Aphorismen - In me ipsum - 1901

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1901

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O, Glück auszugießen über die Welt! Augen leuchten, Herzen
erbeben machen! Ich möchte glücklich sein, um glücklich machen
zu können. Kein Glück ohne Gast.

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Es ist weder Furcht noch Schmerz noch Schwäche, was den tiefen
religiösen Drang in mir nicht schweigen lassen will. Ich stehe in der
Blüte meiner Jahre, ich fühle mich gesund wie nie zuvor, ich erwarte
von mir noch das eigentlichste und wesentlichste meiner
Natur und schätze alles bisherige gering, - was ist es, das mich

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immer wieder empfinden läßt, als sei ich jahrelang stillgestanden,
als hätte ich in allem Reichtum gedarbt, als wäre ich bei allem
Genießen doch kalt und verstockt durch die Welt gegangen?
Oft ist mir's, als stände nur eine Wand zwischen mir und dem, was
ich in meinen Jünglingsjahren Gott nannte; nein, mir ist nicht nur

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so, ich weiß es und ich weiß sie auch zu bezeichnen. Es ist die
Wand meiner geistigen Redlichkeit, ich will mich nicht hingeben.
Ich bin kein Philosoph, nur ein nachdenklicher Mensch. Aber
eines leitete mich von früh auf: Ehrlichkeit, Verachtung der
Phrase, und wenn sie noch so Herrliches verhieß. Argwohn gegen

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alles Denken, das aus vorgefaßten Meinungen oder um wünschbarer
Ziele willen entsprang.
So glaube ich besser, würdiger, männlicher zu handeln, - und
doch fühle ich, daß ich weit besser, reicher, liebevoller, fruchtbarer
werden würde, sobald ich mich wie ein Schwimmer mit ausgestreckten

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Armen in jenes Meer stürzen dürfte, das ich Gott
nennen muß, obwohl ich mir unter ihm nichts vorzustellen weiß
als einen Schoß unendlichsten Lebens, von dem losgerissen gewesen
zu sein, Armut, Kälte, Nacht bedeutet.

[72]

Wie oft ertappe ich mich auf dem Wunsche, mich vor meinem

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Bette hinzuwerfen, auf die Stirn, auf die Bettkante zu schlagen
und nur das eine Wort zu sagen: Tiefer! tiefer! tiefer!

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 28