Aphorismen - Ethisches - 1912

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1912

[975]

Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen dienen will,
übersieht zu leicht, daß sein Selbst in ein niedrigeres und in ein
höheres Selbst zerfällt und daß er daher nicht nur selbstlos im

5

einen Sinne, sondern in eben dem Maße selbstvoll im andern
Sinne werden sollte. Sein Selbst verlieren, heißt sich läutern,
heißt seine Seele bereiten, wie einen Acker, welcher der Saat wartet.
Sein Selbst gewinnen aber heißt, Frucht tragen wollen, Saat
herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen. Erst dann, wenn jener

10

Selbstlosigkeit diese Selbstfülle gefolgt ist, wird den Menschen
aus ganzer Seele, d. h. aus allem, was ein Mensch aus sich bieten
kann (nicht nur - will), zu dienen möglich und ersprießlich sein.

[976]

Wie oft vernimmt man, dies und das versteht sich von selbst, wie
oft den Satz Fontanes, daß sich das Moralische von selbst verstehe.

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Das Moralische! Bequeme Art, dem inneren Mahner auf
die Schulter zu klopfen, statt in seinem ernsten Auge immer wieder
seine eigene Unzulänglichkeit zu spiegeln. Das Moralische
versteht sich von selbst. Fragt sich nur, wem, ernstlich, unter
Hunderttausenden.

[977]
20

Wer "für Güte Dank" erwartet, macht sich schon allein dadurch,
daß er sich selbst als "gütig" empfindet, der feinsten Berechtigung,
Dank zu ernten, verlustig, indem er sich im Gefühl und
Bewußtsein seiner Güte als ein besonderer Wohltäter anderer
vorkommt, sich also über sie erhebt und überhebt. Eine solche

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Erwartung, so natürlich und allgemein sie sein mag, verdient
nicht nur keinen Dank, sondern gerade das, womit ihr gewöhnlich
vergolten wird: eine gewisse Gleichgültigkeil, ja beinahe einen
gewissen (zurückschlagenden) Hochmut. Wer Gutes tun und
dabei nicht in die Brüche geraten will, muß es so weit bringen,

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daß er sich nie anders denn als einen Diener des andern empfindet,
dem eine glücklichere Fügung gestattet - Schuld abzutragen.

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Er muß, fern davon, von dem andern Dank zu erwarten, vielmehr
das Gefühl der Dankbarkeit gegen diesen anderen entwickeln,
weil er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, wie solche
Hülfe nachträglich "gelohnt" wird. Dies mag für uns freilich

5

mehr oder minder immer ein Ideal bleiben: die erste Stufe ist
jedenfalls, dem Satze von der Dank verdienenden Güte in uns
und außer uns zu Leibe zu gehen.

[978]

Daß Güte (z.B.) nicht Schwäche sein könne , behauptet niemand,
daß sie es sei , nur ein Tor.

[979]
10

Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen
nicht heben. Aber den Böswilligen, den Ungeistigen, den Langweiligen
zu lieben gilt es. Nicht so sehr ein jovialer Wirt sein allen,
die ihre Zeche mehr oder minder bezahlen, als der barmherzige
Samariter derer, die nichts haben als ihr schmerzliches Schicksal.

[980]
15

Geistige Leidenschaft, Leidenschaft fürs Geistige, - prüfen wir
uns einmal, wie weit sie gemeinhin reicht. Nach allem möglichen
wird unter Umständen mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer
Morgen um Morgen dein Leben lang an deiner Tür vorbeigeht
mit Lebensbrot, so kann er ein Leben lang ungerufen daran vorbeigehen:

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denn seine Bettwärme oder sein appetitliches Frühstück
oder seine Zeitung oder gar seine "Pflicht" läßt keiner so
leicht im Stich - um Lebensbrotes willen.

[981]

Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht wie erwachsene
bewußte Menschen. Wir essen und trinken geruhig, während

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Mitmenschen neben uns verhungern und verdursten, wir
gehen fröhlich in Freiheit herum, während Mitmenschen neben
uns in Kerkern verderben. Wir können uns in jeder Weise freuen,
während um uns in jeder Weise gelitten wird, und wenn wir selbst
leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem Schicksal

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darob zu hadern. O, daß unser Herz und Geist mit den Zeiten
verwandelt würde und diese bittre Häßlichkeit von uns abfiele
und wir aus Kindern Erwachsene würden.

[982]

A sagte zu B, der sich mit seinem persönlichen Schicksal herumschlug

5

und des Jammers kein Ende fand: Wie erbarmungslos bist
du!
Wie erbarmungslos? gab B befremdet zurück und fügte, da er A
nicht durchdrang, nach einer Weile hinzu: Wenn nur du nicht
erbarmungslos bist! (indem er meinte, dieser habe für sein Unglück

10

kein Verständnis). Und wenn ich es gegen dich wäre, erwiderte
A, so wäre ich es gegen einen Einzigen. Du aber bist es
gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes Leid, nicht auch
das ihre. Du wärst aus ganzer Seele zufrieden, wenn nur du allein
getröstet würdest, wenn nur dir allein unter allen Millionen geholfen

15

würde. Prüfe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch
strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, ihn selbstsüchtig,
hart und erbarmungslos zu nennen.

