Aphorismen - Erziehung, Selbsterziehung - 1907

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   S. 242

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...

1907

[1096]

Es ist furchtbar hart, aber es gibt nur einen Weg, als Kämpfer für

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das Echte zuletzt den Erfolg an sich zu fesseln: So lange zu
schweigen, Geduld zu haben. Menschen und Dinge gehen zu lassen,
bis man durch die Treue gegen sich selbst und die äußeren

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Umstände eines Tages ein Faktor geworden ist, mit dem gerechnet
werden muß. Dann endlich mag man dem Zorn und der
Liebe in sich nachgeben, wann und wo es auch sei. Dann erst hat
es, sie rückhaltlos zu äußern, Sinn und Wert: Für einen selbst, für

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den Getroffenen, für den Verteidigten, für alle andern.

[1097]

Übung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.

[1098]

Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken,
woraufs ankommt, auch bei dir.

[1099]

Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre wir wohl alt

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sein mögen, werden wir geduldiger gegen das Tempo unserer
heutigen Entwickelung werden. Die von uns heute so ungestüm
begehrte edlere Zukunft unsres Geschlechts wird sich vielleicht
schon noch einmal verwirklichen, aber statt in Jahrhunderten erst
in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost für den Lebenden;

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aber der Lebende hat einen andern Trost: daß ihm für seine Person
schon heute die Möglichkeit gegeben ist, sich selbst so edel zu
verwirklichen, wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen
ist jederzeit und überall möglich; zuletzt bleibt doch diese
Erkenntnis und was sie fruchtet der einzig wahre Fortschritt.

[1100]
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A. Zukünftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, sich selbst
als sein einziges Ideal, im ethischen Sinne, zu setzen. In dem
Moment, wo jeder bei sich anfinge, wäre die schönste Zukunft
vorweggenommen.
B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: Statt so zu theoretisieren,

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fange doch gleich bei dir selbst an. Auch dein Reden ist nämlich
nur ein Umgehen deiner Pflicht. Bilde, Künstler, rede nicht.

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[1101]

Immer vor sich selbst in Wahrheit leben, das ist die Hauptsache.
Sich nicht unter- aber auch nie über-schätzen.

[1102]

Es ist meine Stärke, daß ich ein so schlechtes Gedächtnis habe.
Andere bewahren alles, was sie in sich aufnehmen, in seiner ursprünglichen

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Form in sich auf. Ich vermag das nicht, der Stoff
entschwindet mir, und nur seine Wirkung bleibt.
So wächst ein Mensch, durch unzählige Speise genährt, ohne daß
er angeben könnte, wie die einzelnen beschaffen waren, was dieses
Souper enthielt und wie jenes Diner verlief. Es ist vielleicht

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eine Schande, einzugestehen, daß ich beispielsweise kein einziges
Werk von Goethe so vor mir habe, daß ich es jederzeit inhaltlich
wiedergeben könnte. Gleichwohl ist es so, - und der Literat X
und der Professor Y werden mich vermutlich für einen recht ungebildeten
Teufel halten, aber ich bin nur anders gebildet als sie.

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Die Natur ist viel reicher und unbedenklicher, als sie meinen. Für
jene ist Bildung das und das und der Weg dazu der und der. Die
Natur kennt mehr als eine Bildung und mehr als einen Weg.

[1103]

Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt,
gekreuzigt oder verbrannt zu werden. Um so mehr will es

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der Anstand und die Solidarität, uns neue Gefahren zu suchen
und zu schaffen, und sollten es die der Selbstkreuzigung, der
Selbstverbrennung sein.

[1104]

Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch mit kühlen
Blicken unter sich sehen lernen. Man sei stolz darauf, wenn man

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die Welt nicht mit jener brünstigen Liebe mancher Mystiker
liebt, die nichts ist als versetzte Erotik. Man gebe dem Weibe, was
des Weibes, und Gott, was Gottes ist.

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[1105]

Jeder muß seinen Mann haben, der ihm über die Schulter sieht,
und dieser wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so
allein kommt der Mensch vorwärts.

[1106]

Sich immer am Leben korrigieren.

[1107]
5

Gestern sah ich im Stadtpark ein kleines Bäumchen von einem
halben Meter Höhe, das ein unverhältnismäßig großes Porzellanschild
an seinem dünnen Stämmchen tragen mußte. Armes
Geschöpf, du gleichst den Kindern, die schon im zarten Alter von
der Last der Etikette und Mode sich ihr fröhliches Wachstum verkümmern

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lassen müssen, statt ungehemmt so sich entfalten zu
dürfen, wie die Natur es gewollt.

