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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


   S. 47
IV. RUDOLF STEINER

Da kam Morgenstern mit der Anthroposophie in Berührung.
Im Herbst 1908 besuchte er einen Vortrag Rudolf Steiners
in Berlin, über «Tolstoi und Carnegie», und nahm darauf
dessen Werke zur Hand. Was sie ihm schenkten, hatte der
Dichter nicht mehr zu hoffen gewagt.

«An Steiner
Glück in medias res.
Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und glaubte
kaum noch, dass es nun noch wesentlich heller für mich werden
könnte. Ich sah überall das Licht Gottes hervordringen,
aber..
Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten letzten
Augenblick ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr — einen neuen
Tag .» (St. s. 32.)

Seine Zweifel lösten sich, seine Gefühle, stark aber gestaltlos,
sah er in der Anthroposophie geformt und systematisch
entwickelt. Der Zweck seines Lebens stand klar vor ihm,
ein deutliches Ziel, nach dem er sein Wirken richten konnte.

Drei Wege führten ihn zur Anthroposophie: 1.) das
Bewusstsein der realen Existenz der Gedanken, 2.) das Erleben
der Natur als geistdurchströmte Einheit, und 3.) die
Wiederverkörperungslehre.

1.) Schon in frühen Jahren war Christian Morgenstern
überzeugt, dass Gedanken nicht eine Funktion des Gehirnes

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seien, sondern lebendige, eigenwirksame Wesenheiten. Wohl
sein Wunsch hat ihm diese Hoffnung geweckt, denn wie wichtig
war es für ihn, den von Liebe zu allen Erfüllten, aber in
Kurorten vom tätigen Helfen Verbannten, zu wissen, dass
es ihm nicht unmöglich war, durch stille Arbeit an sich selbst
zugleich dem Gesamtfortschritte zu dienen. Gedanken als Wesenheiten
vermögen als Eigenkräfte weiter zu wirken, unabhängig
von Ort und Mensch; er kann diese Wesenheiten
durch seine Meditationen stärken und hat so in der Macht,
das Gute zu fördern oder zu hindern.

(An Einige)

   Ihr kennt den Trost, der enttrübt,
   die fern den Schranken : —
   Werden draussen Taten geübt,
   entsenden sie — Gedanken.
               (Pfad, s. 49.)[1]



Dieser Wunsch wird nun Gewissheit, Rudolf Steiner
schreibt bei Schilderung der hellsichtigen Erlebnisse: «Man
erlebt Gedanken; aber man weiss, dass man in den
Gedanken Wesen erlebt . In Wesen zu leben, die
in Gedanken sich nicht bloss ausdrücken, sondern die mit ihrem
Eigensein in den Gedanken anwesend sind, heisst mit der
Seele in der geistigen Welt leben.» (Steiner, Die Schwelle der
geistigen Welt, s. 82.)

2.) Die reale, stoffliche Welt ist nur ein Abbild der geistigen;
Kräfte mannigfaltiger Art bilden und formen sie, und
bewirken die Veränderungen, die wir sinnlich wahrnehmen.
Gott ist die Summe des Seins, des geistigen, wie des stofflichen,
da dieses seine Formen der Gestaltung durch geistige
Kräfte verdankt. «Dass die Welt eine — richtig verstanden —

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Gedachtheit Gottes ist, erscheint uns nur darum so fremd,
weil unsere Gedanken so blass und schemenhaft sind.
Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt
Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.» (St. s.
272.) Wesen, die die Anthroposophie ahrimanische nennt, bewirken
die Verstofflichung. «Man erkennt, dass alles Stoffliche
in Wahrheit geistig ist, und dass die geistige Wirksamkeit
jener Wesen das Geistige der Sinnenwelt zum Stofflichen verfestigt,
verhärtet.» (Steiner, a. a. O. s. 36.)

