Aphorismen - In me ipsum - 1906

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...

1906

[106]

Warum muß ich so unaufhörlich unter mir und anderen leiden!

15

Meine Seele ist fortwährend das Spiel über sie hinziehender
Schatten.

[107]

Der alte, oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt mir ewig
verborgen.
Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele, einen anmutigen

20

Körper.
In Rußland fände ich diese Gefährtin, in Italien - nein. In
Deutschland, dem für mich doch allein zulässigen Lande - wo,
wo, wo?

[108]

Für mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst

25

nicht einzubüßen: fortwährende Kritik.

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[109]

Wenn ich heute stürbe, glaube ich alt genug geworden zu sein. Ich
bin dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu können.

[110]

Ihr wollt alle nur die Liebe zur Möglichkeit haben. Ich habe nur
die Liebe zur Unmöglichkeit.

[111]
5

Kritik. Kritik, und nie genug Kritik, ein Spiegel sei mir noch das
letzte Tor.

[112]

Mein Auge - ein photographischer Apparat ersten Ranges.
Könnte man's doch herausnehmen und das Bild entwickeln.

[113]

Auf einer Karte: Sebastian Morgenstern. (Mich fortan Sebastian

10

nennen.)
Oder Christian Sebastian Morgenstern, wenigstens auf dem
Gingganz .
Es ist durchaus möglich, daß solch eine Namensänderung oder
Zutat auch einen gewissen inneren Eindruck in mir hervorbringen

15

und hinterlassen würde.

[114]

Wie die Nacht über einen [Tag?] zieht, so zieht Vergessenheitsnacht
allnächtlich über mein Gehirn. Ja. oft hat ein Tag so viele
Tage und Nächte, wie bei andern wohl oft Wochen und Monate.
Wenn mich jemand hypnotisierte, ich sei eine Mücke und hätte

20

nur einen Tag zu leben, so glaube ich wohl, daß dieser Tag für
mich ein ganzes Leben werden könnte.

[115]

Ich ermangele ganz des Vermögens, mir nach einer Beschreibung
- und wenn sie noch so genau ist - ein Zimmer oder eine Landschaft
vorzustellen. Bühnenanweisungen gehen an mir meistens

25

spurlos vorüber und Schilderungen etwa wie des Hauses der Buddenbrooks[1]
gehen nur mit einigen groben Zügen in mein Gehirn
ein.

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[116]

Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe, eingehend zu
begründen, zu erklären. Die Mehrzahl der Heutigen hat umgekehrt
die Gabe des Begründens und Erklärens in hohem Maße,
aber dafür keine innere Direktion. Es ist unendlich quälend, die

5

Berechtigung seines Urteils immer wieder aufs neue beweisen zu
sollen.

[117]

Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein
fernes, fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie
trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhlos

10

durchmißt sie das Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu
Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf,
pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die
Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige
Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche

15

nach dem Ort ihres Ursprungs.

[118]

Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: "Und er entwich
vor ihnen in die Wüste"[2]

[119]

Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit welcher Leichtfertigkeit
habe ich heute abend über Menschen geredet: so daß

20

ich nun nachts über mich erschrecke. (Ich werde mir doch das
Armband "Denke daran" anlegen müssen.)

[120]

Eines kann ich wohl als Merkwort über all mein Leben und seine
Erfahrungen schreiben: Fast alles, was ich geworden bin, verdanke
ich mir selber, einigen Privatpersonen und dem Zufall.

25

Von irgendeiner bewußten organischen Kultur um mich herum,
die das Einzelindividuum zu benutzen und systematisch auszubilden
vermocht hätte, spürte ich nie etwas. Weder Eltern noch
Lehrer noch irgendwer hat mich je kraftvoll in die Hand genommen
und in großem Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch

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von ursprünglich glänzender Begabung, alles in allem ein Dilettant[3]
geblieben bin, so hat die Hälfte der Schuld daran gewiß die
Unsumme von Dilettantismus, von Halbheit und Kulturlosigkeit,
die ich überall gefunden habe, wohin mich meine bewegte Jugend

5

geführt hat.
(Gelegentlich der herrlichen Schilderung der Krapotkinschen
Jugend[4].)

[121]

Ihr macht mir aus meiner gleichmäßigen Höflichkeit gegen alle
einen Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es gibt gewiß nicht gar so

10

viele, denen es leicht fällt, die Menschen zu lieben. Nun, mir
fällt es zuweilen leicht: warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich
zu ihnen sein? Ich finde an jedem etwas, was mir Sympathie
oder doch Interesse abnötigt; und würde nicht mein Gefühl vom
Einssein mit allem eine Lüge sein, wenn ich irgendeinem Mitmenschen

15

gegenüber völlig kalt bleiben könnte?

[122]

Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflußbarste Mensch, den
ich kenne.

[123]

Vordem konnte ich den Anblick der Menschen in ihrem Wahn-
sinn der Kriege, in der Torheit ihrer Einrichtungen und Ziele oft

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kaum noch ertragen. Ich wünschte tot zu sein, um ihre Gesellschaft
nicht mehr teilen zu müssen, um nichts Gemeinsames
mehr mit ihnen zu haben. Vielmehr mit den Opfern der Gesellschaft,
mit den Toten der Schlachten wollte ich mich durch den
Tod verbrüdern, da mir die Lebenden bis auf den Grund verleidet

25

waren. Heute denke ich anders. Ich weiß, daß ich nicht mehr zu
gefallenen Soldaten hinzuzusterben brauche, da ich ja schon in
ihnen gestorben bin und alles erlitten habe, was sie erlitten. Ich
bin der, welcher schoß, der, welcher fiel und der, welcher nun
über beide nachdenkt.

   S. 40

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[124]

Dieser Ofen könnte mich veranlassen zu bleiben. Er ist aus länglichen
Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem Lila umrahmtes
milchweißes Ornament zeigen, und von schönen Verhältnissen.
Wenn die Menschen mehr bedächten, wieviel Glück von

5

einem einfachen Gegenstand ausgehen kann, wenn sich nur ein
reiner Geschmack in ihm ausdrückt, würden sie unter den einfachsten
Bedingungen viel dankbarer gegen ihr Leben sein dürfen.
Ich kann nicht sagen, wie mich die ersten Architekturen des
Südens (in Bozen[5]) wieder bewegten. Ich glaube, ich werde von

10

hier unaufhaltsam nach Italien hinabsinken — und vielleicht bloß
um seiner Bauwerke willen, die mir den Menschen erhöhn, wie
der Mensch sich in ihnen erhöht hat.

[125]

Ich bin zugleich sinnlich und unsinnlich, darin liegt alles beschlossen.


[126]
15

Es wäre vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch zu beginnen.
Draußen regnet es ununterbrochen seit neun Stunden
und bringt mir meine Einsamkeit erdrückend zum Bewußtsein.
Heute nachmittag durchfuhr es mich: Wenn ich meine Gedanken
und mein Schaffen nicht hätte, wie würde ich dann wohl

20

solch ein Krankenleben ertragen können. Und ich bin krank,
wenn ich es auch fortwährend wieder vergesse und mitten in meiner
Krankheit Stunden, Tage, Wochen vollkommener Gesundheit
durchlebe, Zeiten voll herrlichsten Blühens, in denen der
Zerfall in mir gleichsam überblüht, hinweggesiegt wird von einem

25

Frühling, der Herbst und Winter des Leibes nicht anerkennt,
der die Ordnung der Natur vergewaltigt und als unüberwindliche,
immer wieder auferstehende Lebenskraft mich über
mich selbst hinwegretten zu wollen scheint. Aber dann kommt
ein Spätnachmittag mit seiner gefährlichen Muße, dann kommt

30

ein nasser, trübseliger Tag wie dieser, und mit dem Vergessen
dessen, "was ist", ist es vorbei. Ich sehe ihn vor mir, meinen treusten
Begleiter und Verfolger, den seltsamsten Kauz der Welt.

   S. 41

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Seine Beschäftigung besteht seit zehn, seit vierzehn Jahren darin,
mich mit einer feinen Federpose in der Luftröhre zu reizen,
gleich als wünschte er auf Erden nichts, als immer von neuem,
Stunde um Stunde. Tag um Tag. Jahr um Jahr meine Stimme zu

5

hören, lediglich die Stimme, unartikuliert, tierisch, ohne Form,
ohne Inhalt, wie er denn wohl auch selbst nur ein tierischer Geist
sein mag, ein Gespenst ohne Hirn, nichts als fixe Idee von oben
bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger Lebenszweck.
Es berührt mich eigentümlich, wenn meine Freunde künftige

10

Pläne vor mir ausbreiten. Die einen denken sich ein kleines Haus
für mich aus in ihrer Nachbarschaft, die andern wollen mich weiß
Gott wohin haben. Vielleicht, vielleicht. Aber ich gebe mir höchstens
noch zehn Jahre. Und diese zehn Jahre haben ihre Bestimmung,
und die ist kaum: Nachbar zu werden und Besuchsreisen

15

zu machen. Am meisten schmerzt mich, was ich von dichterischen
Möglichkeiten alles fallen lassen muß. Zum Drama werde
ich nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu, und
mich aufs Drama hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt, Zeit
und dann auch Energie. Mein Widerwille nämlich gegen richtiges,

20

zusammenhängendes "Schreiben" ist allzu groß. Daran wird
auch mein Roman scheitern. Ich bin Gelegenheitsdichter und
nichts weiter.

[127]

Es kann keinen zarteren Freund des Weibes geben als mich -
aber etwas anderes ist, ein Weib lieben, etwas anderes, sein Leben

25

mit dem eines Weibes vermischen zu wollen.

[128]

Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance von Hochmut
in einem auftaucht. Wenn man der offenbaren Niedertracht
gegenüber zuweilen eisig wird - das einzige, das ihr nicht zu Gebote
steht. Die Menge weiß nichts von der Tiefe der Demut, die

30

ein einzelner empfindet, der sich ganz zu erkennen strebt.

   S. 42

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[129]

Niemand war und ist mir eine empfindlichere Geißel als der richterlich
geartete Mitmensch. Er ist für mich der personifizierte
böse Blick. Vor ihm erschrickt alles Lebendige in mir so tief, als
hätte der Tod selbst es gestreift. So mag eine Pflanze aufhören zu

5

wachsen, wenn sie ein schlimmer Zauberer anhaucht. Sie will
gern von Wind, Regen und Kälte vernichtet werden, und wenn sie
jemand zertritt, so wird sie es als etwas Natürliches hinnehmen,
aber sich bei lebendigem Leibe von einem andern lebendigen
Wesen schlechtweg in Frage stellen, verneinen, für einfältig, für

10

einen Irrtum erklären lassen zu müssen und das nicht etwa unter
einem Feuer von Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht - das ist
unerträglich.

[130]

Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.

[131]

Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an meinen

15

Ofen verfaßt und sie ihm dann übergeben. Er verschlang sie gierig
und wärmte mir mit seinem Feuer eine Minute lang Gesicht
und Hände. Gewiß, das war alles; aber es gibt Menschen, die
nicht einmal wie ein Ofen zu antworten vermögen.

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Buddenbrooks
  2. Lukas 5, 16
  3. Wikipedia:Dillettant
  4. Wikipedia:Pjotr Alexejewitsch Kropotkin
  5. Wikipedia:Bozen

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 36ff.