Aphorismen - Ethisches - 1896

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   S. 206

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1896

[873]

Es ist etwas Fürchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne
Tragik empfinden zu lassen.[1]

[874]

Ich halte es mit einem Ausspruch Napoleons: Gleichviel, wofür

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sich die Jugend begeistert, wenn sie sich nur begeistert. Gleichviel,
wofür ein Mann sein Leben wagt, wenn nur überhaupt Männer
da sind, denen irgendein Ziel zu erreichen mehr gilt als die
Sorge für ihre Person, als Furcht vor etwaigem Untergang. Auf
das Leben an sich kommt es und kam es nie und nirgends an. Es

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könnten Milliarden Wesen leben, ohne daß es irgendwelche Bedeutung
hätte. Erst wo sich das Leben rechtfertigen will, sei's, wie
es sei, wo es sich nur als Stoff nimmt und nicht mehr als Selbstzweck,
beginnt Leben in würdigem Sinne, hebt Sinn und Bedeutung
des Menschen an. Ist es nicht so?

[875]
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Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen von
Geist: die soll man nicht aussprechen. "Oberflächlich sein" (oder
scheinen wollen) "aus Tiefe", das gehört hierher. Eine schwere
Forderung an den Radikalismus der Jugend.

[876]

Und immer wieder komme ich darauf zurück, daß die Bewertung

20

der geschlechtlichen Liebe unter uns Heutigen eine krankhafte
Höhe erreicht hat, von der wir durchaus wieder heruntersteigen
müssen.

[877]

Es gibt noch eine größere Liebe als die nach dem Besitz des geliebten
Gegenstandes sich sehnende: Die die geliebte Seele erlösen
wollende. Und diese Liebe ist so göttlich schön, daß es nichts
Schöneres auf Erden gibt.

 

 

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Fußnoten

  1. Tschechische Übersetzung: V člověku, který trpí, aniž by vzbuzoval pocit tragična, je něco
    hrůzného.

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 206