Die ganze Schöpfung, abgestuft vom Mineral bis zum
Menschen, zwingt die Ahnung auf von einem Erschaffer, dem
ganze Reihen und Stufenfolgen von Helfern zur Seite stehen,
von zahllos verschiedenen Arten.*) In vielfältigem
Wechselspiel wirken die geistigen Wesenheiten und bringen
die sichtbare Welt hervor, das einzige Zeugnis für den Uneingeweihten,
während der geistig Schauende auch die Wirkungen
in der übersinnlichen Welt wahrnimmt. Alles ist Bewegung,
Veränderung, Entwickelung nach bestimmtem vorgeschriebenen
Ziele. Auch die geistigen Lenker sind nicht am
Ende ihres Wachstums angelangt. «Der Lehrer, der das Kind
bis zu dessen zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls
um zwanzig Jahre gealtert, gereift, weiter entwickelt sein.
Wer überhaupt göttliche Demiurgen annimmt, der soll sie
nicht als starre Götzen verehren.» (St. s. 262.) So ist die ganze
Entwicklung auf Erden ein immerwährendes Lernen, warum
soll dies nach dem Tode auf hören?

3.) Als Morgenstern in seinem sechzehnten Jahre die
Werke Schopenhauers bekannt wurden, trat auch die Wiederverkörperungslehre
in seinen Gedankenkreis. Schopenhauer

_____________

  • ) Eine Darstellung der geistigen Hierarchien findet sich in Steiner, Theosophie,

13.—18. Aufl. s. 102—127.

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erklärt sie allerdings als nur für den Willen bestehend, nicht
für die Psyche, da der Intellekt mit dem Tode des Individuums
untergeht. Empirisch zu begründen sucht er sie durch die
auffallende Erscheinung, dass nach grossen Sterben die Geburtenzahl
sich ganz ungewöhnlich steigert.*) Morgenstern
ist durch Schopenhauer auf diese Gedankengänge geführt worden,
wenn er auch nicht dessen Begründung sich zu eigen
machte.

Als Wunsch, auf künstlerisches Schaffen nie verzichten
zu müssen, äussert sich diese Idee zuerst :

   O tiefe Sehnsucht, die ich habe,
   erfülltest du dich einst einmal,
   dass ich nach dieses Lebens Grabe
   mich wiederfänd in Lust und Qual —
   in einem neuen Künstlerwerden....
                    (Welt, und Wegen, 3. Aufl. s. 7. Künstler-Ideal.)[2]

Und auch schon 1897 taucht der Gedanke auf, dass der
Mensch durch unzählige Stufen sich entwickelt hat bis zum
heutigen Dasein.

   Oh du meine Seele,
   die du in tausend Herzblutquellen
   durch den Ring äonischer Alter
   heran, herauf wuchsest bis zu mir,....
                     (Welt, und Wegen, 3. Aufl. s. 9, An meine Seele.)[3]

Die Existenz unbekannter Mächte, die das ganze Sein
durch wirken und zu freier Schönheit führen, anerkennt Morgenstern
schon in diesen Jahren:

_____________

  • ) Schopenhauer, Werke, 2. Bd. s. 590—596.


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   es schalten ungeheure Willensmächte
   in unsrer Tage blindem Ungefähr.
   Sie ziehn dich von Gestaltung zu Gestaltung,
   heut schleppst du dich noch schweren Schrittes hin,
   doch bald begabt dich freiere Entfaltung
   mit reicherer Natur und höherm Sinn.
                  (Wegen, 3. Aufl. s. 39, Der Stern.)[4]

Ob in den «Willensmächten» ein Einfluss Schopenhauers gefunden
werden kann, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Schon 1895 findet sich die Tagebuchnotiz: «Nur die
Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht schon wieder
im Keim einer neuen vollkommeneren Form schlummern.»
(St. s. 204.) Und 1906, zur Zeit als dem Dichter das Johanneswort
neues Leben schenkte, steigt ihm bei einem Sterbelager
der Gedanke auf: «Vielleicht trifft man sich einmal unter
freundlicheren Verhältnissen wieder. Ja, vielleicht haben wir
uns auch diesmal schon wiedergetroffen, von früher her, nur,
dass wir es nie wissen, dass wir heimliche Zusammen Wanderer
sind.» (St. s. 233.)

