Aphorismen - Erziehung, Selbsterziehung - 1908

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1908

[1116]

Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was man Taugliches
wird, wird man in der Regel trotz der Schule, nicht durch
die Schule.

[1117]

Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in sich, daran

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unaufhörlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe
bleibt.

[1118]

Von sich zurückzutreten wie ein Maler von seinem Bilde - wer das
vermöchte!

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[1119]

Bildnerische Liebe. Schöpferische Liebe! Nur immer wach bleiben,
nicht in Schlaf fallen. Nur immer sinn-volle, nie sinn-lose
Liebe.

[1120]

Eine Liebe durch die andre stützen und nähren: die Liebe zur

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Geliebten durch die zum Menschen, zum Bild des Menschen.
Und umgekehrt.

[1121]

Nichts (bedeutend Begonnenes) abbrechen. Allem, wie Goethe
sagt, eine Folge geben.

[1122]

Suche allem nach Möglichkeit eine Folge zu geben. Nichts macht

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das Leben ärmer als anfangen und abbrechen.
Aber ebenso gewiß ist, daß, wenn auch kein Schuß ins Schwarze
trifft, unzählige es wie ein Sternenhimmel umschreiben.

[1123]

Gute Erziehung - ein zweischneidiges Schwert. Mancher wird
nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch von Umfang , infolge seiner

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guten Erziehung.

[1124]

Die Mahnpapageien. Man bediene sich der Papageien, um seine
Wünsche durchzusetzen. Die Arbeitslosen mögen dem Fürsten
einen Papagei schenken, der unaufhörlich "Brot" sagt; die Frau
ihrem Gatten einen, der auf "neuer Hut", "neues Kleid", "Badereise"

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oder dergleichen eingelernt ist, der Student seinem Vater
und Onkel je einen mit "Wechsel" bzw. "Pump" oder "Zuschuß",
der Schneider dem Studenten einen, der ihn fortwährend
ans Bezahlen mahnt. Man könnte im Handel geradezu gesetzlich
geschützte Mahnpapageien einführen, die einem samt

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der Rechnung ins Haus gebracht werden und die man die Verpflichtung
hat, solange bei sich zu behalten und zu ernähren, bis
man das Geforderte begleicht.

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[1125]


Die Sitte des In-den-April-Schickens ist bei uns lange nicht genug
verbreitet und geübt. Der erste April müßte ein wahrer Festtag
für die Nation werden, ein Dies Saturnalius - in jedem Falle
ein liebenswürdigerer Feiertag als mancher offizielle.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 247ff.