Aphorismen - In me ipsum - 1893

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1893

[7]

Wie ich gestern Abend zu Bett gegangen war und das Licht ausgelöscht
hatte, überkam mich plötzlich, während mein Geist an
dies und jenes dachte, eine aufs höchste beängstigende Verwunderung über mich selber. Das wunderbare Geheimnis des Denkens

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bedrückte mich. Ich erhob mich über mich selber, ich sah
meinen Körper im Bett liegen, mit geschlossenen Augen, im
dunklen Zimmer.
Und ich sagte mir: In diesem Kopfe da denkt es! Da entstehen
und verdrängen sich in blitzschneller Aufeinanderfolge und

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Durchkreuzung zahllose  Gedanke nreihen und Einzelgedanken .
Mein Kopf kam mir wie eine große, stumme Werkstatt vor,
in der unzählige Gesellen lautlos geschäftig arbeiteten. Ich hatte
jeden Gesellen fest im Auge, und wenn ich einen loben oder tadeln
wollte, so sprang auf meinen stummen Augenwink ein

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Obergeselle hervor und tat nach meinem Willen. Das waren die
reflektierenden Gedanken. Ich kam mir vor wie ein Kaiser, der
seine Truppe vorbeidefilieren läßt. Die Schwadronen stoben vorüber
und jeder einzelne sah mich an und grüßte mit dem Säbel.
Und eilende Ordonnanzen flogen auf meinen Wink und sprachen

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die Kritik aus, die sie mir von den Augen abgelesen hatten.

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Und sie sagten: "Der Feldherr ist unzufrieden" oder "Seht, wie
heiter er blickt"...
Mein Kopf erschien mir ein Kaleidoskop. Und ich sah hinein, wie
ein Kind in sein Spielzeug, und schüttelte es, daß die bunten

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Glassplitter sich zu tausenderlei merkwürdigen Kombinationen
zusammenfügten. Und endlich war es mir so: Ich dünkte mich der
unendliche Weltgeist und mein Körper, der unter mir lag, spiegelte
sich in mir. Er erschien mir wie ein Stück Natur, und ich
faßte ihn auf. An sich schien er mir nichts: durch mich nur, in

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Beziehung auf mich. Ich war die geistige Luft, in der die Gedanken,
die er gebar, schwingen und Ton werden konnten. Ich war
aber auch zugleich das Ohr, das sie vernahm und der Mund, der
sie zurückgab.
Ist der Mensch ein Zwiegespräch zwischen dem Weltgeist und

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der Materie?

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O, ich mag nicht als totes Kapital daliegen, ich will etwas Bedeutendes
verrichten, aber nicht um meinetwillen! Gott, der du die
Tiefe meines Herzens kennst, du weißt es - nicht um meinetwillen.
Um meiner Mitmenschen willen! Nicht um des Ruhmes willen

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- um der Liebe willen! Dazu durchdringe mich, ideale Begeisterung,
dazu heb' mich empor, ewige Gottheit! Und mag mein
Leib sich verzehren - nur nicht sterben, ohne gelebt zu haben,
ohne genützt, gesegnet zu haben. Hilf, hilf mir du, von dem alles
ausgeht, der alles durchwebt, Unsichtbarer, Unaussprechlicher.

[9]
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Wenn die Sonne emporsteigt erwachen die Lerchen. Die Sonne
ging auf — da bin ich erwacht,  eine Lerche Zarathustras .

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 14f.