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Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


   S. 128
SCHLUSSWORT.

Christian Morgenstern hat zwischen den beiden Kriegen
gelebt, die auf die deutsche Kultur und Politik so umwälzend
wirkten. Am Tage der Zusammenkunft zur Friedensunterzeichnung
in Frankfurt ist er geboren, wenige Monate vor
Ausbruch des Weltkrieges schloss er die Augen. Den überraschen
Aufstieg von Industrie und Handel hat er mitangesehen,
und die Kehrseite dieses Erfolges, die Verflachung aller Kultur
 miterlitten. Die Wissenschaften lüfteten die Schleier der
Naturgeheimnisse, und Technik und Philosophie nahmen Besitz
von den neuen Erkenntnissen. Das Geistig-Schöpferische
wurde verleugnet und die Naturgesetze als Leiter der Welt auf
den Schild gehoben und gleichzeitig als Diener den Menschen
untertan gemacht.

Morgensterns Leben ist der Widerstreit zwischen der
Aussenwelt und seinem Ich. In jungen Jahren hatte er zwar
geglaubt, einmal mitstreiten zu können für eine grössere, freiere
Menschheit. Die Lehre vom Übermenschen war, nicht nur
bei ihm, auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Aufstieg des
Reiches zu Macht und Blüte hatte Lebensmut und Selbstvertrauen
gesteigert, sodass man sich noch zu weit grössern Leistungen
befähigt glaubte. Doch eine Wurzel, scheinbar abgestorben,
lag noch im Grunde, fing wieder an zu keimen, verdrängte
das Reis, das Nietzsche gesetzt hatte, und diese Wurzel

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war Morgensterns mystisches Einheitsgefühl mit allem
Sein. Das Johannes-Evangelium erweckte dies Gefühl neu,
die Anthroposophie verwandelte das Gefühlte zum Gedanken.

Morgensterns Kampf gegen den Materialismus zur Befreiung
der Menschheit wandelt sich zum Kampfe gegen den
Menschen. Das Streitfeld ist nicht mehr die Erde, denn der
Gegner haust in seinem Innern. «Ich habe nur Einen wahren
und wirklichen Feind auf Erden und das bin ich selbst.» (St.
s. 24.). Er weiss, jeder ist untrennbar mit dem ändern verbunden,
und der, welcher sich selbst befreit, ist zugleich Helfer
und Erlöser der ändern.

Sein Denken wendet sich nach innen, das leibliche Sein
wird ihm nur Hülle, geborgtes Kleid, das Leben auf dieser
Erde mit all seinem Leiden und Freuen, das er in der Jugend
so leidenschaftlich geliebt, verliert sein Gewicht. Denn es ist
nur Übergang, nur Stufe.

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten