Aphorismen - In me ipsum - 1905

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...

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1905

[88]

Ich möchte am liebsten auf einem Turm wohnen. Täglich im Leben
drunten ein Bad nehmen, untertauchen, und dann wieder
hinaufsteigen auf sein Luginsland, sein au-dessus de la vie[1].

[89]

Sooft ich unter neue Menschen gehe, sooft komme ich mit Wunden

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bedeckt von ihnen zurück. Es sind freilich nur leichte, oberflächliche
Schrammen, die bald wieder verheilen, aber sie haben,
da sie entstanden, wie zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht
als eine tiefe Verwundung ihr Werk an meiner Seele getan.

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[90]

Ich kann ungeklärte Verhältnisse einfach nicht ertragen. Warum
können die Menschen nicht offen gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!

[91]

Ich mag die Verärgerten nicht leiden.

[92]
5

Meine Natur hat sich von früh auf mit Apathie beholfen. Diese
Langsamkeit zu reagieren hat alles, was auf mich einbrach, auf
eine breitere Fläche verteilt, und was mir in einer Stunde unzweifelhaft
den Atem abgeschnürt hätte, wurde mir so in Tagen und
Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein Leben nicht eben

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zerstörte, aber langsam und sicher ermattete.

[93]

Und das Verhaßteste von allem wird einst geschehen: Man wird
mir "Milderungsgründe zubilligen". ("Er war ein guter Mensch,
er wollte das Beste" usw.)

[94]

Was muß ich auf die Menschen für einen Eindruck machen, daß

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sie mich so oft wie ein unmündiges Kind behandeln wollen.

[95]

Ich trage keine Schätze in mir, ich habe nur die Kraft, vieles, was
ich berühre, in etwas von Wert zu verwandeln. Ich habe keine
Tiefe als meinen unaufhörlichen Trieb zur Tiefe.

[96]

Ich halte heute nacht (24./25.2.1905) ca. 3/4 2 Uhr nach dem ersten

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Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen Gehirnzustände
(etwa der achte in der Reihe), dessen Hauptmerkmal
mir zu sein scheint, daß ich - innerhalb des Traumzustandes
- aus einem unangenehmen Traum mit aller Willenskraft ins wache
Bewußtsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand des Erwachens

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aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden Traum
das eigentliche Thema eines solchen Traumzustandes. So erinnere

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ich mich augenblicklich nicht mehr des Traumes im Traume
selbst, sondern nur noch des Erwachenwollens, ja scheinbar
wirklich Erwachtseins im Traume. Ich schien mich endlich mit
aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen zu haben,

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aber ich glaubte nicht an mein wirkliches Erwachtsein. Da fühlte
ich ein Fünfpfennigstück zwischen den Zähnen. Ich biß darauf:
jetzt war kein Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig;
ich schien wirklich wach. Währenddem wachte ich mehr und
mehr auf. Im letzten Stadium vor dem wirklichen Erwachen verwandelte

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mein offenbar klarer werdender Intellekt das Geldstück
in eine Emser Pastille, die sich zu lösen begann und den salzig-
säuerlichen Geschmack auf meiner Zunge verstärkte. Hierauf
wachte ich wirklich auf und war verwundert, nichts in meinem
Munde zu finden. (Ich hatte, nebenbei bemerkt, den Tag - aber

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nicht den Abend zuvor - einige Emser Pastillen[2] gegessen.)

[97]

Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 1905) folgend, möchte ich
ein dramatisches Märchen orientalischen Charakters schreiben.
Der Traum war etwa so: Eine Anzahl von uns, worunter mir noch
M. Heimann, später auch Frisch (und seine Frau) erinnerlich,

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waren von andern eingeladen worden, Schriften (Dramen, Ly-
risches, Lehrhaftes) eines fremden, höchst merkwürdigen Kultur-
volkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um sie zu übersetzen.
Es hießt, 12 Personen hätten genug auf Jahre zu tun, wenn sie
einen Vorstoß in diese fremde, wunderliche Literatur machen

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wollten. Zu dem Zweck wurden uns große Bücher vorgelegt, die
mit schönen mönchischen Handschriften gefüllt waren, und uns
Stellen vorgelesen, die uns außerordentlich bedeutsam erschienen.
Zu gleicher Zeit glitten wir im Traum unmerklich mehr und
mehr in dieses Land selbst, es wurde uns geraten, seine Tempel,

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Gärten, Theater, Schlösser kennenzulernen. Ein Trupp von uns
wurde herumgeführt. Ich erinnere mich eines ungeheuren Lesesaales,
in den man uns blicken ließ und dessen uns entgegengesetzte
Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe abschloß, durch

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die man eine Schweizer Landschaft mit einer Stadt erblickte, -
wie wir erfuhren: Bern und seine Alpen; augenscheinlich von je-
nen Leuten der Wirklichkeit nachgebildet und hinter jener
Scheibe als Aussicht angebracht.

