Aphorismen - Ethisches - 1906

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1906

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Tugend - im gemeinen Sinne, nicht als virtù — ist sehr oft nur ein
Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden
bewahrt, weshalb sie für Menschen, für die kein Grund vorliegt,
ein außergewöhnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste

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Art bildet, mit einiger Schönheit durchs Leben zu kommen.

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Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz über die
Menschen kommen, wenn sie erkennen, daß sie sich nicht geliebt
haben, wie sie sich hätten lieben können.

[914]

Als Dank - pour un sourire de printemps.

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Als Dank — pour un sourire de vie.

[915]

Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer
und unveräußerlich die göttliche Würde.

[916]

Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage
einstweilen zurückgestellt und versucht es augenblicklich zunächst

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mit der Sachlichkeit.
(Vgl. z.B. die großen Ärzte unserer Zeit.)

[917]

Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwärtigt, mit der die
Masse der Menschen ihr tägliches Arbeitslos trägt, der wird sie

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namenlos achten müssen, diese "Menge", trotz alledem und alledem.
Und wenn wir Geistigen uns nur zu oft über sie erheben: sie
kann doch nie brüderlich genug geliebt werden. Und jedenfalls
soll sie beständig in unsern Gedanken wohnen, auch in denen,

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die ihr etwa zürnen.

[918]

Man muß Erdbeben sein und die festen Städte der Menschen
immer wieder zu Falle bringen. Man muß ihre Mauern wandeln
machen, sonst stockt das Leben in ihnen. Aber es kann auch Zeiten
geben, da man Urgestein sein muß, dahinauf sich ein namenlos

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geängstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um der Liebe
willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und verleumden
muß, die den Erdboden zur schwankenden Welle
machten, die den Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit.
Man wird aus Himmel und Sternen wieder ein Bild machen,

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man wird die Spinnweben alter Märchen auf offene Wunden legen
müssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen, das
die Kulturen bisher hervorbrachten.
Der Bürger und nichts als Bürger ist ein trister Anblick, aber der
aus jeder und gar jeder Bürgerlichkeit hinausgeschreckte

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Mensch, der verfluchte Bürger, der irre, friedlose, von jeder Gewißheit
enterbte, das personifizierte Grauen vor dem Unfaßbaren,
der aus Tiefe wahnsinnig werdende Mensch - das wäre der
Untergang selbst. "Oberflächlich aus Tiefe" - Lebenswort! Auf
die Stirne von Tempeln!

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 212f.