Aphorismen - Ethisches - 1907

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1907

[919]

"N. N. war eitel!" Eine furchtbare Art von Urteilen, die man nie
anwenden sollte, weil sie notwendig verfälscht, in so schreiend
grobem Maße verfälscht, daß reinere Naturen dabei auf und davon

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gehen. Ein Mensch voll unbeschreiblichen Reichtums, in
dem aber dann und wann auch Eitelkeit (beispielsweise) aufgetaucht
sein mochte - nun wird er "eitel" genannt und damit bis zu
einem gewissen Grade entwertet.

[920]

Glaube mir, es gibt nichts Großes ohne Einfalt. Der Mensch, das

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Individuum ist Gottes Einfalt, ist ein-fältig gewordene Gottheit.
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.

[921]

Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.

[922]

Es können nur einigermaßen gleiche Naturen in ihrem ganzen
Umfang einander erkennen und abschätzen. Heut aber will jedermann

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interpretieren, wenn er nur schreiben gelernt hat.

[923]

Bemerke, wie die Tiere Gras und Kraut abrupfen. So groß ihre
Mäuler auch sein mögen, sie tun der Pflanze selbst nichts zuleide,
entwurzeln sie niemals. So handle auch der starke Mensch gegen
alles, was Natur heißt, sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe

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die Kunst, vom Leben zu nehmen, ohne ihm zu schaden.

[924]

Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein andrer - welch
grober Gedankengang! Als ob -

[925]

Finsternis würde mich in kürzester Frist um alles Glück und um
allen Verstand bringen. Gebt allen Menschen vor allem Licht
und vorzüglich den Unglücklichsten unter uns, unsern Gefangenen.


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[926]

Bedenke, daß der sogenannte gemeingefährliche Mensch nur um
deines Behagens willen im Gefängnis sitzt und daß auf deiner
Seite viel dazu gehört, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen
sittlich aufzuwiegen.

[927]
5

Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft
schuldig machen, ist schrecklich. So, wenn einer von Rousseaus
"Bekenntnissen" sagt: Das verlogene Zeug. Ja, ja, verlogen vielleicht
hier und dort und am dritten Ort - aber auch am vierten
und fünften? - Und wir selbst, die wir so sprechen, sind es also an

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keinem? Nirgends verlogen, nirgends angreifbar, nirgends verwerflich?


[928]

Man soll über einen wahrhaft großen Menschen nicht reden.
Denn worüber man bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht
an. Es kommt allein darauf an, wie er dir innerhalb und in deinen

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tiefsten Stunden erscheint. Von diesen unionibus mysticis aber
kann man nur - schweigen oder doch nur in Momenten großer
innerer Kraft zeugen.

[929]

O, wie erniedrigt doch die "Konversation", wie verführt sie uns
fortwährend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns

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gleich darauf schämen, die nichts als höheres Geschwätz sind,
das mit unserm wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es
dessen Teil an Torheit und Schwäche aufdeckt.

[930]

Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, - aber man muß
mit diesem Bedürfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen,
eine jede, ausschließlich geliebt sein, sie wollen aus aller
Kraft die Episode der Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen.
Sie wollen ein ganzes Leben in Beschlag nehmen, aber
dafür kein Leben der Kameradschaft, sondern ein Leben der
Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie ewige

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Musik oder ewiger Frühling. Die Liebe verdirbt die Seele zur Kameradschaft,
sie ist kalt und heiß, eifersüchtig und unberechenbar,
die Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe,
sie ist bis zu jedem möglichen Grade unegoistisch, sie ist der

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höchste Zustand zwischen Mensch und Mensch.
Die Liebe ist das Mittel zum Werden des Kindes,
aber die Freundschaft ist das Mittel
zum Reif- und Süßwerden deiner selbst.

[931]

Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen wie im
Guten.

[932]
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Wer nicht auch böse sein kann - kann der wirklich tief sein?

[933]

Kondolenzbriefe sind in den meisten Fällen Prostitution des Mitgefühls.
Wer mitfühlt, soll nicht sagen, ich fühle mit. Aber freilich,
der Trauernde will gemeinhin, daß man mit ihm, zu ihm
redet. Er will Gesellschaft in seiner Trauer, er braucht Worte.

[934]
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Das Briefschreiben wird nachgerade eine Seuche. Ein Mann
muß sich hier in strengste Zucht nehmen. Man nimmt dabei
seine Kleinigkeiten leicht zu wichtig, oder aber man verzettelt
sein Innerstes.

[935]

Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich fühlen und

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nennen. Und am Ende wird er sagen: Wer weiß sich mit hunderttausend
Stricken gefesselter als ich?

[936]

Lieber einem zuviel als zuwenig Ehre geben. Ehre, sage ich, nicht
"Lob". Tadeln, ja ganz ablehnen können und doch immer noch
ehren, d.h. fühlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen muß,

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sowenig ich eine Blume in ihren inneren Organen verletzen
möchte, sowenig möchte ich dich - verletzen! das ist es.

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[937]

Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens,
aber vor dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht.

 

 

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