Aphorismen - Ethisches - 1909

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   S. 219

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[951]

Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit -
wo Gutes gewollt wird - ist zu nichts nütze. Umgekehrt, sie ist nur
eine Quelle immer weiterer Schwäche und damit immer weiterer

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Mißerfolge.

[952]

Solange du um etwas nicht weißt, bist du unschuldig; sobald du
aber um etwas weißt und doch gegen dein Wissen handelst, bist
du schuldig.

[953]

Wem das allgemeine Wohl das höchste Ziel auf Erden dünkt, der

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tut den Menschen gar nichts so Gutes, wie er meint. Man soll nie
das Wohl, man soll nur das Heil jedes Menschen im Auge haben,
- zwei Dinge, die sich oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.

[954]

Der Mensch hat keine andre Bestimmung, als die er sich selbst
gibt. Aber freilich hat sich der Mensch von Tiefe nie mit einer

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kleinen, nie mit einer un-göttlichen Bestimmung zufriedengegeben.

Alles Reden von einer höheren Bestimmung, der wir uns unterwerfen
müßten , verschleiert nur unsre eigene innere Trägheit,
Unsicherheit, Schwachheit.

[955]
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Frage und Prüfung. Was kannst du? - Kannst du dich verkennen,
beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur einen Schatten
von Zorn wider den Bruder zu fühlen? Noch mehr: Kannst Du
Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man foltert
dich, man mordet dich - gesetzt, du fielest unter Wilde oder gerietest

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durch eine Verwechslung vor ein russisches Gericht oder
unter eine aufgeregte amerikanische Volksmenge. Könntest du
dann leiden und sterben - ohne Verwünschung?

   S. 220

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[956]

Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde
Flamme.

[957]

Was ist der Mensch, daß er nicht alles hingeben sollte - um des
Menschen willen!

[958]
5

In dem Maße, wie der Wille und die Fälligkeit zur Selbstkritik
steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.

[959]

Wer den einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer
wiederkehrt, wird aufhören, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht
sich Schulter an Schulter mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit

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jeglicher Feindschaft zwischen ihm und sich. Mag der
andre noch sein Feind sein wollen, er selber empfindet ihn nicht
mehr als Feind; für ihn fällt er, wenn er sich und ihn sub specie
aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der
andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren,

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als ihm zu helfen, zu nützen, zu dienen. Er weiß, wie alles
zuammenhängt. Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang,
sondern der Zusammenhang liegt klar vor ihm.

[960]

Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.

[961]

Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den andern, in

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Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.

[962]

Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung
bedient, selbst töten müßte, würde die Anzahl der Pflanzenesser
ins Ungemessene steigen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 219f.