Die Anthroposophie gab ihm die Gewissheit. Durch unzählige
Erdenleben entwickelt sich des Menschen Geist und
Seele bis zur Erlösung aus der stofflichen Gestalt. Und dabei
ist ihm der grosse Trost gegeben: er kann nicht verloren
gehen, selbst als verworfenster Verbrecher nicht, jedes
weitere Erdenleben gibt ihm Gelegenheit zur Läuterung und
Sühne seiner Schuld. Ein gesetzmässiger Zusammenhang besteht
so zwischen dem frühem und dem spätem Erdenleben:
das Karma. Jede Wesenheit hat ihr Selbst in ihre Taten gelegt.
«Und alles, was sie wird, ist fortan verknüpft mit dem,
was aus den Taten wird. Diese Verknüpfung einer Wesenheit
mit den Ergebnissen ihrer Taten ist das die ganze Welt beherrschende

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Gesetz vom Karma .» (Steiner, Wie Karma
wirkt, s. 6 f.)

Die Taten bestimmen das spätere Leben. Doch nur teilweise,
der Mensch wird nicht unfrei durch sie, «dass unser
Schicksal, unser Karma in Form einer unbedingten Notwendigkeit
an uns herantritt, ist kein Hindernis unserer Freiheit.
Denn wenn wir handeln, treten wir ja mit dem Masse unserer
Selbständigkeit, die wir uns erworben haben, an dieses
Schicksal heran. Nicht das Schicksal handelt, sondern wir
handeln in Gemässheit der Gesetze dieses Schicksals.» (Steiner,
a. a. O. s. 26.)

Das Schicksal, das Karma, ist der Stoff, aus dem der
Mensch jedes seiner erneuten Erdenleben aufbauen muss. Was
er in frühem Incarnationen getan und unterlassen, in Handlungen
und Gedanken, ist im Karma eingeschlossen. Es ist
das Erbteil, das ihm bei der Geburt übergeben wird. Wie er
aber dieses Erbe an wenden will, steht in seiner Hand. Denn
durch die geistigen Fähigkeiten, die er in frühern Verkörperungen
sich aneignen konnte, steht er mit jeder
neuen dem Schicksal selbständiger gegenüber. «Denn das
ist es ja gerade, was er aus seinen Erlebnissen gewinnt, dass
er die Gesetze der Welt durchschauen lernt, in welcher sich
diese Erlebnisse abspielen. Erst findet sich der Geist in der
Umwelt nicht zurecht.... Aber mit jeder neuen Verkörperung
wird es heller um ihn.... Er vollbringt immer mehr mit
Bewusstsein, was er vorher in Dumpfheit vollbracht hatte.»
(Steiner, a. a. O. s. 25.) Es ist hier nicht der Ort, die Entwicklungslehre
der Anthroposophie ausführlich darzustellen.

Zu immer höhern, freiem, selbständigem Entwicklungsstufen
führt der Weg den (Geist-)Menschen. Was Morgenstern
vergebens gesucht hatte im Evangelium, die Antwort
auf die Frage nach dem Sinn der ganzen realen Welt, findet

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er in der Anthroposophie: Die Welt und jedes Körperwesen
sind nur Stufen, die Geistwesen zu höherer Entwicklung
zu führen. Eine ruhige Sicherheit gewährt dieses Bewusstsein.
Denn alles dient zum Guten, auch was als Übel empfunden
wird. Und so ist das Erleben von Ungerechtigkeiten nur die
Folge einer falschen, kurzsichtigen Betrachtungsweise. Denn
durch das Karma erfolgt der Ausgleich in einer spätem Verkörperung.

Das Gefühl, noch nicht die Überzeugung einer dynamischen
Gerechtigkeit war Morgenstern schon früh eigen, und
mit ihm der Glaube an die Eigenwirksamkeit der Gedanken.
Er schreibt 1905: «Es ist leicht möglich, dass die moralischen
Vorstellungen allmählich eine nicht nur moralische,
sondern direkt dynamische (magnetischte) Atmosphäre über
der Erdoberfläche geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem
Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre
eigene Gerechtigkeit hat und übt.» (St. s. 128.) Wie hier
gleichsam eine Einwirkung auf das Geschehen durch aussermenschliche
Mächte zu erblicken ist, so auch in vielen ändern
Fällen: «Wie die Sprache für uns denkt und dichtet, so
auch das Leben. Es ist interessant, zu beobachten, wie ins
Rollen gekommene Verhältnisse sich oft genug ohne unser
weiteres Zutun vollenden wollen.» (St. s. 207.) Diese Betrachtungen
Morgensterns leiten unmittelbar zu den Erkenntnissen
der Anthroposophie. Die Ursache, die tiefere Begründung,
die dem Dichter noch verborgen war, erklärte ihm
die Wirkung des Karma. Wie beim Individuum, so wird der
Gang des Universums nach sinndurchdrungenen, nicht nur
mechanisch wirkenden Gesetzen geleitet, einem bestimmten
Plane gehorchend: blinde Willkür ist ausgeschlossen.

