ist Kampf, denn
jeder Wille setzt sich durch auf Kosten des ändern. Der
ewige Prozess, der Leben heisst, ist ein Vernichten des Alten,
Entkräfteten, der schöpferischen Fähigkeit Beraubten, ist
ein Auswerfen der Frucht, die künftige Geschlechter sammeln
werden. Es ist Pflicht eines jeden schöpferischen Geistes mitzuschaffen
an den Zukunftsaufgaben. Schaffen ist «seine ganze
Zeit umgestalten, ihr das Gepräge seines Willens aufdrücken,
sie mit seiner Schönheit erfüllen, sie überwältigen und
unterwerfen mit seinem Geiste.» (St. s. 51.)

Die heutige Norm ist Widernorm, denn sie ist die hindernde
Kette, die den Schritt zum Zukunftsziele hemmt.
Nichts Ruhendes ist der Mensch, er ist ein Werden, ein Prozess
 Rastloses Vorwärtsschreiten, rastloses Wollen und
Schaffen ist Pflicht gegen sich und gegen die Gesamtheit,
deren unlösbares Glied jeder ist.

Für Morgenstern wird die erste Voraussetzung zur bewussten
und planvollen Zukunftsgestaltung die Überwindung
des Bürgerlichen. Bürgerlich heisst er das, worin der Mensch
sich geborgen fühlt.

Und Morgenstern folgt Nietzsche weiter in seinen ethischen
Forderungen und Folgerungen. Das Tor zum neuen
Menschheitsziele ist die Umwertung aller Werte, die Vernichtung
aller alten überkommenen Anschauungen, die den
Gang hemmen. Die anerzogene Pietät zu den Vorfahren
weicht der Ehrfurcht und der Pflichtbewusstheit gegen die
Nachfahren, der keine noch so lieb gewordene Überlieferung
Hemmnis sein darf. «’Der Übermensch ist der Sinn der Erde’

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— das heisst: der Sinn der Erde ist ihr Untergang in — Höheres.»
(St. s. 254.)

Die erste Forderung dazu ist der Kampf gegen die Lüge,
mag sie auch noch so hoch in der heutigen Wertung
stehen. Und Morgenstern stellt sich in die Reihe der Streiter:
«Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft wird.»
(St. s. 21.)

Von der kirchlichen Lehre hatte Morgenstern sich schon
lange abgewendet. Doch war diese Trennung kaum mehr
als ein persönliches Erleben, eine Auseinandersetzung im
Stillen, keine Erkenntnis, die ihm auf der Zunge brannte.
Erst in der Gefolgschaft Nietzsches richtete er sich gegen die
Kirche, die stärkste und einflussreichste Gegnerin des Philosophen.
1897 entstand das Epigramm:

Aus Religion.
   Wir treiben mit Gefühlen Spott
   um höhere Gefühle,
   zerbrechen woll’n wir euch und «Gott»
   die angemassten Stühle.
                  (Epig. s. 9.)[2]

Ein überschwenglich Glücksgefühl hatte ihm die Bekanntschaft
mit Nietzsche geschenkt. Wenngleich die geistigen
Fesseln, ohne die kein Schulbetrieb bestehen kann, mit
dem Austritt aus dem Gymnasium gefallen waren, den seelischen
Ausgleich hatte Morgenstern naturgemäss noch nicht
gefunden. Der jugendliche Unabhängigkeitsdrang — der sich
hauptsächlich äussert in der Verneinung alles dessen, was
als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden wird
—fand in Nietzsche einen gewaltigen Fürsprecher, und erhielt
dadurch sozusagen legitime Berechtigung für Morgenstern.
Sein Freiheitsstreben hatte Sinn und Zweck erhalten und —

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ein Ziel. Abgestreift waren die Ketten, der Fuss schritt frei
und leicht der Zukunft entgegen.

