Aphorismen - Erziehung, Selbsterziehung - 1912

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1912

[1132]

Wie mancher hat es schon ausgesprochen, daß Heldentum
ebenso leichter sein kann als langsame, geduldige, unauffällige
Selbsterziehung, wie eine Tat leichter sein kann als eine Handlung,

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ein Gefühl leichter als ein Empfinden.

[1133]

Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den unerschütterlichen
Entschluß des Durch-ihn-lernen-Wollens wie einen Schild
vor sich her.

[1134]

Übe dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird gegeben, mit

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der anderen genommen. Alle Erziehung verläuft unter diesem
Pendelgesetz. Alles Erzogensein besteht in der endlich errungenen
inneren Ruhe dem einen wie dem andern Schicksal gegenüber
und einer Liebe und einem Vertrauen, die höher sind als alle
Vernunft zwischen Geburt und Tod.

[1135]
15

Man möchte sich wie Bruder Bernardo auf irgendeinem Marktplatz
dem Gespött der Welt aussetzen, um gleich ihm ein jegliches
um Christi Liebe willen geduldig und heiter zu ertragen - und
leidet vielleicht schon darunter, wenn die Schaffnerin[1], die das
Zimmer aufräumt, vergißt, guten Morgen zu wünschen oder

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wenn der Türhüter des Hauses schlecht geschlafen hat.

[1136]

Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist, sondern nur
einfach etwas von deiner Pflicht zu tun versuchen, Tag um Tag.
Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit
und Wachsamkeit von Anfang bis Ende zu verleben, als ein

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Jahr in großen Absichten und hochfliegenden Plänen.

[1137]

Wir sind allzumal träge: daraus entspringen die meisten Übel. In
jedem schlägt das Gewissen und regt sich das Wissen, wie es im

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Kleinen und Großen sein müßte und wie es nicht ist. Aber die
Faulheit, die Vergeßlichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu
kommen, daß wir aus Gedanken zu Taten hervorschreiten. Wir
kennen manches große innerliche Mittel, aber man sollte auch

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kleinere, mehr äußerliche schaffen. Alle die gut sein möchten,
aber es nicht so sein können, wie sie möchten, weil sie sich zu
schwach dazu fühlen, sollten sich zusammentun und eine Hülfsbrüderschaft
über sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt.
Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einräumten, ja die

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Pflicht auferlegten, sie immer wieder wachzurütteln und mit dem
problematischen Willensmaterial, das in ihnen ist, zu arbeiten -
so wie ein treuer Diener, der uns zum Sonnenaufgang aus dem
Bett rüttelt, so wie ein Staat, der mit unseren Steuern "arbeitet".
Eine Brockensammlung guter Willensregungen, sozusagen, das

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gälte es für diese Gruppe Tag für Tag. Des Menschen Wesen ist
Schwäche; kann er nicht allein in die Höhe wachsen, so soll er
sich an Stangen und Spaliere binden oder binden lassen. Ehre
jedem, der statt auf dem Stroh zu verkümmern, zur Krücke greift,
Ehre jedem tapferen Invaliden.

[1138]
20

Jedem Menschen sein Recht lassen, und wenn es uns noch so sehr
als Unrecht erscheint. Den Kampf gegen dies sein Unrecht deshalb
nicht aufgeben, aber ihn nicht außer sich führen, gegen jenen,
sondern in sich, gegen sich, gegen das in sich, was, wenn
auch noch so verborgen, jenem Unrecht entspricht. Oder könnten

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wir leugnen, daß wir innerlich an allem noch irgendwie teilhaben,
was an Bösem außer uns geschieht? Daß in uns von dem
z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung versetzt und zu unverantwortlichen
Handlungen verführt, noch genug lebt, um unsre
ganze Wachsamkeit und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen,

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und sei es nur ein gewisses Sichfreuen bei dem "Sieg" des schwächeren
Gegners oder eine "gerechte Empörung" über dies und
das, was das blutige Handwerk nach sich zieht? Wir möchten allzugern
wahrhaben, es sei menschlich schöner, mit dem siegenden

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Schwächeren sich zu freuen, als die gleichmäßige Trauer
über Siegende wie Besiegte eine Quelle neuer Gelöbnisse vermehrter
Anstrengungen in uns selber werden zu lassen; es sei
nicht leichter, empört über Grausamkeiten zu sein, als die Blitze

5

der Entrüstung auf und in uns selbst abzuleiten, auf das Triebwesen,
dessen feinere Wildheiten auch in uns noch nicht völlig
gebändigt, noch nicht genug in rein dem vergeistigten Ich dienenden
Kräften leben.

[1139]

Ein Hauptzug aller Pädagogik: Unbemerkt führen. Viele Menschen

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sind durchaus fähig und gewillt, der Wahrheit zu folgen,
aber sie darf ihnen nicht geradezu gesagt, vor Augen gerückt werden.
Sie verlieren in diesem letzteren Ealle jede Freude an der
Wahrheit; denn ihre Eigenliebe ist noch stärker als ihre Liebe
zum Geiste, als ihr Geist, und so gefällt ihnen nur, wer und was sie

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- schont.
Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht ihren Wahrheitsbesitz
erarbeiten.

[1140]

"Daß du dann niemals mehr Wein anrührtest!" rief ein Knabe
seinem Vater zu, der mit ihm die Wendeltreppe eines Turms emporstieg.

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"Welche Selbstüberwindung! welche - Entsagung!"
Der Vater nickte lächelnd und wies dem Sohne die Aussicht, die
das eben erreichte Treppenfenster erlaubte. Nachdem sie diese
eine Weile bewundernd genossen, stiegen sie weiter und gelangten
zum nächsten.

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Welche Entsagung! rief da der Vater verstellt. Hier haben wir
nicht mehr den Blick von vorhin. Wie schön war es, auf all die
nahen Dächer hinabzuschaun; da störte noch keine Landschaft
wie jetzt...
"- Störte?" fragte der Sohn -

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... und sind wir erst droben, so werden wir auch diesem Rundbild
entsagen müssen: denn droben, du weißt ja, schaut man bei
hellen Tagen das Meer...

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Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der Schelmerei gewahr,
maßen sie lange und nachdenklich den Sprecher... bis -
hoch, ein Silberstreif - das Meer am Horizont erschien und sie
mit Tränen füllte. (Denn wie liebte schon dieser Knabe das

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Meer !)

[1141]

A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie empfinden,
doppelt streng gegen sich selbst vorgehen, nicht aber Ihrer Antipathie
nachlaufen wie der Student seiner Flamme.
B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht mehr verlassen

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dürfen?
A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie Ihren Hunden,
mit denen Sie über Land gehen. Aber behalten Sie sich stets
vor, sie zurückzupfeifen, und pfeifen Sie gelegentlich auch einmal
ohne Grund, einfach weil Sie der Herr sind und die Instinkte

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Ihre Diener.

[1142]

Sich bewußt ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz gehen. Vom
Ersten bis zum Letzten und umgekehrt. Keinen und nichts vergessen,
übersehen, gering achten.

[1143]

X pflegte von sich zu scherzen, er sei ein bereits ziemlich

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menschenähnlicher Affe.

[1144]

Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe für
dich Partei ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein.

 

 

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Fußnoten

  1. Wirtschafterin

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 250ff.