Aphorismen - In me ipsum - 1907

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...

1907

[132]
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Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft wird.

[133]

Das Individuum unbehaglich zu machen ist meine Aufgabe.

[134]

Luther spricht einmal von "bösen Gedanken", deren Kommen
man nicht hindern könne, aber die es gelte, vor der Schwelle bleiben
zu lassen. Der Satz (dessen schöner kräftiger Wortlaut mir im

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Augenblick leider nicht gegenwärtig) ist mir oft im Leben ein
Trost gewesen: denn ich habe von früh auf, d.h. wohl etwa von

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meinem 14. Jahr an, daran gelitten, daß in der Reihe meiner Assoziationen
plötzlich zuweilen ein "häßlicher Gedanke", eine
häßliche Vorstellung auftauchte, die ich sofort als solche erkannte,
ohne indes die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja

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ihr Wiedererscheinen zu hindern.[1]

[135]

Es ist bitter, sich sagen zu müssen, daß man zwischen 35 und 45
zu erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 hätte sollen erledigen
können.

[136]

Die Urheber apodiktischer [2] Urteile sind die mir so ziemlich am

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meisten entgegengesetzten Naturen. Es sind für mich die eigentlich
unmenschlichen Menschen.

[137]

Wenn ich ein Musiker wäre, so würde ich einen gemischten Chor
mit Orchester komponieren: den "Chor der Genesenden", - und
im Himmel selber sollte nicht tiefer, inbrünstiger und süßer gesungen

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werden.

[138]

Wenn ich das Gegenwärtige nicht so liebte, wenn ich diese Liebe
nicht hätte wie einen großen, sicheren Fallschirm, ich wäre längst
ins Bodenlose gefallen.

[139]

Welch ein Glück, am Abend eines in unerklärlichem Unbehagen

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und Trübsinn verbrachten Tages einen Bekannten zu treffen und
also von ihm angeredet zu werden: "Leiden Sie auch so unter
dem Wetter?" "Unter dem Wetter?" gibst du fragend zurück und
atmest mit einem Male auf. "Ich wenigstens", heißt es weiter,
"fühle mich während dieses Schirokkos [3] immer wie zerschlagen."

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"Und wir hatten heute Südwind?" fragst du. "Wir haben ihn
noch", ist die Antwort, "und hatten ihn schon gestern und vorgestern."
Dir ist, als würdest du freigesprochen. Und du fängst

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an, den Südwind zu lieben, einfach deshalb, weil du dich selbst
nun nicht mehr so sehr zu hassen und zu verabscheuen brauchst.
Du bist, du warst nicht im Innersten krank, nur kraftlos wurdest
du wie die Blume neben dir, wie die Tiere und Menschen um

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dich, natürlich war alles, nur eine zugleich fremde und verwandte
höhere Gewalt hielt dich darnieder, ungebrochen in Kern und
Wesen richtest du dich gleich allem Gesunden um dich nun wieder
empor.

[140]

Ich bin wie einer, der ohne Führer, nur so nach Karten und gelegentlicher

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Auskunft von Hirten und Wanderern ins Hochgebirge
hineinsteigt. Niemand ahnt, mit was für Martern ich das oft zahlen
muß und wie mir ein schneller Tod oft göttliche Wohltat wäre.
Nein, mein "Dilettantismus" ist kein Spaß, keine Koketterie; er
ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen; denn war

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mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis fehlte es allezeit an
jener letzten besten Energie, die sekundieren muß, wo irgend etwas
Großes auf Erden werden soll.

[141]

Ich bin heute noch dasselbe Kind wie vor zwanzig Jahren. Hinter
einer Wand, nachts, erscheint mir alles, aber auch alles möglich,

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besonders aber, daß da ein herrliches junges Mädchen wohnt, das
mich hebt - und von keinem andern Gedanken beseelt ist, als
mich dies durch allerlei geheime Zeichen merken zu lassen.

