Aphorismen - In me ipsum - 1908

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...

1908

[158]
15

Ihr meßt jedem sein Maß Liebe zu: dem drei Viertel, dem zwei
Viertel, dem ein Viertel, dem nichts. Davon verstehe ich nichts.
Ich kann nicht messen, und meine Seele ist immer da am eifrigsten,
wo ich sehe, daß eure sich spart und sperrt.

[159]

Schließlich und endlich: Was vermisse ich unter meinen Mitmenschen

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am meisten: wirkliche , wirkliche Phantasie.

[160]

Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten "guten
Handlung". Da bin ich eben bei einem Begräbnis gewesen. Aber
nichts an meiner ganzen Beteiligung an diesem Actus war anders
als so gut wie nur äußerlich, außer der ursprünglichen spontanen

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Regung beim Empfang der Todesnachricht: Du willst dieser Frau
die letzte Ehre erweisen.

[161]

Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu
bleiben.

[162]
5

Ich komme allmählich dazu, nichts mehr zu tun, was ich nicht
wiederholt haben möchte.

[163]

Ich liebe jeden, der mir, sei es durch seine Persönlichkeit, sei es
durch sein Wissen etwas zu geben vermag. Mein größter Haß
aber ist der Schwätzer.

[164]
10

Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem richten muß,
weil sie jeden Tag immer wieder von neuem nachgeht.

[165]

Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe und kratzt nicht
alles hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet
nicht, daß in der Breite meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft

15

dienlich sein kann.
Ißt man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngehäuse,
die Schale, den Stengel? Also lernt auch mich essen und
schlingt mich nicht hinunter mit alldem, was nun zwar zu mir
gehört und gehörte, aber von dem ich selbst so wenig wissen will,

20

wie ihr davon sollt wissen wollen. Laßt mein allzuvergänglich Teil
ruhen und zerfallen: Dann erst liebt ihr mich wirklich, habt ihr
mich wirklich verstanden.

[166]

Ihr seid von hier, ich bin von dort.

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[167]

Mein Leben lang habe ich eine Unzahl guter, nützlicher Ideen
und Einfälle gehabt, aber ich kam nirgends in die Fachwelt hinein.
Die Welt, der ich unzähliges zu bringen hatte, war und blieb
mir durch eine starre, undurchdringliche Fachwelt verbarrikadiert.

5

Und nur als "Lyriker". Verfasser der Galgenlieder etc.
(horribile dictu!!) kam ich hie und dort wie durch eine Lücke
hinein.

[168]

Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es gibt fertigere
Menschen denn mich, sicherlich ungezählte. Aber keiner ist fertig,

10

keiner soll je fertig sein.

[169]

Ich beneide jene Menschen fast, die so sicher ins Leben hineinschreiten,
als sei es das Natürlichste der Welt, Mensch zu sein
und menschliche Geschälte zu betreiben. Ihnen ist nichts ungewiß
und problematisch. Sie werden morgen wie heute arbeiten,

15

essen, schlafen, sich ärgern, sich vergnügen. Sie nehmen höchstens
voraus, was die Zeitung sagen wird, wie die Kurse stehen,
wie die Ernten ausfallen werden. Oder sie leben selbst in Sorgen
für ihre Kinder, für sich, für alte Eltern.
Aber das ist es alles nicht.

20

Das Grauen, das ich meine, hat nichts mit jenem täglichen Leben
zu tun. Es erwacht in jenen Augenblicken, da wir uns blitzartig
der ungeheuren Gewagtheit und Unsicherheit unsres
Daseins besinnen, da wir unsere ganze Preisgegebenheit jedem
Lufthauch gegenüber eingestehen müssen.

25

Wie, wenn die fliegende, schwebende Erde ihr Gleichgewicht
einmal verlöre, wenn dieses Stecknadelköpfchen im grenzenlosen
Weltraum sich einmal aus seiner Bahn herausschwänge!
Aber das ist es auch noch nicht.
Wir fühlen uns doch zu sehr eins mit unserer Erde, als daß wir ihr
nicht blindlings vertrauten und als daß wir zum andern ihre Unfälle,
ja selbst ihren Untergang nicht tapfer teilen zu wollen den

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festen Vorsatz hätten. Das Schlimmere ist die Unbestimmbarkeit
jenes zweiten Weltlaufes, der als unser aller Gesamtleben uns in
seinem Zusammenhang mit sich fortträgt. Sekunde um Sekunde,
notwendig und unerbittlich.

