AM:CMWuW - Stofferlebnis

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930


   S. 65
DIE ERNSTE LYRIK.

A. Stoff- und Gedankenerlebnis.

Stoff ist totes Material, selten und wertvoll vielleicht,
wie diese und jene von einem Dramatiker glücklich entdeckte
Fabel, meist aber häufig und allen Menschen zugänglich, der
Klumpen Lehm, dem nur die Künstlerhand Leben und Gestalt
zu geben vermag.

Das Stoffgebiet des Lyrikers Morgenstern ist das weitestgespannte.
Das ganze Sein, die materielle Welt, wie die
Gebiete der Gedanken, seien es überkommene oder selbst geschaffene,
können Rohstoff seiner Werke sein. Aber erst die
wogenden Gefühlskräfte des Dichters vermögen ihm Leben
einzugiessen.

So ist Stoff für ihn eigentlich ein Subtraktionsresultat:
das was an einem Gedichte zurückbleibt, wenn wir von der
Form und dem Gefühlserlebnis, welches sich in ihm gestaltet,
absehen. Stoff sind also gedankliche Erkenntnisse oder
sinnliche Eindrücke, auch ein Geschehen, ein erlebtes wie
ein ersonnenes.

Morgenstern ist von überwiegend visueller Veranlagung.
Sein offenes Auge war das Tor, durch das die Welt in sein
Inneres drang, verschwindend selten hören wir ihn über akustische
Erlebnisse sprechen. Das Auge führte ihn zu den Motiven
seiner Gedichte, das Landschaftsbild bot ihm unerschöpflichen
Stoff,

   S. 66
Die Gedichtsammlungen zeigen einen Wandel in der Gestaltung
der Naturerlebnisse. In der ersten, «In Phanta’s
Schloss», bevölkert die Phantasie Land, Wolken und Himmel
und motiviert durch die Handlung ihrer Gestalten den
Wechsel der Naturerscheinungen. Das sichtbare Geschehen
ist Ergebnis allegorischer oder symbolischer Figuren, der
Dichter, der Jünger Nietzsches, ist Herr über die Welt und
formt oder deutet sie nach eigener Willkür. Das Naturbild ist
nur der Boden, von dem Morgenstern seine bunten Phantasieballons
auf steigen lässt.

Mondbilder. II.

   Eine goldene Sichel
   In bräunlichen Garben,
   Liegt der Mond
   Im broncenen Gewölk.
   Mag da weit
   Die Schnitterin sein?
   Ich meine,
   Die Schwalben bewegen sich —
   Oh, ich errate alles !
   In’s Ährenversteck
   Zog wohl ein Gott
   Die emsige Göttermaid, —
                      usw.
                          (s. 79.)[1]

Dies auf die Galgenlieder hinweisende Spiel mit launigen
Einfällen, die schon völlig durchgestaltet sind, weicht
bald einer tiefern Naturbetrachtung. Doch um in neuem, hohem
Sinne Herr zu sein über die ihn umgebende Natur,
musste er erst ihr Diener werden. Er musste ihr Bild in sich
aufnehmen lernen, sich selbst ganz vergessend und in ihr

   S. 67
verlierend. Das sonnigste seiner Bücher, «Ein Sommer», ist
geboren aus der staunenden Bewunderung der nordischen Natur,
in Molde und Christiania, als er bei Ibsen weilte. Die
Landschaft wurde ihm Offenbarung, und mit nimmermüdem
Stifte zeichnete er ihre wechselnden Stimmungen ab. Das
Bild ist Selbstzweck geworden, viele seiner Gedichte sind reine
Schilderung. Das «Vormittagsskizzenbuch» wirft in einigen
knappen Strichen ein rein optisches Erlebnis hin, durchbebt
von der Freude des Schauenden:

   Ein Pferd auf einer grossen Wiese
   in der Morgensonne stehend, —
   nur die Ohren
   und den langen vollen Schweif bewegend, —
   drunter ein breiter schwarzer Strich,
   sein Schatten.
                   (Sommer u. Kranz, s. 62, Vormittagsskizzenbuch I.)[2]

Licht und Farbe sind sein Glück; so sehr, dass er, der
Malererbe, dem selbst nicht vergönnt war den Pinsel zu führen,
sich nicht scheut, jede einzelne Abtönung mit Worten
nachzuzeichnen:

Farbenglück.

   Ist nicht dies das höchste Farbenglück:
   Birkenlaub in Himmelblau gewirkt?
   Doch schon winkt ein graublau Felsenstück,
   dunklen Epheus sprunghaft überzirkt.

