Aphorismen - In me ipsum - 1898

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...

1898

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Man darf gar nicht daran denken, was man als Großstädter alles
entbehrt. So schmerzt es mich oft aufs tiefste, von allem Tierleben

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so gut wie getrennt zu sein. Bei meiner Liebe zu den Tieren!

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Von Herzen Schollenmensch von Geist Nomade.

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Ich möchte hier eines Traumzustandes Erwähnung tun, den ich
gestern nacht (29./30.3.1898) zum vierten Male an mir beobachtet
habe. Die Vorbedingung scheint zu sein, daß mein Gehirn

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noch nicht erschöpft genug sein darf, um sogleich völlig einzuschlafen;
denn dreimal habe ich des Abends Tee - wenn auch nur
drei Tassen eines normalen Aufgusses — getrunken, und das
vierte Mal ging ich gegen meine sonstige Gewohnheit bereits um
zwölf Uhr, also noch ohne besondere Müdigkeit, zu Bett. Der betreffende

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Zustand besteht nun also darin, daß ich, kaum daß ich
eingeschlafen bin, in einen Traum verfalle, der eine einzige mich
quälende Vorstellung so lange festhält und logisch kontin[u]iert,
bis ich - soviel ich weiß, immer nach einigen Minuten - noch
einmal aufwache, mich mehr oder minder vollkommen besinne,

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um dann ruhig oder wenigstens unter gewöhnlichen Träumen
ununterbrochen bis zum Morgen weiterzuschlafen. Ich erinnere
mich augenblicklich an den letzten und einen früheren - ich
glaube: den vorletzten - dieser vier Träume.

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Im letzten glaubte ich irgendwo - vielleicht an meinem Schreibtisch
- zu stehen und, wenn ich nicht irre, nur mit dem Nachthemd
bekleidet. Die Zwangsvorstellung bestand nun darin, daß
ich meine Augen durchaus nicht zu öffnen vermochte, so heftige

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Mühe ich mir auch gab. Ich hatte das Bewußtsein: es ist nur eine
Zwangsvorstellung, nur eine Traumbefangenheit! und deshalb
biß ich mich in die Hand und kniff mir den Schenkel, daß ich den
Schmerz zu fühlen meinte. Dieses feste Wissen darum, daß man
selber nur das Opfer einer Traumbefangenheit ist, unterscheidet,

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glaube ich, diese Art von jener andern, in die die Fallerscheinungen
und das Festwurzeln am Boden schlechthin fallen. Der frühere
Traum war noch komplizierter. Ich wachte - im Traume -
auf und glaubte jemanden im Zimmer zu bemerken, fühlte und
hörte ihn aber bloß, da es dunkel war. In mich schnürender Angst

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stieg ich aus dem Bett und versuchte aus einer auf dem Tische
liegenden Streichholzschachtel Licht zu machen. Aber ein
Streichholz versagte nach dem andern; ich hatte nachher das Gefühl,
an die hundert angestrichen und weggeworfen zu haben. Ich
schaudere jetzt noch, wenn ich daran denke. Dabei kam mir bei

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meinem erfolglosen Bemühen ebenfalls langsam zum Bewußtsein:
du stehst in einem Bann, unter einer zwingenden Gewalt.
Ich fand es nur bei den ersten Hölzern natürlich, daß sie versagten,
und zuletzt, glaube ich, überkam mich eine Art von verzweifelter
Resignation. Es ist das - wenn ich nicht im Augenblick alles

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mögliche andre vergessen haben sollte - das Pathologischste, was
ich noch an mir beobachtet habe. Mein Traumleben hat sich allerdings
in den letzten Jahren sehr gesteigert, so daß ich wohl
selten traumlos schlafe. Besonders heftig war es im Winter 1896/
97, wo ich häufig zu Hause mein Abendbrot einnahm und dazu

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und hinterher Tee — selten mehr als drei normal gebraute Tassen
- trank. Aus diesem Winter (2. Hälfte) erinnere ich mich einer
längeren Serie von Träumen, deren Hauptgegenstand mein Vater
und unser früheres oder späteres Verhältnis (d.h. immer in willkürlich
veränderten Umgebungen) war und die zum Teil eminent