[983]

Der Mensch wird im allgemeinen unterschätzt.

[984]

Der Haß hat uns in eine solche Grobheit des Urteils und der Beurteilung

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hineingesteigert, daß wir nichts mehr rein zu sehen vermögen.
Wir vergessen, daß es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei
es ein Korn, sei es einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen
wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des Positiven in
jeder Sache zu stellen.

[985]
25

Viele Menschen fühlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit gestört
und fordern laut noch strengere strafrechtliche Maßnahmen gegen
die Verbrecher.
Das ist verständlich, aber es zeigt auch, woran es noch viel mehr
als an gesetzgeberischen Bestimmungen fehlt: An dem Bewußtsein,

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an der Ahnung wenigstens, was man selbst und was der
sogenannte Verbrecher ist. Der Verbrecher und ich sind nichts
wesentlich Getrenntes, wir stehen im engsten menschlichen Zusammenhang;
er kann uns nichts tun, was er nicht auch sich selber

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täte, und wir können ihm nichts tun, was wir nicht auch uns
selber täten. Er ist nicht anders von uns verschieden als unser
Arm, unser Bein, unser Auge. Nun heißt es zwar: So dich deine
Hand ärgert, so haue sie ab. Aber wenn ich die Hand abhaue, so
füge ich mir damit einen Schmerz zu, den ich mein Leben lang

10

nicht vergessen werde, und sollte ich ihn doch vergessen, so bleibt
immer noch ihr Fehlen etwas, was sich nicht vergessen läßt.
Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher vom Leibe
schafft. Dann schafft sie sich ihn eben vom Leibe und damit
punktum. Es fehlt der entsprechende Schmerz auf ihrer Seite, der

15

Stachel, den sie nicht wieder los wird.

[986]

Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, daß er als ruhiger
Bürger seinem Tagewerk nachgehe, sie ist noch etwas darüber:
daß er sich mehr und mehr verinnerliche, sich und, soviel an ihm
liegt, seine Umwelt mehr und mehr verchristliche.

20

Alle, die beispielsweise für die Todesstrafe stimmen, wollen nicht
die Gewissensnot, worein sie die Schreckenstat eines Bruders
bringen und die Frucht über Frucht aus ihm zeitigen müßte, sondern
sie wollen ihre Ruhe, ihre Bequemlichkeit, ihr ungestörtes
Weiterwirtschaftenkönnen im einmal Überkommenen. Wie gesagt,

25

es kann ihnen nicht verdacht werden, wenn sie einer gewissen
Sicherheit genießen wollen, aber sie müßten dafür, daß sie
mit der einen Hand nehmen, nämlich Freiheit oder gar Leben
von Mitmenschen, mit der andern Hand geben: nämlich doppelte,
dreifache Liebe.

30

Sie müßten nicht nur den andern sich, sondern sich zugleich dem
andern opfern, sich, d.h. ihren Eigennutz, ihren Hochmut, ihre
Gleichgültigkeit, ihre Trägheit. Aber dem wird ausgewichen, und
darum ist in unseren Strafen so viel - Rache; was man auch von

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Erziehungs- und Abschreckungstheorien redet. Erziehen soll
man zuerst sich selbst und dann erst den, der mitten im Schoße
von uns Tugendhaften als Lasterhafter emporblühen konnte.
Wahrlich, es kann mit der allgemeinen Tugend nicht so weit her

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sein, wenn der Räuber und Mörder so üppig gedeiht, wahrlich, es
ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden wie unsere Gesellschaft
auch noch nach Schutz und besonderer Fürsorge verlangt.
Sie möge erst die sieben Todsünden in sich bekämpfen und im
Verbrechertum zunächst vor allem das vergrößerte Spiegelbild

10

ihrer selbst sehen, den immerwährenden Vorwurf ihrer selbst. Sie
möge im Verbrechertum zunächst erst einmal ihr - Schuld -
Konto erblicken. Wenn sie aber meint, daß, sagen wir, der Bauer
Adam in Vaduz unmöglich schuld haben könne, wenn in den
Südstaaten ein Neger sich an einer Weißen vergreift, so ist zu

15

erwidern, dass weder der Bauer noch der Neger für sich nur als
Bauer und Neger verbindlich sind, daß sie vielmehr vom Anfang
bis zur Vollendung dieser unserer Welt als schöpferische Faktoren
rechnen, die nach der einen Seite unendliches Schulden-
Karma abzutragen, nach der andern Seite die Geisterreiche der

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Zukunft mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als Bauer
und Neger, sondern in hinreichenden menschlichen Manifestationen
ab aeterno in aetemum wiederkehren und, wie heute
durch Meere getrennt, morgen als Braut und Bräutigam zur Weiterführung
ihres Werkes antreten können.

[987]
25

Wie betrübt es uns, wenn ein Mensch uns nicht guten Morgen
sagt: Wie muß es Gott betrüben, wenn der Mensch ein ganzes
Leben lang sein nicht achtet.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 223ff.