   Und schon sinkt mein Blick in grüne Wiesen
   und in Wasser und in weissen Dunst —
   und ich weiss nicht, wem von allen diesen
   schenk’ ich meine Gunst und meine Kunst....
              (Sommer, u. Kranz, s. 35.)[3]

   S. 68
Stoff ist hier zugleich Quelle der schaffenden Kraft, Ursache
der Entstehung, Anfang und Ende. Diesen impressionistischen
Stil lässt Morgenstern um die Jahrhundertwende fallen.
Er gibt nun gedanklichen und Gefühlserlebnissen öfters
den Rahmen von Naturbildern, die Landschaft wird Symbol
oder stimmungsvoller Hintergrund der Handlung, der Situation.
Zwei Rosen, deren Blätter der Wind gemeinsam den
Weg hinabtreibt, sind ihm Sinnbild der Liebenden, die heimatlos
nur füreinander leben.

Oder aus dem Naturbilde heraus erwachsen ihm Gefühle,
er geht auf die Stimmung der Landschaft, und das
sichtbare Bild wird ihm wieder Träger des Erlebnisses, das
er ihm verdankt. Der Frühlingsregen ist nicht von aussen herangezogenes
Sinnbild der eigenen drängenden, unbestimmbaren
Mächte in ihm, die erwachende Natur selbst löste die
Fesseln seines Gefühles.

   Regne, regne, Frühlingsregen,
      - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
   nur dein treuer Dichter wacht....
   lauscht dem leisen, warmen Rinnen
   aus dem dunklen Himmelsdom,
   und es löst in ihm tiefinnen
   selber sich ein heisser Strom.
      - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
              (Welt, und Wegen, 3. Aufl. s. 155, Frühlingsregen.)*)[4]

Natur war ihm Inbegriff von Sinn und Zweckmässigkeit,
ein Quell neuer Kräfte und des Glaubens für das Weiterleben-
müssen in den Städten. Schmerz und Leid der gepeinigten
Menschheit, verschuldete und schuldlose Krankheit,
das ganze Elend, das die übervölkerten Häusermassen bergen
 ballt er zusammen in der <(Grosstadt-Wanderung». Hoffnungslos,

__________________________

  • ) S. a. Welt, u. Wegen, 3. Aufl. Vorfrühling, s. 143, und Friede, s. 153,


   S. 69
aufdringlich düster ist das Bild, das er hier entworfen;
der Grundgedanke des vernunftlosen Willens zu unverhüllt
dargestellt; und darum wohl hat Morgenstern den Gedichtzyklus
in den spätem Auflagen von «Auf vielen Wegen»
unterdrückt.

Als Morgenstern die Erkenntnis gewonnen hatte, dass
die ganze sinnliche Welt nicht aus Eigenkräften sich aufbaut,
sondern einzig Werk und sichtbare Schrift übersinnlicher Wesenheiten
sei, als er mittels der Natur durch die Natur sehen
lernte, vergeistigte sich ihm das Landschaftsbild. Es ward
nicht mehr Träger geistreicher Allegorien wie in den Frühgedichten,
es wurde Symbol der geistigen Mächte, dem es seine
Gestalt verdankt. —

Des Lyrikers Schaffen ist zeitlos — auch wo er geschichtliche
Stoffe verwendet. Er will nicht früheres Leben neu erwecken,
nicht ein getreues Nachbild der Vergangenheit malen,
ihm ist das Historische nur ein Gewand, das er seinen Gedanken
umhängt. Der Gedanke aber ist nicht zeitgebunden.
«Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk» (Welt, 1. Aufl.)
weist die einzige geschichtliche Stoffquelle in Morgensterns
Lyrik auf. Der Kaiser fordert von seinem Volke, der Christen
Tempel zu stürzen: eine neue, bessere Zeit bricht an, «der
neue Mensch reckt seine Hand». Nur die Toga mahnt an
Rom, und fällt sie, so erblicken wir — Nietzsche. —

«Ein Sommer» ist gewidmet «Der’s gehört», «Ich und
Du» seiner Gattin. Zarte Liebeslieder enthalten die Sammlungen,
nicht lodernde, verzehrende Leidenschaft, sondern
weichgestimmte Erinnerungsbilder von vergangenem Glück
oder stille Sehnsucht nach der Geliebten, die in «Auf vielen
Wegen» in Traumgeschehen gehüllt ist.