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   Natur ist weder roh noch kalt noch dumm
   Noch ungerecht, Natur ist In-Sich-Gott.
                    (Einkehr, Briefe III, s. 52.)[5]

Ein ruhiges Dahinfliessen darf das Menschenleben nicht
sein. Mit wachsender Erkenntnis der Weltzusammenhänge
wächst auch die Pflicht, absichtsvoll seine eigene Entwicklung
(und dadurch die gesamte) zu fördern. Nicht das Wohlleben
ist Ziel, sondern dauernder Kampf mit den geistigen
Wesenheiten, die feindlich ins Leben einwirken, besonders
mit den Kräften, die dem Egoismus zur Macht verhelfen.*)
Es ist der grösste Irrtum zu glauben, der Mensch sei geboren
um es gut zu haben. «Wen Gott lieb hat, den züchtigt,
den — züchtet er. Und so ward er die Welt, Sich Selbst zur
— Zucht.» (St. s. 264.)

Ganz anders, in wirk-lichem Zusammenhange mit der
Welt sieht der Dichter nun sein Leben, das Leben überhaupt.
«Man versteht den Menschen erst — sub specie reincarnationis.»
(St. s. 260.) Für seine Krankheit, für das, was er durch
sie meiden musste, findet er den richtigen Gesichtspunkt
durch die Wiederverkörperungslehre. «Man soll sich seiner
Krankheit schämen und freuen; denn sie ist nichts andres
als ausgetragene Verschuldung.» (St. s. 259.) «Jede Krankheit
hat ihren besonderen Sinn, denn jede Krankheit ist eine
Reinigung; man muss nur herausbekommen, wovon.» (St.
s. 139.) Wenn sie auch das Wirken in dieser Existenz hindert,
so hilft sie doch alte Schuld tilgen und durch die gewonnene
Reife den Boden zu bereiten für aufbauende Arbeit
in spätem Leben. Nicht nur Versöhnung mit seinem Leiden
gibt Morgenstern diese Erkenntnis, sondern neue, lebensbejahende
Kräfte, die bestimmte Aussicht, in sich, durch sich,

__________
*) Steiner, Die Schwelle der geistigen Welt, s. 70—71.

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mitzubauen an dem Wege, der zur Befreiung des Menschen
aus der Stoffgebundenheit führt. Ein rein geistiges Dasein
ist das Ziel, und in der Gewalt der Einzelseele liegt es, sich
so zu entwickeln, dass sie reif zu diesem Ziele wird.*)

Die mystische Einheit von Ich und All, das gefühlsmässige
Aufgehen im Universum durch das Erleben des Johanneswortes
klärt sich zum Erkennen eines Zusammenwirkens
von zahllosen geistigen Einzelkräften. Eine Gruppe dieser
Kräfte bilden den Menschen; Einsicht in die Verantwortung
auf fernste Zeiten sich selbst und den andern gegenüber
wird tief begründete sittliche Forderung. Verurteilung des
Verbrechers ist Selbstverurteilung. «Sie (die Gesellschaft) möge
im Verbrechertum zunächst erst einmal ihr — Schuld
-Konto erblicken. Wenn sie aber meint, dass, sagen wir, der
Bauer Adam in Vaduz unmöglich Schuld haben könne, wenn
in den Südstaaten ein Neger sich an einer Weissen vergreift,
so ist zu erwidern, dass weder der Bauer noch der Neger
für sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind, dass sie
vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer Welt als
schöpferische Faktoren rechnen, die nach der einen Seite unendliches
Schulden-Karma abzutragen, nach der ändern Seite
die Geisterreiche der Zukunft mit aufzurichten haben, wozu
sie nicht nur als Bauer und Neger, sondern in hinreichenden
menschlichen Manifestationen ab aeterno in aeternum wiederkehren.»
(St. s. 143.)

