Aphorismen - Ethisches - 1897

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   S. 207

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1897

[878]

Ad Kompromiß. Alles läßt sich erklären d.h. rechtfertigen.
Willst du aber leben und leben machen , so mußt du diese
Erkenntnis vergessen und dich von deinem Temperament in eine

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gewisse freiwillige Begrenztheit und Intoleranz hineindrängen
lassen.

[879]

Der Betrachter stellt sich einen Leidenden meist so vor, als ob
dieser im beständigen Gesamtblick seines Loses dahinlebte,
während ihn doch die kleinen Sorgen und Hoffnungen des Tages

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ebenso beschäftigen und zeitweise ablenken, wie sie es uns von
unseren Gedanken über unser Schicksal tun. Daher können wir
etwa eine Gestalt wie Christus kaum anders als durchgehends
pathetisch auffassen, können sie uns schwer in naiven Zuständen
und ohne bedeutungsvolle Gebärden vorstellen, was unzweifelhaft

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Personen bis aufs äußerste fälschen und schablonisieren
kann.

[880]

Adam und Eva Arm in Arm durch die Gassen gehend. "Mein
Gott! mein Gott! an dem allem sind wir also schuld!"

[881]

Leben heißt tausend Umwege zum Tode machen. Halt: ich will

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erst einmal essen - und trinken - und lieben - und arbeiten - und
schauen - und ein Haus bauen usw.

[882]

Es gibt Passivitäten in uns, wodurch wir die Freundschaft manches
Menschen unnötigerweise verscherzen. Zum Beispiel: Vernachlässigung
von Korrespondenzen.

[883]
25

Wie ist Vertrauen doch schön! Ein Kind läßt sich von einem Erdgeschoßfenster
aus in die Arme eines Knaben fallen. -

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 207