Aphorismen - Ethisches - 1910

Aus DCMA
Version vom 21. März 2013, 22:24 Uhr von Antropositiv (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 221

Sa-band5 0221.jpg

1910

[963]

Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich in der Liebe; aber er führt
in die Seligkeit Gottes selber hinein.

[964]

So wie der Strom in das Meer muß, so muß der amor in die Caritas.


[965]

Man hüte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen
lenkt einen bloß von der großen Liebe ab, die sich allein
auf die Menschheit in ihrem Vorwärtskommen richten soll; dergleichen
sind bloß Fallgruben der Eigenbrödelei, Sackgassen der

10

Egoität. Mag sich ins Kornfeld werfen, den Himmel angucken
und Träume spinnen, wer die Wirklichkeit noch nie geschaut hat;
wem die Augen offen wurden, der weiß, daß es für ihn nur noch
einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen Realisten der
Liebe.

[966]
15

Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen,
Spähen umsonst.

[967]

Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel
fahren.

[968]

Der Nenner, auf den heute alles gebracht wird, ist Egoismus,

20

noch nicht - Liebe.

[969]

Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn; denn jede Krankheit
ist eine Reinigung: man muß nur herausbekommen, wovon und
wozu. - Es gibt darüber annähernd sichere Aufschlüsse; aber die
Menschen ziehen es vor, über hundert und tausend fremde Angelegenheiten

25

zu lesen und zu denken, statt über ihre eigenen. Sie

   S. 222

Sa-band5 0222.jpg

wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheiten nicht lesen lernen,
sie interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr für
das Spielzeug des Lebens als für seinen Ernst, als für ihren Ernst.
- Hierin liegt die wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheit, im Mangel

5

an und im Widerwillen gegen Erkenntnis, hierin, nicht im
Bakteriologischen.

[970]

Man sollte nie ohne Abschied voneinander gehen. Denn weiß
man, ob man sich - als diese Persönlichkeiten - wieder begegnet?

[971]

Wie leicht ist es, den Tyrannen zu hassen, wie schwer, ihn zu lieben.

10

Das aber ist die Aufgabe.

[972]

Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb
noch im Schnee der Kühle, Kälte. Dann taut die Sonne den
Schnee weg, aber in diese und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen;
weiße, unvertilgbare Flächen bleiben zurück: nie werden

15

wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit, nie ganz
Liebe - solang wir noch dieser Berg sind.

[973]

Man muß von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst
kann die große Liebe entstehen.

 

 

Portal:Aphorismen
Autobiographische Notiz | In me ipsum | Natur | Kunst | Theater | Politisches, Soziales | Kritik der Zeit

Ethisches: 1889 · 1891 · 1892 · 1894 · 1895 · 1896 · 1897 · 1901 · 1902 · 1903 · 1904 · 1905 · 1906 · 1907 · 1908 · 1909 · 1910 · 1911 · 1912 · 1913

Lebensweisheit | Erziehung, Selbsterziehung | Psychologisches | Erkennen | Weltbild | Symphonie


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 221f.