Der freie Geist.
   Oh das ist Glück, wenn so zerschlagen
   die Welt zu deinen Füssen liegt;
   wohin dich deine Flügel tragen,
   ist aller Raum und Zeit besiegt;
   du schnellst dich tanzend durch die Weiten
   und lachst der Menschen Wert und Wort,
   ein Stück Natur aus Ewigkeiten,
   selbst Urteil, Stunde, Mass und Ort.
                      (Welt, und Wegen, 3. Aufl. s. 129.)[3]

Im «Epilog» von «In Phanta’s Schloss» findet sich der
Dichter wieder im engen Städtchen, nachdem seine Phantasie
einen tollen, weiten Flug weit über Menschen und Menschenwerk
gewagt hatte. Die Bilderwelt ist entschwunden, er
sieht sich in die Wirklichkeit zurückversetzt, und versteht nun
die Ursache, die ihn zur Gestaltung dieser Gedichte gedrängt
hatte:

   Euch also, winklige Gemäuer,
   Durchschnarcht von edlen Atta Trolls,
   Bewarf ich einst mit wildem Feuer
   Aus den Vulkanen meines Grolls !
   Ich sah in eurer Kleinlichkeit
   Die Welt, die in mir selbst ich trug :
   Es war ein Stück Vergangenheit,
   Das ich in eurem Bild zerschlug, (s. 88.)[4]

Es war nur ein Stück Vergangenheit, das Morgenstern
zerschlagen hatte, weniger als er damals selbst ahnte.
Nietzsche war ein blendender Strahl gewesen, der nur erleuchtete,
was in seinem Lichtkegel lag, und alles andere in um so

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tiefere Dunkelheit verbannte. Und als dieses Licht in seiner
Kraft nachliess, da tauchte auch wieder die alte, tiefste Frage
auf: nach dem Ursprünge und den Zusammenhängen des
Lebens. Nietzsche konnte keine Lösung oder Erklärung geben
für die frühe, ganz aus dem Verbundenheitsgefühle mit
allem Lebendigen erwachsene Erkenntnis «Pan ist Theos und
Theos in Pan». Die Welt war entgeistigt worden, schon Kant
hatte die Unmöglichkeit eines Beweises geistiger Realitäten
verkündigt, wenn auch deren Existenz nicht abgestritten.
Und als seit Mitte letzten Jahrhunderts die materialistische
Philosophie zur Macht gelangte, die sich allein auf die
neugewonnenen Resultate der Naturwissenschaft begründete
(oder doch strikte ablehnte, was diese nicht zu erhärten vermochte),
war die Welt ganz gott-los geworden.

Morgenstern aber erkannte, oder ahnte wenigstens, dass
Kräfte jenseits der Erfahrungswelt herrschen, in einer Welt, zu
der ihm weder die Philosophie noch eine exakte Wissenschaft
den Weg weisen konnte. Der Materialismus hatte den Eingang
zu ihr verschüttet. Auch Nietzsche war es nicht gelungen
zu ihr vorzudringen, da er allein auf die sinnlichen Erkenntnismittel
sein Weltbild, begründet hatte. «Nietzsche
konnte mit den bisherigen fünfsinnlichen Erkenntnismitteln
den Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen
Über-Menschen. Er ward damit der letzte grosse deutsche
Philosoph — ante Christum natum. Er war, um in seiner Manier
zu reden, der letzte Ante-Christ.» (St. s. 82.)

Der Glaube an den Übermenschen war geschwunden,
und mit ihm der Glaube an die Möglichkeit, dass Nietzsche
die Menschheit zum Lichte führen könne. Morgenstern musste
daher die Gefolgschaft absagen, der Dichter bewunderte im
Philosophen nur noch den Psychologen und furchtlosen Menschen,
nicht mehr den Kämpfer, mit dem er den Sieg zu erringen
gehofft hatte.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Immer wieder (aus Melancholie)
  2. Aus Religion
  3. Der freie Geist
  4. Epilog