Aphorismen - In me ipsum - 1896

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...

1896

[29]

Ich sehe auf mich selbst zurück. Unzählige Gestalten huschen
schemenhaft an mir vorüber.

[30]

In Arco. Ich dünkte mich einer jener allen blonden Germanen,

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die hier einst mit Herrscherschritt durch die Straßen wanderten.

[31]

Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.

[32]

Daß ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt habe! Kein
fremdes Weib kann dem Bruder ein solches Verhältnis ersetzen.

[33]

Ich habe noch nie eine Phantasie gehabt, die nicht eine — wenn

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auch noch so verborgene — Nabelschnur zur Wirklichkeit gehabt
hätte.

[34]

Nichts ist mir mehr verhaßt als Feierlichkeit ohne Tiefe.

[35]

Man lasse sich durch meine Ironie nicht irreführen. Meine Ironie
ist naiv wie mein Pathos. Ich vermag Unglaubliches ironisch zu

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sagen, ohne eine Spur von frivoler Empfindung..., ja vielleicht
schrieb ich es mit ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen
als das eines in sich heiteren, unbewegten Geistes.

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[36]

Ich wünschte mir eine solche Leichtigkeit und Fruchtbarkeit des
Schaffens, daß ich, wie ich es einmal von La Mettrie[1] las, meine
eigenen Bücher zugleich durch andere eigene Bücher befehden,
ironisieren, falsch ausdeuten, kurz auf die geistigste Weise meinen

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Mutwillen mit aller Welt haben könnte.

[37]

Wenn mir einmal die Stimmung andauerte, vier Wochen lang
Prosa schreiben zu können, hätten die Deutschen einen humoristischen
Schriftsteller mehr.

[38]

Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische des

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philosophischen Dilettanten. Der philosophische Dilettant ist immer
schnell am Ende aller Dinge, weil er nur die Ergebnisse der
bereits gewonnenen Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege zu
gehen, ja oft auch nur zu kennen, auf denen jene erreicht worden
sind.

[39]
15

Jedes Jahr habe ich mindestens eine Periode fürchterlichsten
Zweifels an mir selbst. Dann lebe ich mit beständigen Todesgedanken.


[40]

Ich bin ein Mensch der Grenze. Immer physisch, psychisch, moralisch,
künstlerisch mit einem Fuß absturzdisponiert, aber doch

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immer noch balancierend und geistesgegenwärtig.

[41]

Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht auf der einfachen
Grundlage, daß ich in jedem Augenblick über das kleinste
Stück Natur irgendwelcher Art in höchste Verwunderung geraten
kann.

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[42]

Was ist ein Leben? Daß es die Tiefen erschöpfen könnte. Als
Knabe glaubte ich: Leben könne nicht weniger sein als alles erleben,
also ewig lieben .

[43]

Es ist etwas Großes um das Gesetz der Verwandtschaft. All unser

5

Wirken nach außen unterliegt diesem einen Gesetz. Ich, als
Schaffender, werde durch dies Gesetz zu einer Art Volksseele,
viele sind in mir wie ich in ihnen.

[44]

Ich möchte allen Pferden Zucker geben, allen Kindern die Hand
aufs Haupt legen, allen Menschen eine Freude machen dürfen!

10

Wie hab ich die Welt so lieb!

[45]

Dies ist mir oft ein dumpfer Schmerz: dies Gebanntsein in einen
Kopf, in ein Herz, in ein Augenpaar.

[46]

Traum. Ich fange das Raubvogelgesindel meiner häßlichen Gedanken
und brate sie am Spieß, der über einem Feuer sich dreht.

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Ach, vergebens.[2]

[47]

Nach einer Zoten-Posse. Je älter ich werde, einen desto tieferen,
bittreren, inbrünstigeren Widerwillen empfinde ich gegen die
Zote. Weniger gegen die, welche etwa von Mann zu Mann kursiert,
obschon ich auch sie vollständig entbehren könnte, als gegen

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die öffentliche Zote von der Bühne herab. Wenn plötzlich
Hunderte versammelter Menschen jede Scham voreinander verlieren
und in wiehernder Freude über eine nicht mißzuverstehende
Andeutung; übereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch
unter das Tier, und ein schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz

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zusammen.

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Ich habe doch für vieles Leichtsinn und nicht zum mindesten für
die Liebe jeglicher Art, aber vor der berechneten Zote vergeht mir
aller Übermut. Da schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit
und Häßlichkeit. Wir jungen Männer, die wir etwas auf uns

5

halten, sollten jenen Aufführungen beizuwohnen nicht als uns
angemessen erachten und am wenigsten Weiber, die wir ehren,
mit uns in jene niedrige und widerwärtige Sphäre hinabziehen.

 

 

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Fußnoten

  1. Julien Offray de La Mettrie
  2. Illustriert von Ruth Tesmar

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 18ff.