Der steile Weg zur Klarheit, die Not und Ermüdung,
wie jede neuerkämpfte Stufe, die ihm einen weitern Blick in

   S. 70
die Zusammenhänge des Seins schenkte, boten neuen Stoff,
der zur künstlerischen Gestaltung drängte. Gedanken,die Morgenstern
entgegentreten und in seinem gleichgestimmten Innern
widerhallten, heischten Form und damit Klärung. Gedankenerlebnis
wird zum Gefühlserlebnis, zur schaffenden
Kraft; auch hier ist der Stoff Ursache der dichterischen
Schöpfung.

Morgensterns Gedankenlyrik wird so Zeuge seiner geistigen
Umwandlung und zum Bekenntnis. Die Not eines jeden
Dichters, einerseits der Zwang zur Gestaltung, andrerseits die
Scheu, die ihn vor der Schaustellung der innersten Gefühle
zurückschrecken lässt, findet Ausdruck in den «Entwicklungsschmerzen»
und «Odi profanum» (Welt, 3. Aufl. s. 15 u.
102.) Die Hoffnungslosigkeit, die an dem Reifen seiner Gedanken
verzweifelt und ein Ende dieses sinnlosen Seins herbeisehnt,
zeigen ergreifend «Wein und Waffe», «Schlummer»,
«Schweigen» in dem Bande «Melancholie» (S. 59, 65,
66.)

Der tiefen seelischen Umwandlung, die das Johanneswort
in Morgenstern herbeiführte, verdankt die Sammlung
«Einkehr» ihr Leben. «Aus einem Christus-Zyklus» baut sich
auf den Versen des Evangeliums auf, die oft mit nur geringen
Veränderungen in das Gedicht herübergenommen werden.
Joh. 8. 53 heisst: «Bist Du mehr denn unser Vater
Abraham, welcher gestorben ist? und die Propheten sind gestorben:
Was machst Du aus dir selbst?»

   «So bist du mehr denn Abraham?
   So bist du mehr denn ein Prophet?
   Was machst du aus dir selbst, Mensch ohne Scham?»
              (Einkehr, s. 94.)[5]

   S. 71
Als Christian Morgenstern in der Anthroposophie Lösung
seiner Fragen fand, suchten auch die neuen Gedankenkreise
künstlerische Gestaltung. Bewusst dringt er hier in ein
für die Dichtung neues Land ein und sucht den abstrakten,
bildfremden Stoff zu meistern. In einem Vorwortentwurf zu
«Wir fanden einen Pfad» rechtfertigt er diesen Schritt : «Wir
brauchen keine Kunst, deren Wesen Wiederholung ist, sondern
eine, die sich weiter tastet, die dem wahrhaft Neuen, das
in unsere Zeit hereinfliesst (nicht dem Neuen freilich, das
in Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben besteht)
sich zu öffnen ringt, eine Kunst, die weder von den
«Neutönern» akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet
werden will, ja auch nicht zu «guter Kunst», — denn
in diesem «gut» verbirgt sich hier nichts weiter als «das,
was wir lieben», und eben das liebt diese Kunst nicht mehr.»
(St. s. 75f.). So lassen sich in diesem Buche durchwegs bestimmte
anthroposophische Gedanken nachweisen. Die während
des Schlafes stattfindende Vereinigung des «Ichs», des
Trägers des Ichbewusstseins, mit den geistigen Kreisen, aus
denen es stammt, ist ein Grundgedanke von «Leis auf zarten
Füssen naht es» (s. 19.) und «Stör’ nicht den Schlaf der liebsten
Frau, mein Licht!» (s. 31.) Bitte um Erkenntnis des
Übersinnlichen, um Vereinigung mit den leitenden Mächten
ist «Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt..» (s. 55.)
Dank an die untern Naturformen, an Stein, Pflanze und Tier,
die die Stützen zur Entwickelung des Menschen sind, spricht
«Die Fusswaschung» (s. 57.)

 

 

Albert Mack: Christian Morgensterns Welt und Werk. 1930
Vorwort | Biographische Skizze | Der Mensch und die Grundlagen seiner Weltanschauung
Weltanschauliche Auseinandersetzung: I.Die ersten Deutungen | II. Nietzsche | III. Das Johannes-Wort | IV. Rudolf Steiner
Das Werk:
I. Die ernste Lyrik: A. Stofferlebnis | B. Innere Form. Symbole | C. Äussere Form
II. Die Galgenlieder: A. Ursprung und Stofferlebnis | B. Humor | C. Äussere Form
Schlusswort | Literatur
Lebenslauf


Fußnoten

  1. Mondbilder
  2. Vormittag-Skizzenbuch
  3. Farbenglück
  4. Frühlingsregen
  5. Joh. 8, 53