[142]

Es ist viel Glück in mir, Glück, das mir meine Grenzen verschlei-
ert und Glück, das sie mir ins Unbestimmte hinausrücken zu dürfen

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scheint. Ich habe viel Talent zum Leben, - wenn das Leben
nur mehr Talent zu mir hätte. Aber manchmal weht doch ein
Windstoß all die warme, schützende Illusion fort, und dann sehe
ich flüchtig meinen Umriß und - schaudere.

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[143]

Mein Kopf gehört zu den Starrköpfen, denen fremdes und fremdartiges
Denken leicht zuwider wird. Was er nicht gleich versteht,
macht ihm Qual, und er versteht vieles nicht gleich . Sein
Gehirn kommt von Malern, Offizieren, Seeleuten, Gärtnern her

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und nicht von Gelehrten. Juden und Priestern.

[144]

Beim Betrachten einer Mauer aus rohbehauenen Steinen: Ich
habe völlig das Gefühl, als wären meine Augen nur einfach noch
lichtempfindliche Flecken an mir, weiter nichts.

[145]

Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. - Und

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deshalb sollte ich eigentlich nicht mehr unter Menschen und am
wenigsten unter Freunde gehen: denn sie wissen alle nicht, daß
ich nur gastweise bei ihnen bin und ihnen zuhöre, daß mir für
vieles von ihrem Leben und Treiben die letzte leidenschaftliche
Aufmerksamkeit verlorengegangen ist, als wäre ich ein Mann,

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der etwa in einem Saal einer feinen und großen Musik zuhört -
aber draußen vor der Tür steht heimlich sein Weib und wartet auf
ihn, und vor lauter innerer Unruhe hört er nur mit halbem Ohre
zu und verbirgt kaum seine Zerstreutheit und mag manchem
schärferen Beobachter mit Recht als kein sehr fachmännisch engagierter

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Zuhörer gelten.

[146]

Ich habe nur einen wahren und wirklichen Feind auf Erden,
und das bin ich selbst.

[147]

Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den ich mir ins
träge Fleisch drücken könnte - und finde ihn nicht.

[148]
25

Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus Steinen
und Holzstücken Häuser bauen, mit dürren Zweiglein Straßen
abstecken und Haine bilden, einen Felsblock zum Range

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eines Alpengipfels erheben und einem Hirschkäfer und seiner
Frau die Herrschaft über das alles verleihen. Und dieses kleine
Reich würde mich glücklicher machen und meine Phantasie umständlicher
anregen und beschäftigen - als ein noch so großes

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der Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit 35 Jahren, acht Tage
am Strande von Sylt mit Bauen und Zimmern einer Strandhütte
verbracht und war wohl selten so von Herzen froh wie bei diesem
harmlosen Spiel.

[149]

Ich irre in diesen europäischen Ländern umher wie ein Vogel in

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einem Treibhaus. Die Menschen glauben, weil ich von einem Ort
zum andern reise, lebte ich ein beneidenswertes Leben. Sie wissen
nicht, daß mich letzten Endes jeder dieser Orte enttäuscht -
denn über jeden ist der Fluch europäischer Zivilisation ausgegossen,
vordem er vor hundert, ja vor fünfzig Jahren noch verschont

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war. Die entsetzliche Nüchternheit der letzten dreißig, vierzig
Jahre kriecht einem überall nach, ja sie färbt auf einen selber ab:
Man verhotellt zuletzt rettungslos. Denn wo kein Hotel ist, da ist
kein Platz für dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner
schriftdeutschen Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit an die

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Großartigkeit unserer Epoche der Technik geglaubt, aber jetzt
fühle ich nur noch das Eine: daß sie die Erde entzaubert, indem
sie alles allen gemein macht.

[150]

Je älter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein Wort vor allen:
Grotesk.

[151]
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Da stamme ich nun von Malern - und muß den Zusammenbruch
der Natur als eines Bildes in mir erleben!