Aussicht auf dauernde Vereinigung in Liebe und gegenseitige
Hülfe auf dem Pfade der Entwicklung wird frohe Gewissheit:

______________
*) Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, s. 423—443.

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   - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   Die in Liebe dir verbunden,
   werden immer um dich bleiben,
   werden klein und grosse Runden
   treugesellt mit dir beschreiben.

   Und sie werden an dir bauen,
   unverwandt, wie du an ihnen, —
   und, erwacht zu Einem Schauen,
   werdet ihr wetteifernd dienen !
                         (Pfad, s. 19.)[6]

Die Liebe zum Menschen, die Triebkraft des Fortschrittes,
ist Forderung: «. . wem die Augen offen wurden, der
weiss, dass es für ihn nur noch einen modus vivendi gibt,
den des entschlossenen Realisten der Liebe.» (St. s. 139.)
Doch ist die Liebe nicht ein ethisches Postulat, sondern die
Fähigkeit zu lieben die bewegende Kraft zur Entwickelung.
Was der Mensch durch die «Geister der Form» neu hinzugewonnen
hat, das Ich, der Träger des Selbstbewusstseins,
ist das Organ der Liebe «Das ist das Geheimnis aller Entwickelung
in die Zukunft hinein: dass die Erkenntnis, dass
auch alles, was der Mensch vollbringt aus dem wahren Verständnis
der Entwickelung heraus, eine Aussaat ist,
die als Liebe reifen muss. Und soviel als Kraft der Liebe
entsteht, soviel Schöpferisches wird für die Zukunft geleistet.»
(Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, s. 444/5.)
So wird die Liebe zur schöpferischen Kraft, zum Boden für
die Zukunftssaat.

In der Liebe wacht das Geistige innerhalb der Sinnenwelt
auf. Das Grundgefühl Morgensterns, das allen seinen
Handlungen die Richtung weist, seine allumfassende
Liebe, wird durch das geistige Schauen als auf bauende

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Kraft im All erkannt. Was persönliches Bedürfnis war für
den Dichter, weitet sich zur kosmischen Notwendigkeit.

Christus brachte die Liebe zur Erde nieder. In ihm erschien
«das hohe Sonnen wesen» in menschlicher Gestalt, es
verkörperte sich, um in die Menschheit die Anlage zur Erkenntnis
der geistigen Welt zu pflanzen. Im Verlaufe der
Übungen zum geistigen Schauen begegnet der Schüler dem
«grossen Hüter der Schwelle», dem Menschenvorbild und
Aufforderer zur Weiterarbeit. In ihm erkennt er wieder die
Christus-Gestalt, und wird dadurch eingeweiht in das Geheimnis,
das ihn mit ihr verbindet.*)

Morgenstern macht diese Gedanken sich zu eigen: «So
wie der winzige Same in die Erde fällt, um die Urpflanze zu
wiederholen und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch
ein Samenkorn Gottes. Die Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.»
(St. s. 270.)

Licht ist Liebe
   Licht ist Liebe.. Sonnen-Weben
   Liebes-Strahlung einer Welt
   schöpferischer Wesenheiten —
   die durch unerhörte Zeiten
   uns an ihrem Herzen hält,
   und die uns zuletzt gegeben
   ihren höchsten Geist in eines
   Menschen Hülle während dreier
   Jahre: da Er kam in Seines
   Vaters Erbteil — nun der Erde
   innerlichstes Himmelsfeuer:
   dass auch sie einst Sonne werde. (Pfad, s. 60.)**)

_________________
*) Steiner, a. o., s. 301—304.
**) S. a. Pfad. Ich habe den Menschen gesehen s. 52, und Da nimm. Das lass ich
dir zurück, s. 64.

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Zwei Wege führen aus dem Erdenleid empor: die immer
tiefere Einsicht in die Entwicklungsabsichten der Gottheit,
und handelnde Liebe. Das höchste Beispiel ist Gott
selbst, der, sich in Christus opfernd, das schwerste Leid auf
sich nahm. Ein Mysterium bleibt der Tod auf Golgatha.

«Nicht nur: ein Gott opfert sich für seine Welt.
Sondern ebenso: er opfert sich für seine Welt . Für
seinen eigenen ungeheuren tragischen Schöpfungskomplex..

