Aphorismen - Ethisches - 1910

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[963]

Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich in der Liebe; aber er führt in die Seligkeit Gottes selber hinein.

[964]

So wie der Strom in das Meer muss, so muss der amor in die Caritas.

[965]

Man hüte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen lenkt einen bloß von der großen Liebe ab, die sich allein auf die Menschheit in ihrem Vorwärtskommen richten soll; dergleichen sind bloß Fallgruben der Eigenbrödelei, Sackgassen der Egoität. Mag sich ins Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Träume spinnen, wer die Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der weiß, dass es für ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen Realisten der Liebe.

[966]

Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen, Spähen umsonst.

[967]

Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren.

[968]

Der Nenner, auf den heute alles gebracht wird, ist Egoismus, noch nicht - Liebe.

[969]

Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn; denn jede Krankheit ist eine Reinigung: man muss nur herausbekommen, wovon und wozu. - Es gibt darüber annähernd sichere Aufschlüsse; aber die Menschen ziehen es vor, über hundert und tausend fremde Angelegenheiten zu lesen und zu denken, statt über ihre eigenen. Sie wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheiten nicht lesen lernen, sie interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr für das Spielzeug des Lebens als für seinen Ernst, als für ihren Ernst. - Hierin liegt die wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheit, im Mangel an und im Widerwillen gegen Erkenntnis, hierin, nicht im Bakteriologischen.

[970]

Man sollte nie ohne Abschied voneinander gehen. Denn weiß man, ob man sich - als diese Persönlichkeiten - wieder begegnet?

[971]

Wie leicht ist es, den Tyrannen zu hassen, wie schwer, ihn zu lieben. Das aber ist die Aufgabe.

[972]

Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb noch im Schnee der Kühle, Kälte. Dann taut die Sonne den Schnee weg, aber in diese und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen; weiße, unvertilgbare Flächen bleiben zurück: nie werden wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit, nie ganz Liebe - solang wir noch dieser Berg sind.

[973]

Man muss von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst kann die große Liebe entstehen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 221