Aphorismen - In me ipsum - 1903

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1903

[77]
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Unsere Gedanken winden sich wie Girlanden um den Gedanken
einer neuen Religion.

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Mein ganzes Leben lang habe ich immer wieder das sonderbare
Gefühl, ich möchte mir ein Drahtgeflecht über Kopf und Leib
legen, um mich mehr zusammenzuhalten, zu konzentrieren, zu

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verdichten.

[79]

Ich habe manchmal und nicht gar selten Rauschzustände des
schöpferischen Sehens. Nichts, was da nicht zum Kunstwerk
würde, zur Nachbildung, Umbildung reizte, worauf mein Auge
trifft. Keine tote Stelle, nichts Ungeliebtes rings um mich her. Alles

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Bild und Seele und Wunder. So muß das Kind im ersten
Rausch des Welterkennens empfinden, nur unbewußter, folgenloser.


[80]

O Ferne, du meine Heimat.

[81]

Ich gestehe, daß kein noch so langes verständiges und sauberes

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Denken mich von gewissen spontanen Wahnvorstellungen zu befreien
vermocht hat, die das Unerwartete, ja augenscheinlich Unmögliche
anstelle des Gesetzlichen und Denkbaren zu erwarten
die gefährliche Neigung haben.

[82]

Ich bin ein Mensch, der erst angewärmt werden muß.

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 30