Aphorismen - Ethisches - 1905

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   S. 209

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...

1905

[894]

So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir

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schuldig bin.

[895]

Das Bild vom Sündenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als
die - moralisch gesehene - Sichselbstbewußtwerdung des Tieres.
Den Eintritt des "Geistes" in die Naturgeschichte.

[896]

Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können, das ist,

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meine ich, vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu
äußern.

[897]

Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir müssen
uns durchaus gegenwärtig halten, daß die Bestrafung eines
Verbrechers durch unsere Behörden nur den Schein der Gerechtigkeit

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für sich hat, nicht die Gerechtigkeit selbst; denn wie
könnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen einen einzelnen wenden,
sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich ausgebreitet
sähe.

   S. 210

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[898]

Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.


[899]

Es gibt kein widerwärtigeres Schauspiel, als wenn aus einem
Menschen ein Berufspfaffe wird.

[900]
5

Es ist leicht möglich, daß die moralischen Vorstellungen allmählich
eine nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische)
Atmosphäre über der Erdoberfläche geworden sind,
eine Welt, die sich in gewissem Sinne selbst regelt, selbst ihre
Ausgleiche schafft, ihre eigene Gerechtigkeit hat und übt. Daher

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dann jene oft beobachtete Justiz der Geschichte, jene vielen "gerechten
Vergeltungen", jene moralischen Ausbrüche und Gegenströme.


[901]

Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte Nötigen
bei Tische. Dieses ewige Zureden in einer höchst untergeordneten

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Sache, die jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter
Menschen, die auf sich halten, verpönt sein.

[902]

Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die Glück oder
Tod bringen, die sich vor allem bringen mit ihrem Geschmack,
ihrer Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren

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Sinn für Größe besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe
zu dem, für welches sie geboren sind.
Und mein Haß: Die Geschmackler, die Renaissanceler, die
"Töpfegucker jeder Stimmung" - die qualligen Ästheten, die stupenden
Magister- all dieses unproduktive und anmaßende Volk,

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das die Mode von heute ist, wo unser innerstes Leben nach Stil
dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft, nach Männern,
nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines
Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi.

   S. 211

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[903]

Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.

[904]

Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt
hat, der bemüht sich selbst in kleinen Dingen - wie dem
Niedertreten des Grases — schonungsvoll zu sein.

[905]
5

Auf Föhr. Ich höre Anreden von Fremden an Eingeborene wie
die folgenden: "Sie tragen noch die alte Tracht; bleiben Sie ja
dabei; ich sehe das zu gern; lassen Sie auch Ihre Kinder in dieser
Tracht gehn!" Oder: "Nein, was ist Ihre Tochter für ein schöngewachsenes
Mädchen! Sehn Sie nur, meine Herren, dieses

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schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder ..." Als ob
diese Halligbewohner, diese Nachkömmlinge der alten Friesen,
Schaustücke eines Panoptikums wären; als ob sie nicht mit Fug
herabsehen könnten auf diese zusammengewürfelte Gesellschaft
halbkranker Groß- und Kleinstädter, die mit all ihrer "Bildung"

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nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen gegenüberzutreten
hat.

[906]

Es ist gut, sich manchmal zu sagen: In jedem Augenblick leidet
jemand unendlich. Aber auch das Gegenteil komme zum Bewußtsein:
Kein Augenblick ohne ein Ja! aus tiefster Tiefe.

[907]

Mensch, das heißt der Leidende.
Jede Verfeinerung muß durch Leiden bezahlt werden.

[908]

"Das Mittelmäßige reißt uns herab."

[909]

Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit
mehr glaubt.

   S. 212

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[910]

Niemand ist "zu gut für diese Welt". Menschen, von denen dies
gesagt wird, sind vielmehr in irgendeinem Betrachte nicht gut
genug .[1]

[911]

Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.

 

 

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Fußnoten

  1. Illustriert von: Ruth Tesmar

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 209ff.