[170]
5

Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt!

[171]

An dieser meiner Lieblingsbank führt kein Spazierweg vorüber,
geschweige denn eine Straße, - nur ein schmaler Wiesenpfad von
zwei Spannen Breite. Da kommt denn auch begreiflicherweise
wenig Volks vorbei, - - Einsiedler, Sonderlinge!

[172]
10

Würde ich wohl mit ebensolcher Leidenschaft sehen, wenn ich
selbst - Maler wäre? Wer weiß es. Das eine nur weiß ich: ich
würde die Natur fassen, wo ich sie fände, und ich weiß nicht, wo
ich sie nicht - fände. Ich würde nicht erst vors Tor gehen, geschweige
in andere Gegenden, ich würde gar nicht herauskommen

15

aus meiner nächsten Umgebung, aus diesem von mir oft und
meist so ganz verwünschten und doch malerisch namenlos reizvollen,
reichen, ja unerschöpflichen Berlin mit seiner immer
wechselnden Stadtatmosphäre, seinen Stadtbahndämmen, seinen
mächtigen Straßenzügen, seinem schmutzigen Gedränge bei

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Regenwetter, seinen lebenden Kinematographien, durch die Riesenscheiben
der Cafes gesehen, seinen Abendstimmungen über
Reichstag und Brandenburger Tor, seinen so mannigfach gemischten
Lichteffekten im Wasser, im Dampf, im nassen Asphalt,
im Straßendunst, vom Einbruch der Dämmerung bis zum Aufgang

25

des Mondes. Dieses Irisieren der Flußoberfläche in den
letzten Krisen des Lichts, diese zuckenden Schwerter im Strom,
von roten oder gelben Brückenlaternen ins Wasser geschlängelt,
diese bleichen Monde der Bogenlampen in schwarzglänzend
spiegelnder Feuchte - es gibt kein Aufhören der Bewunderung

30

für liebende Augen.

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[173]

Ich sehe mich selbst, schreibend zur Nachtzeit - im Bett bei der
Lampe, dies Büchelchen schreibend...
Und all das bin Ich.
Ich sehe . -

[174]
5

Mit meiner Mutter ist mir die eine Hand verlorengegangen, die
Musik; mit meinem Vater ist mir die andere genommen worden,
die Malerei. Das schöpferische Dreieck, das das Leben aus uns
hätte bilden können, darf ich mir nicht vorstellen.

[175]

Bis vor kurzem hielt ich mich dann und wann für eine "harmonische"

10

Natur. Jetzt weiß ich, daß ich ein Versuch bin, meinen Vater
durch meine Mutter zu überwinden.

[176]

Wenn ich mir je ein Haus baue, so muß es einen Hof umschließen,
in dessen Mitte ein riesiger Baum steht. Nichts ist für mich
mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum. Vor ihm

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würde ich täglich nachdenken, vor ihm und über ihn...

[177]

Über die äußere Technik zur Hervorbringung kontemplativer
Zustände mich unterrichten!

[178]

Mir den Sonntagmorgen als Posttag einrichten. Nur dann Privatkorrespondenz
empfangen und beantworten.

20

(Private Ordensregeln.)

[179]

Das ist es: Alle die andern beschäftigen sich mit "Gott". Ich wage
zu sagen: Ich - bin - das, was wir Gott nennen - selbst. Wer das
versteht, aber auch nur der, weiß, was ich meine, wenn ich von
"meinem Ernste" spreche.

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[180]

Ich hab beschlossen, Soldat zu sein und will als solcher sterben.

[181]

Bei Hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, den Bedürfnissen
nachzuspüren, woraus ihre Werke entsprungen sind,
als diesen Werken selber. Bei mir mag man sich mehr an das halten,

5

was ich schreibe.

[182]

Ich weiß mich merkwürdig frei von jeder "romantischen Sehnsucht",
ich fühle im Durchschnitt meines Wesens brüderlich zum
Leben als etwas, dem ich nichts hinzuzufügen brauche und das
mir nichts hinzuzufügen braucht. Darum vermag ich mich auch

10

rein an ihm zu freuen, wo es Freude erweckt, darum wendet sich
mein Schmerz über das Leid der Welt gleich bis in seinen Grund
zurück. Kein Anders -Sein wollend, sondern das Sein in seinem
Kern und Wesen anklagend und in Frage stellend.