. . Denn vielleicht ist für den Gott, dem die Entwickelung seiner
Schöpfung, seines Geschöpfes vor Augen steht, die von
ihm selbst so verhängte und heraufgeführte Art und Notwendigkeit
dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz,
als der seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird
Christus erst dann von uns noch ganz anders ahnungsvoll
begriffen werden, wenn wir uns in die Tragik eines Weltenschöpfers
zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist —
stark und unaufhörlich wie die Sonne —, dessen Wille es
ist, selbständige ebenbürtige Weltengötter, Weltenschöpfer,
durch Äonen und Äonen heranreifen zu lassen, und dessen
abgrundtiefe Weisheit es ist, den Schmerz in allen seinen
Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch wenigstens
zuzulassen.... Sollten wir nicht dieses Leiden des Gottes
Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid
des Gottes Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von
Nazareth?« (St. s. 263.)

Der tätigen Liebe erstes Gebot ist, den Hass aus
dem Herzen zu reissen, Unrecht erleiden zu können ohne
Groll. Jede Ablehnung eines Menschen enthält ein Körnchen
Unrecht. Und lehnt man im ändern nicht sich selbst ab?
Den Krieg durch menschenfreundliche Mahnungen aus der
Welt zu schaffen wird nie gelingen. Die Völker müssen erst in
die grössern Aufgaben hineinwachsen, der Begeisterung für

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diese ihre Kraft und ihren Mut zum Opfer bringen, bevor der
alte Kriegsgeist wirklich überwunden werden kann.

Streben zum eigenen Ich ist der Weg zur Besserung der
Welt.

   In dich hinein
   nimm allen Zwist,
   der Welt sorg nit:
   je wie du rein
   von Schlacke bist,
   wird sie es mit.
               (Pfad, Was klagst du an, s. 42.)[7]

Nicht allein Liebe der Tat, auch der Wille zur Erkenntnis
der übersinnlichen Tatsachen ist Bedingung zu einem bewussten
Aufstieg. Einsam ist der Weg des Forschers, zu seinem
Kampf findet er keine Helfer. «Jeder muss sich selbst
austrinken wie einen Kelch.» (St. s. 150.) Den Siegern
aber leuchtet Vereinigung.*)

Christian Morgenstern hat diesen Kampf gewagt. Und
ein neues Leben durchströmt ihn, wie dumpfer Schlaf erscheint
ihm das alte:

   Siehe, du Blume hier, du Vogel dort,
   Sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe. .
   Voll innern Jubels treib’ ich Wort auf Wort. . ..
   Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!
                    (Einkehr, Siehe, auch ich — lebe, s. 77.)[8]

Die Wiedergeburtslehre schenkt ihm einen höhern Gesichtspunkt,
der Blick weitet sich über das enge eine Menschenleben:

______________
*) Pfad, Die zur Wahrheit wandern, s .18.

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Reincarnation
   Dies ist das Tor, durch das ich eingetreten
   und alle Dinge wie verwandelt schaue.
                 (Epig. s. 113.)[9]

Das Wachsen der Wahrheit wird ihm Gewissheit. «Die
Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzulösen,..»
(St. s. 202.) Der Tod hat seinen Stachel verloren, der
Körper ist nur Hülle des Geistes.

   Was ist nun noch mein Sinn, —
   als dass auf eine Pause
   ich einzig DEINE Klause,
   mein Grund und Ursprung bin !
                (Pfad, Nun wohne DU darin, s. 17.)[10]

Das Leben ist nur Traum, ist Maja, die Wahrheit lebt
im Geiste, und je höher er sich entwickelt in Erkenntnis und
Liebe, um so mehr liegt in ihm die Möglichkeit eines immer
hohem Glückes. Das Verborgene lüftet seinen Schleier. «Alle
Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur
wir stufen uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt
kein Geheimnis an sich, es gibt nur Uneingeweihte aller
Grade.» (St. s. 199.)

Die Einweihung entschleiert das letzte Ziel der Entwickelung:
Vereinigung des in die Materie gebannten Geistes
mit der geistigen Welt; Rückkehr in die Heimat, aus der
der Geist herabgestiegen, aber mit gesteigerten, gereiften Fähigkeiten,
um das Glück der Vereinigung zu geniessen. Durch
unmessbare Zeiten führt heute noch der Weg.