[1108]

Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich
auf Bestärken und Schwächen. Man kann niemanden zu etwas
bringen, der nicht schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und

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niemanden von etwas abbringen, der nicht schon geneigt ist, sich
ihm zu entfremden. Der bedeutende Mensch ist ein Mensch, an
dem viele andre sich klarwerden. Er greift in ihr Unbewußtes und
Unterbewußtes und stärkt dort das ihm Verwandte. Wenn Lichtenberg
von seinem Aberglauben redet, so schwächt er damit die

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Mannhaftigkeit vieler; denn ihre heimliche Neigung zum Unkontrollierbaren
fühlt sich durch einen solchen Mann ein wenig
gerechtfertigt, die strenge Zucht scheint ein wenig im Werte sinken
zu dürfen. Wenn er aber von einem geläuterten Spinozismus
als der Religion der Zukunft spricht, wie fällt da sein Wort bei

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manchem wie ein Frühlingsregen auf Saatfelder. Wie stärkt er da
unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.

[1109]

Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu dem: im Begonnenen
unermüdlich weiterzuarbeiten, aber nicht in Verzweiflung
und Selbstbetäubung, sondern indem wir jede Sekunde dieser

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Arbeit immer mehr durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer
entschiedener vergeistigen. Was denn schließlich auch unserer
Hände Werk sich wunderlich wandeln machen wird, so daß,
wenn einer etwa im Kriegshandwerk begann, er, wer weiß, als

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Kolonisator endet, oder als Kriegsmann irgendeiner andern höheren
Kriegsidee, als es die der bisherigen Kriege war.

[1110]

Glaube mir, wie alles Törichte war auch alles Rechtschaffne und
Gescheite schon einmal da. Es gilt nichts, als dies weiterzubilden
und nicht das andre.

[1111]
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Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich
außer Betracht bleibt: wozu.

[1112]

Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. Und zwar einer
Ausstellung von Dilettanten verfertigter Dinge, als da sind Dörfer
aus Streichholzschachteln, rollendes Material aus Garnspulen,

15

ein Haus aus einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. Mir
lacht das Herz. Seit manchem Jahre schmähe ich das luxuriöse
moderne Spielzeug, diese echte Aus- und Nachgeburt einer materialistischen
Periode, - und nun erhebt endlich wieder das
Spielzeug unserer Kindheit das bescheidene und phantasievolle

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Köpfchen. Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach und
unter so viel ödem Bildungsphilistertum wieder den Geist und die
Liebe.

[1113]

Wer möchte die Furcht in seiner Erziehung entbehren.

[1114]

Ihr Eltern, laßt meinetwegen eure Kinder wild aufwachsen! Nur,

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daß ihr sie in ihren kritischen Jahren beobachtet und ihnen hier
nichts an Liebe, Belehrung und Beispiel fehlen laßt! Ihr Mütter!
Lest "Frau Regel Amrain und ihr Jüngster" aus Meister Gottfrieds

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"Leuten von Seldwyla", ihr Väter, besinnt euch eurer Verantwortung
für Menschen, die eure Leidenschaft ins Leben gerufen.
Denkt endlich ein wenig mehr über die Erziehung junger
Gemüter nach, verlernt endlich eure Trägheit und Unselbständigkeit

5

in einer der wichtigsten Fragen des Lebens... Hoffen und
Wünschen tut's nicht. Arbeitet an euren Kindern!

[1115]

Mancher will dem Kinde keine Märchen geben, weil die Märchen
"lügen", weil sie mit der "Wirklichkeit nicht zusammengehen".
Aber ist nicht die nackte, nützliche Wirklichkeit, der Sinn

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für den lebendigen Menschen Lüge und Schein? Was ist wahrer:
diese so vorgestellte Wirklichkeit oder das Wunder? Die Naturwissenschaft
könnte alle sinnlich erfaßbaren Zusammenhänge
kennen und doch würde ihr erst dann das volle Gewicht der Tatsache
bewußt werden, daß alles Sinnliche wie ein Zauber aus einem

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Unsinnlichen herausblüht.
Und inmitten dieser Wunder- und Zauberwelt - der Mensch,
nicht wie eins der tausend Geschöpfe einfach ein angeborenes
Leben darlebend, sondern sich besinnend , sich wundernd:
Was soll ich ?

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 242ff.