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logisch und lebhaft war. Die Träume dieses Charakters kehren

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übrigens immer wieder (auf Sylt seinerzeit träumte ich ebenfalls
viele Nächte von meinem Vater, freundlich oder gegensätzlich,
wobei (wie auch sonst) besonders meine Stiefmutter, manchmal
auch die dritte Frau meines Vaters, beteiligt waren); es scheint,

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als wollte sich hier die Natur für etwas entschädigen, was ihr im
Wachen versagt bleibt. Seltsamerweise hängen diese Träume fast
nie mit besonders starken Gedanken des Wachenden nach dieser
Richtung zusammen. Sie führen ein eigenes, souveränes Leben.
- Gedichte habe ich manchmal geträumt, d.h. immer nur ihre

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Themata, so z.B. Das Äpfelchen , Der Besuch und - wenn ich
nicht irre - Kinderglaube . - Etwas Eigentümliches ist auch,
daß, wenn ich mich nach Tisch auf das Sofa lege, um etwa eine
halbe Stunde zu schlafen, mein Gehirn willenlos in der Art der
Lektüre weiterarbeitet, die ich etwa vorher noch in die Hand

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nehme. Lese ich Aphorismen, so ist jene halbe Stunde von Aphorismen
erfüllt, lese ich eine Novelle, so geht es in einem fort weiter:
"Der Inspektor erhob sich und sagte zu Frau X: Wir wollten
doch heule nach N. fahren! Frau X. neigte den Kopf ein wenig, als
wollte sie sagen..." usw. usw. oder wie gerade der Stoff gewesen

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ist. Lese ich Gedichte, so produziere ich lauter Rhythmenfragmente,
alles natürlich sofort vergessene Sachen. Nachts habe ich
das fast niemals beobachtet. Nur einmal hat mir C. F. Meyers[1]
"Richterin"[2] eine böse Nacht dieser Art gemacht. Seit der Zeit
hüte ich mich vor dem C. F. Meyerschen Stil vor allen Schlafens-

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zeiten. - Was ich in dem Gedicht Malererbe sage, möchte ich
insofern berichtigen, als der dort erwähnte Zustand, "der nicht
Träumen ist noch Wachen", doch immerhin noch viel mehr Wachen
als Träumen ist, indem ich bei guter Disposition jene blitzschnell
wechselnden Landschaften willkürlich hervorrufen kann,

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indem ich einfach die Augen schließe und mich der Jagd solcher
Vorstellungen überlasse, wodurch ich mich ja allerdings ein wenig
dem Traumhaften nähere. Im allgemeinen wäre ich froh,
wenn sich mein Hirn weniger in solchen unnützen Gespinsten
verbrauchen wollte; denn mein wachender Mensch liebt diesen

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träumenden Menschen durchaus nicht. Denn sicher würde mein

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Kopf schärfer und kräftiger arbeiten, wenn er nicht durch dieses
fortwährende Spielen undirigierbarer Kräfte mit dem Gehirnmechanismus
unnötig angestrengt würde.

[65]

Bild. Sorgen verheeren raupengleich einen blühenden Lebensbaum.

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[65]

Das ist über die Maßen schrecklich, wie der Mensch im Gespräch
und Verkehr mit dem Mitmenschen sich vereinfacht, vergröbert,
verhäßlicht. - wenn ich mich selber so über alles Mögliche reden
höre, leide ich bis zur Unerträglichkeit, und immer wieder kehr'

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ich aufatmend zurück in die Einsamkeit wie aus einem finstern,
dumpfen Gefängnis in die ewige, alles durchdringende Sonne.

[66]

Ein Ehemann muß lehren, ich aber habe noch kaum zu lernen
angefangen.

[67]

Manchmal hör ich den Maler in mir wie ein kleines Kind weinen.

[68]
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Ich habe Zeiten, in denen ich mir gewissermaßen vollständig entschlafe.

 

 

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Fußnoten

  1. Conrad Ferdinand Meyer
  2. Die Richterin

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 24ff.