[183]

Der Mensch ist mein Fach, und hier will ich bis zum Äußersten

15

gehen. Wenn ihr aber sagt: Dagegen wendet der Politiker dies ein
und dagegen der Historiker dies und dagegen der Nationalökonom
dies, so erwidere ich: Laßt auch sie ihr Fach bis zum Äußersten
treiben. Ihr Fach ist der Mensch in irgendeiner sozialen
Form, das meine der Mensch an sich, der Mensch als inkommensurables

20

Wesen.

[184]

Man wird mich einst in manchem meiner Sätze zu einem Eklektiker
degradieren wollen, aber wenn ich auch in nichts Bisheriges
überschritten haben sollte: Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete
ich etwas auf, wozu ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung

25

gekommen wäre, und vieles fand ich und finde ich zu
meinem Erstaunen wieder, was ich für mich allein zuvor besaß.
Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher:
"Darum lebt das ganze Universum, das Göttliche, in jeder Individualität,

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als jede Individualität." Ist dies nicht mein Gedanke?
Und habe ich Schleiermacher je zuvor näher kennengelernt?

[185]

Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken
ausdrücken will) datiert nicht etwa vom August 1908, sie hatte

5

sich mir schon lange vorher verraten. Ein äußeres Merkwort bedeutete
für mich auf diesem Felde eine gelegentliche Auslassung
Heinrich Frickes. etwa so im Vorfrühjahr 1907, über sich, Goethes
Farbenlehre und den Dualismus. Daß ein so tiefer Mensch
überall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich überall Einheit

10

fühlte, konnte ich nicht mehr vergessen. Aber ich kam doch
auch noch auf ganz andern Wegen zu der Formulierung der Welt
als Gottes "Du".

[186]

Die meisten Ehen werden geschlossen, wie nur Liebschaften angeknüpft
werden dürften.

[187]
15

Scheinbar geschaffen, eine vita activa zu leben, kann ich doch nur
durch eine vita contemplativa - oder doch den unzerstörbaren
Willen zu ihr - die Achtung vor mir selbst bewahren. da ich nur in
ihr meine wirklich und dauernd fruchtbaren Möglichkeiten habe.

[188]

An Margareta. Jetzt fangen wieder diese großen, herrlichen Vormittage

20

an, an deren spätem Ende ich, an allen Fibern zitternd,
den Mittagstisch aufsuche, um unwillig und abwesend mein Essen
beizunehmen, das mich langsam wieder dem Gesetz der
Schwere unterwirft. Du kannst Dir keinen Begriff von diesem inneren
Brennen und Verzehrtwerden machen, dem ich oft kaum

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gewachsen bin, so daß ich jeden Augenblick und bei jeder Berührung
durch irgend etwas, einen Anblick, eine Zeitungsnachricht,
eine Melodie, in Tränen ausbrechen möchte.

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[189]

Heute habe ich mich zum zweiten Mal an die "Erweckung des
Lazarus" gemacht... Was ich hier will, ist viel tiefer als "Kunst".

[190]

Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein gebissen. Seitdem
bitte ich jedes Brot vorher: Enthalte keinen Stein!

[191]
5

Ich möchte sagen, daß ich immer noch im und vom Sonnenscheine
meiner Kindheit lebe.

[192]

Ein jedes Jahr schmeck ich den Wein des Lebens um eine Nuance
reicher.

[193]

O Herz, was für eine süße Verrücktheit ist doch das Leben!

[194]
10

Mein Traum 26./27. Nov. 1908: Ich sehe etwas in der Luft wie
etwa drei glänzende, glasklare Äpfel an einem (unsichtbaren?)
Zweig, sie bewegen sich leicht im Wind - und daran geht mir das
Wesen allen Lebens auf. Ich denke an Böhme und seine Lampe.
Nach jenem Vorgang - bewegtes All - erkläre ich mir, im Traum,

15

das ganze Leben. Das tertium ist mir leider entschwunden, ich
weiß nur, daß ich großer Klarheit genoß.

[195]

Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als einen wehr-
und hilflos dem Großen preisgegebenen Menschen. Auf mich
kann eine Seite Lagarde z. B. wie eine Säure wirken, die mich für

20

den Augenblick völlig zersetzt. Oder ein Wort Nietzsches oder
Goethes.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 48ff.