[152]

Ich habe diesen Herbst mit Übeltaten angefangen. Ich habe an
zwei heißen Septembertagen fünf oder sechs Wespen getötet, die
in mein Zimmer gekommen waren und mich beunruhigten. Das

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war ganz und gar gegen meine Gewohnheit und nur durch eine
Unruhe und Unbeherrschtheit zu erklären, die unter dem Einfluß
des Südwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen überkommen
hatte.

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Spätere Bemerkung:
Ich weiß noch, wie mich damals besonders die "Dummheit" der
Tiere erregt hatte, die oft eine Stunde lang an der Zimmerdecke
hin und her und auf und ab irrten, ohne den scheinbar so einfachen
Weg durch die offene Balkontür wiederzufinden oder wiederfinden

10

zu wollen. Übertragen wir diese meine Ungeduld und
Unduldsamkeit auf Götter und Menschen, so hätten diese Götter
wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen totzuschlagen.


[153]

Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen erinnert

15

mich an die Responsorien[4] der katholischen Kirche. Ich sehe die
wohlgenährten Schwarzröcke vor mir, ich sehe den zelebrierenden
Priester auf den Stufen des Altars und den Altar selbst mit
seinen schlanken Kerzen und alten Gemälden.

[154]

Als Primaner versuchte ich zum ersten Male zu einer lebendigen

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Vorstellung dessen zu gelangen, was wir des Alls Unendlichkeit
nennen. Ich legte mich nachts auf einen fast horizontal gestellten
Klappsessel in den Garten, und bemühte mich, über das rein
Bildmäßige des Sternenhimmels hinaus in seine Wirklichkeit
einzudringen. Es gelang mir so wohl, daß ich empfand: Jetzt noch

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eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein einziger kleiner
Schritt weiter und mein Gehirn ist auf immer verloren. Und ich
brach das schauerliche Experiment ab. Jetzt, etwa fünfzehn Jahre
später, droht mir die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann
an einem stählern blauen Frühlingsabende in einer Gartenanlage

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in Obermais, mit dem Blick auf die dem Vinschgau vorgelagerten
Ketten. Die Berge formten sich ungefähr wie zu einem
Maulwurfshügel zusammen, die Ortschaft, die Gegend um mich

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verloren ihre Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht
bedeutender als der Abdruck eines Daumenballens in einer
Wachskugel, und mich trug der riesige doch kleine Planet wie ein
Infusorium auf seinem Rücken rund durch den Raum. Ein leichtes

5

geistiges Schwindelgefühl, ein Vorgefühl von Seekrankheit
des Geistes erfaßte mich. Die Begriffe oben und unten gingen in
einem dritten unter. Ich saß da nur einfach von Luftdrucksgnaden.


[155]

Ich melke jetzt meine Taschenbücher - vermittelst der Schreibmaschine.


[156]
10

Zweiem bin ich nur zu sehr zugänglich: dem Ekel und dem
Grauen.

[157]

Ich habe zwei Jahrzehnte an die Notwendigkeit geglaubt, ich
werde mein fünftes Jahrzehnt vielleicht an die Freiheit glauben.

 

 

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Fußnoten

  1. Bei Luther sind mehrere Stellen dieses Inhalts zu finden. Ein Beispiel ist in der Auslegung des Vater unser zu finden:
    Siehe, also kann sich niemand über die Anfechtung erheben. Man kann sich aber wohl wehren und dem allem mit Gebet und Anrufung der Hilfe Gottes abhelfen. So liest man in den Büchern der alten Väter, daß ein junger Bruder den Wunsch aussprach, seine Gedanken los zu sein; da sprach der Altvater: "Lieber Bruder, daß die Vögel in der Luft dir über dem Haupte fliegen, kannst du nicht verhindern; du kannst es aber hindern, daß sie dir in den Haaren ein Nest machen". Genau so können wir uns wie Augustinus sagt, zwar der Anstöße und Anfechtung nicht erwehren; daß sie uns aber nicht überwinden, dem kann man mit Beten und Anrufen göttlicher Hilfe wohl wehren.
  2. Wikipedia:Apodiktische Aussage
  3. Wikipedia:Scirocco
  4. Wikipedia:Responsorium

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 42ff.