   Geduld, du ungeheures Wort !
   Wer dich erlebt, wer dich begreift, ,
   erlebt hinfort, begreift hinfort,
   wie Gottheit schafft, wie Gottheit reift!
                 (Epig. s. 165.)[11]

   S. 61
Leben in Gott, in der Welt des Geistes, Eingehen ins
All, aber nicht Auf gehen, ist des Dichters letzter Ausblick.

   Im Gottesschoss,
   im Gottesschoss
   zu ruhn,
   nach so viel Streit
   im Gottesschoss —
   o Trost, so gross,
   dass alles Schöpfungsleid
   ein Seufzer bloss
   vor deiner Ewigkeit !
                  (Epig. s. 166.)

                      *
                     * *

Eine stete Entwickelung ist die Weltanschauung Christian
Morgensterns. Den Keim, das pantheistische Weltgefühl,
das gegenseitige Durchdrungensein von Schöpfer und
Geschöpf, konnte auch das Nietzsche-Erlebnis nicht zerstören.
Er übernahm von dem Philosophen nur, was ihm Antwort
geben konnte auf sein eigenstes Problem: die Entwicklungsmöglichkeit
der Menschheit. Auseinandersetzung über
andere Gedanken Nietzsches, ja über den Gipfelpunkt seiner
Philosophie, über die ewige Wiederkunft, suchen wir in Morgensterns
Werken vergebens. Auch die pessimistische Zeit
ertötete die in der Alliebe wurzelnde Lebensbejahung nicht.
Neuerweckt durch das Johanneswort, gab ihr die Anthroposophie
die Bestätigung durch übersinnliche Forschungsresultate. - -

Erster Grund und letzte Frage von Morgensterns Weltanschauung
sind ethischer Natur. Spekulatives Denken seiner

   S. 62
selbst willen konnte ihn nicht fesseln. Ein philosophisches
System hat sich der Dichter darum nicht schaffen können, er
übernahm es von Rudolf Steiner, und auch nur darum, weil
ihn tiefe innere Verwandtschaft dazu nötigte. Immer stand
das eine Problem im Vordergrund, der Mensch, sein Sinn
und sein Weg zum Glück, das in der Überwindung der Materie
liegt. Der Wille, mitzuwirken am Aufbau drängt alle
philosophischen Fragen rein theoretischer Natur zurück.

«Man wird mich einst in manchem meiner Sätze zu einem
Eklektiker degradieren wollen, aber, wenn ich auch in nichts
Bisheriges überschritten haben sollte: Eklektiker war ich nie.
Nie zeichnete ich etwas auf, wozu ich nicht durch meine ganze
Natur und Entwickelung gekommen wäre und vieles fand
ich und finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich für
mich allein zuvor besass.» (St. s. 30f.)

Das Titelblatt der «Stufen» ziert eine Zeichnung nach
dem Entwurf Morgensterns: Eine Taube über dem Kelche
schwebend. Er selbst hat seine geistige Entwickelung sinnbildlich
darin ausgedrückt.

«Bild meines Lebens.
Stiel : Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch in-
nere
Krankheit.
Schale : Öffnung durch Johanneisches.
Blut : Erfüllung.»

Auf dem Kelche steht geschrieben: In me ipsum. Der
Kelch aber, umschlungen von der Schlange, dem Symbol des
Erdgebundenen, bleibt am Boden haften. Doch die Erfüllung
glückt nicht ohne Verbindung mit den geistigen Welten; die
Taube bringt die Erkenntnis der übersinnlichen Wahrheiten
dem noch im Leibe gefesselten Menschengeiste: nur durch
ihre Hilfe wird sich das Ich seiner selbst bewusst, beginnt der
Gral aus eigener Kraft zu leuchten.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. An einige
  2. Künstler-Ideal
  3. An meine Seele
  4. Der Stern
  5. Briefe III
  6. Leis auf zarten Füßen (o. T.)
  7. Was klagst du an (o. T.)
  8. Siehe, auch ich - lebe
  9. Reinkarnation
  10. Nun wohne DU darin (o. T.)
  11. Epigramm Nr. 740