Aphorismen - In me ipsum - 1897

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 21

Sa-band5 0021.jpg

...

1897

[48]

Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft übermächtige Sehnsucht

10

nach praktischem Schaffen im Großen. Plastik wäre (und
Architektur) mein höchster Fall. Meine höchste Liebe galt immer
dem Gegenständlichen, der Linie, der Farbe, dem Ton an sich.
Schon er allein vermochte mich zu entzücken, wieviel mehr erst
seine organischen Verbindungen.

[49]
15

Was ich für mich möchte: Die unbeschränkte Möglichkeit, auszubilden,
was von Entwickelungsfähigem in mir ist. In Sonderheit
das, was vom Künstler und - wenn ich so unbescheiden reden
darf - vom Philosophen in mir steckt. Erkennen der Gestalten
sind für mich die höchsten Verführungen des Lebens. Ein Künstler,

20

der zugleich auf dem vorgeschobensten Punkte der Erkenntnis
stünde, wäre mein Künstler. Er wäre mir der sieghafteste
Typus des schöpferischen Menschen. Lionardo war vielleicht dieser
Typus.

[50]

Ich bin alles eher als ein Ideologe. Wenn ich nicht daran glaubte,

25

daß das, was ich meine Kunst nenne, dem Leben so fruchtbar
(und fruchtbarer) sei wie soundso viele gesellschaftliche Tätigkeiten
allgemein sichtbarer Art, so vermöchte ich nicht weiterzuleben.
Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Menschen, die außerhalb

   S. 22

Sa-band5 0022.jpg

der Maschine mehr leisten als innerhalb, geradezu die
Pflicht hätten, ihre individuelle Begabung vor dem Moloch zu
retten, wie würde ich immer wieder die inneren Stimmen, meine
versunkenen Glocken, zum Schweigen bringen können, die mein

5

Schaffen zu müßigem Zeitvertreib entwerten wollen, während es
mein verzehrender Ehrgeiz ist, den Dichter in mir zu seiner
höchsten ihm erreichbaren Höhe zu entwickeln, mein durch das
Mittel der Poesie in die Welt wirkendes Ich so harmonisch als
möglich erblühen und reifen zu lassen, aus mir zu züchten und

10

herauszuholen, was nur immer von menschheitlichem Wert in
mir steckt.

[51]

Dieser Norden! Da wacht man in der verheißendsten Stimmung
auf. Griesgrämig, grau, teilnahmslos ruhen die großen Augen der
Fenster auf dir, als wollten sie sagen: Wozu regst du dich so auf?

15

Was willst du mit deinen törichten Idealen? Alles ist eitel.

[52]

Ich verbrenne an meinem eigenen Maßstab.

[53]

Träume
Die wilde Jagd.
Der Schächer am Kreuz.

[54]
20

Man muß sich nicht allzu schweigend entwickeln wollen und
nicht etwa erst mit dem Vollendeten vor die Welt treten: man unterschlägt
damit zu viel psychologisches Material. Ein begabter
Mensch ist schließlich auf jeder Stufe interessant.

[55]

Mir selber: Die nichtswürdige Phantasterei an sich in mir

25

zu überwinden und sie in den Dienst des Lebens zu stellen.
Wirklichkeitsfreude, Freude an allem, restlos, Genußkraft der
Lichtseite, aber auch der Nacht- und Kehrseite des Daseins,

   S. 23

Sa-band5 0023.jpg

Erhöhung der eigenen Lebenskraft durch sentimentalitätslosen
Genuß der unendlichen Bewegung , welche das Leben ist.

[56]

Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das
lange im Nassen gelegen hat.

[57]
5

Den Gefahren, in welche mich von meinem 23. Jahre an die
Schwäche und Reizbarkeit meiner Lunge brachte, verdanke ich
nicht nur die Bestärkung in einer maßvollen und regelmäßigen
Lebensweise, sondern auch die ruhige, fast ununterbrochene innere
Entwickelung, die ich in diesen kritischen Jahren genommen

10

habe. Ich habe also vielleicht gerade in diesen Jahren den
Grund zu einem im doppelten Sinne gesunden Leben legen
dürfen.

[58]

Es gibt keine unwahreren und beleidigenderen Worte als: "Alles,
was ist, ist vernünftig" und das Stirnersche[1], das etwa so lautet:

15

Denke nicht, du hättest je etwas anderes werden können, als was
du geworden bist. Allerdings hätte ich das, denn unser ganzes
Leben ist nur die Linie einer Möglichkeit, und wir würden oft
ganz anders erscheinen, wenn unsere Fähigkeiten auch immer
die Gelegenheiten finden würden, sich zu betätigen, sie auszuleben.

20

Wie oft ich dies empfinde, was ich alles in mir verlorengehen
fühle, wie ich ein Leben wie das Benvenuto Cellinis[2] beneide,
wer glaubt mir das auch nur!

[59]

Was viele autonome Menschen oft jahrelang aller Gesellschaft
fernhält, ist, daß sie nichts so wenig vertragen können, als sich

25

von jedem "Wohlmeinenden" über ihre Verhältnisse, Lebensart,
Schaffensweise, Absichten, Ziele, Aussichten etc. ausfragen zu
lassen. Nichts gleicht meinem Ekel, den ich vor mir und den
Fremden empfinde, wenn es wieder einmal gelungen ist, das

   S. 24

Sa-band5 0024.jpg

Zarteste, Verborgenste, nur aus und in dem Individuum Verständliche
mir aus den allzu leichtfertigen Lippen zu locken. Ich
verachte mich aufs tiefste in diesem Punkte: denn es bedarf nur
so wenigem, um mich gedankenlos redselig - früher sagte ich

5

"offen" - zu machen.

[60]

Die Interpunktion wird mich noch einmal verrückt machen.

 

 

Portal:Aphorismen
Autobiographische Notiz

In me ipsum: 1891 · 1892 · 1893 · 1894 · 1895 · 1896 · 1897 · 1899 · 1901 · 1902 · 1904 · 1905 · 1906 · 1907 · 1908 · 1909 · 1910 · 1911 · 1912 · 1913

Natur | Kunst | Literatur | Theater | Sprache | Politisches, Soziales | Kritik der Zeit | Ethisches | Lebensweisheit | Erziehung, Selbsterziehung | Psychologisches | Erkennen | Weltbild | Symphonie


Fußnoten

  1. Max Stirner
  2. Benvenuto Cellini

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 21ff.