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Nach einer Weile verlor ich meine Gefährten. Ich nahm einen
eigenen Führer und ließ mich von ihm, ich glaube nach einem
Tempel, tragen. Der Träger trug zwei Stangen, die oben Fußtritte
wie die Stelzen hatten. Auf diese trat man, während man sich an
ihrem obersten Teile mit den Händen und Armen festhielt. Der

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Träger trug dann das Ganze wie eine doppelte Fahnenstange.
Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Befürchtung,
ich könne ihm zu schwer werden, und versicherte, ich würde viel
eher loslassen als er. Er trug mich durch reißende Kanäle, und
zuletzt begann ich sowohl müde zu werden wie ihn zu fürchten.

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Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung ein, die ich in einem
der Theater gesehen haben muß und in der ein junges, süßes,
zartes Geschöpf die Hauptrolle gespielt haben muß. Worte und
Erscheinung überwältigten mich mit solcher Macht, daß ich in
Tränen ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen Wesen,

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aber ohne jede Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung der Seele, daß
ich meine, dies Gefühl nie vergessen zu können. Was das Stück
enthielt, weiß ich nicht mehr. Das Wort Samaria blieb haften, und
als hinterher wieder davon als von einem Ubersetzungsangebot
gesprochen wurde, hörte ich, daß die Sonne darin einmal mit

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Amanda angeredet wurde, was ich durch Alliebende (!) zu übertragen
vorschlug.
Chor (zu vorigem)

Gebrochen von des Lebens vielen Strafen,
hindwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes,
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schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade,
die süßen Boten lächelnden Erbarmens.


[98]

Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich eine Symphonie
"Vineta"[3] schreiben.

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[99]

Ich wäre als Maler gewiß in Menzels[4] Spuren gegangen, so sehr
interessiert mich jeder Gegenstand als rein malerisches Objekt.

[100]

Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja Lebens)
steigt mir aus dem Bild meines eigenen Umzugs auf: Wäre es

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nicht würdiger, sein bißchen Hab und Gut in einer Erdhöhle, die
einem aber für immer gehört, wenn sie nicht ein Naturereignis
vernichtet, zu bergen, als mit seinen Bündeln und Kisten durch
prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich
den in festgemauerten Gelassen Seßhaften zu spielen, allen Ernst

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und alle Liebe zu einem eigenen Heim an teuer gemietete Wände
zu verschwenden, die uns nie gehören können, die uns ewigen
Nomaden Verhältnisse vortäuschen, die für uns eben nur erlogen,
nur uneingestandene Kulisse sind.
Mein Wohnungsideal ist das Zelt. Nur so weit möchte ich es noch

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bringen.

[101]

Der Tod eines Menschen ist zu unfaßlich, um darüber zu sprechen.
Vom Erlöschen eines Individuums zu hören, wirkt fast immer
grotesk auf mich. Der Bericht findet in meinem Innersten
keinen Glauben und weckt darum auch nur einen schwachen

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Widerhall. Die Wahrheit des Todes wird meist nur das Sterbebett
eines Menschen selbst lehren können. Und (Glück oder Unglück?) -:
Ich habe noch an keinem gestanden als an dem meiner
lieben Mutter, und damals war ich noch ein unverständiges Kind.

[102]

Mein nächstes Buch soll "Auferstehung" heißen, wenn mir noch

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eine Auferstehung beschieden sein sollte, im größten Sinne.

[103]

Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine ewige Fragestellung,
ob nicht jeder Humor ein Quantum[5] Philiströsität[6] einschließt.


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[104]

Wenn man durch Zusammenstellung der beiden Hände geheimnisvolle
Figuren bildet, so habe ich ein besonderes Verständnis
dafür und möchte sie alle kennenlernen. Für mich ist die Mystik
der Hände unaussprechlich. (Dabei sind meine eigenen zwar

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klein, aber nicht schön. Nur der Handrücken - überhaupt die geballte
Faust - ist gut und vielleicht die Daumen. Die andern Finger
sind Herdentiere. Der Handteller ist sehr bemerkenswert: ein
Chaos von Linien um ein riesiges M.)

[105]

Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und andere mit

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mir schlecht gemacht haben und schlecht machen. — aber nur
noch in mir, in mir selbst. Alles andre ist Sentimentalität[7] und
Pfuscherei.

 

 

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Fußnoten

  1. au-dessus de la vie = über dem Leben
  2. Emser Pastille ® = Entwickelt 1885 durch den Bad Emser Kurarzt Dr. Ludwig Spengler, den Apotheker August Weber und dem Hausverwalter Georg Hasslacher. Thermalwasser wird verdampft und das Salz in Pastillenform gepresst.
  3. Wikipedia:Vineta
  4. Wikipedia:Adolph von Menzel
  5. Wikipedia:Quantum
  6. Wikipedia:Philister (Ästhetik)
  7. Wikipedia:Sentimentalität

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 31ff.