Aphorismen - In me ipsum - 1909

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   S. 56

1909

[196]

Ich glaube kaum, daß ich dieses Buch je persönlich veröffentlichen
werde. Ich hoffe vielmehr, nach seiner Vollendung bald die
Augen zu schließen und andern überlassen zu dürfen, es den Weg

5

aller Bücher gehen zu machen.
Nicht als ob mich irgendein Ekel am Leben erfüllte, o nein!
Aber ich mag nicht mehr auf den Markt gehen und mich ausbieten, ich
mag niemandem mehr nacheilen, weder dem Zwischenhändler
noch dem Käufer. Manchen redlichen Versuch habe ich gemacht,

10

einen Menschen zu finden, der wirklich an mich geglaubt, der
mich erkannt, der mich nicht irgendwie "verwechselt" hätte - ich
habe letzten Endes nur einen gefunden, und dieser Mensch hat
alles getan, was er konnte: er hat sich selbst mir geopfert.
Wenn ich mein Leben überblicke, so sehe ich - was?

[197]
15

Ich widerrufe alles Harte und Böse, was ich je in meinen Worten
oder Briefen gesagt habe.

[198]

O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer wieder absinken.
Züchte doch den Willen in dir. du ewiger Wanderer
ohne Stab .

[199]
20

Man soll mich als einen malen, der ohne Stab einen Berg erklimmt.
Der Dämon seiner eigenen Schwäche hindert ihn, sich
einen Stab zu bilden. - aber am Steigen selbst kann er ihn nicht
hindern, wie oft er auch wie tot daliegen mag.

[200]

Einem Menschen wie mir genügt es nicht, einmal das Richtige

25

zu erkennen.

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[201]

O, diese Ewigkeit hinter uns, das ist das Trostlose. In die Ewigkeit
zu schreiten, von Stufe zu Stufe sich höher entwickelnd, von
Gestirn zu Gestirn fliegend, in immer vollkommeneren Gestaltungen
sich auslebend und betätigend - Fortschritt zu unendlichen

5

Zielen, ewig gesteigerte Fähigkeit des Fassens und Empfindens,
immer höhere Lust, immer tieferer Schmerz, immer
fortwachsen ins qualitativ Große, ein grenzenloses Ringen des Individual-
(als Teil des Gesamt-)Willens mit Hülfe des Denkens,
als eines stofflichen Prozesses, über sich selbst Herr und Erkennender

10

seiner selbst zu werden ... welch ein Prospekt, welch eine
Herausforderung zu nie erschlaffender Lebensbejahung, welch
ein Ideal im höchsten Sinne!
Aber ach! Aus all dem, was wir so brennend wünschen - kommen
wir ja her! Was könnte uns Neues überraschen, das wir nicht

15

schon in der Ewigkeit vor unserer Geburt (als Menschen) durchgekostet
hätten?
Eine Linie ohne Anfangspunkt kann weder an- noch absteigen,
sie ist eine Kreislinie. Der Mensch ist ein Punkt auf dieser
Kreisperipherie - vor ihm, hinter ihm (wenn wir so sprechen

20

wollen) die gleiche Strecke: er selbst: Ausgangs- und Endpunkt
zweier id est einer Ewigkeit. Dies Bild mag Nietzsche auf den
Gedanken einer Wiederkehr aller Dinge gebracht haben. Vergewaltige
ich aber die unendlichen Dinge nicht, wenn ich sie mit
menschlichen Begriffen messe, wenn ich den Gedanken "Ewigkeit"

25

in dem endlichen Begriff des Kreises fixieren will? Der
Mensch kann sich - als endlich - keinen Begriff von "Ewigkeit"
und "Unendlichkeit" machen. Und doch will er sie unter dem
Bilde des Kreises begreifen . Er preßt das Unendliche in seinen
Raum- und Zeitbegriff, nach dem allerdings die Kugel (der potentierte

30

Kreis) das Ausgedehnteste, Vollkommenste ist.
Sollte darum nicht eine gerade Linie an sich möglich sein? Eine
Linie, die nicht aus sich ausgeht, noch in sich wiederkehrt? Ist
nicht der Kreis noch eine Vermummung des einstigen Glaubens
an einen Anfang und Ursprung der Dinge? Indem im Kreise der

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Anfangspunkt gleichsam in der Möglichkeit unzähliger Anfangspunkte
verschwindet und dem Auge verlorengeht?
Denn auch ein Kreis muß schließlich an irgendeinem bestimmten
(wenn auch nicht bestimmbaren) Punkte zu ziehen begonnen

5

worden sein.
Die "Wiederkunft aller Dinge" ist ein abgeschmackter und unerträglicher
Gedanke. Nachdem man sich einmal blutend emporgerungen
hat, den ganzen Prozeß noch einmal durchmachen zu
müssen mit seinen ganzen Scheußlichkeiten und Abgründigkeiten

10

(man denke an die Kranken, die Mörder usw.) und nicht
einmal - sondern ruhelos da capo - das Leben würde faul und
stinkend werden in diesem ertötenden Kreislauf.
Ich schaudere vor einer Gefangenschaft, die mich zwänge, immer
wieder das zu sein, was ich nicht mehr sein will, was ich in mir zu

15

Boden gerungen habe.
Ich schaudere überhaupt vor dem Gedanken an irgendeine Gefangenschaft
des Willens in mir, vor einem Über-Willen, dem ich
machtlos preisgegeben bin.
Und wenn ich will , so werde ich fortschreiten und nicht wieder

20

in alte Kleider fahren, so werde ich sogar bergan- und hinaufschreiten,
mich immer aufs neue bejahend oder ein für allemal
verneinend, wie mir es beliebt.
Etwas will ich frei haben in der Welt und das ist mein Wille. Es
ist natürlich nicht der sogenannte "freie Wille" gemeint, sondern

25

der Wille in Schopenhauerschem Sinne. Der soll sich seine Lebensform
wählen, und sein Lebensziel selbst setzen dürfen, der
soll sein Leben und seinen Tod wollen dürfen.
Die Ewigkeit soll mir kein Gespenst sein, das mich immer im
Kreise herumtreibt. Ich will ein Vorwärts , also gibt es für

30

mich ein Vorwärts.

[202]

Aller Liebe und Ehe muß eine gewisse dauernde sinnliche Anziehung
zugrunde liegen. Nun ist meine Sinnlichkeit sehr leichter,
flüchtiger Art - "ich brauche nur den Duft der Welt, die ganze

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Welt zu haben", so steht im Sommer . Genügsamkeit (und doch
Verherrlichung des Lebens) ist überall mein Zeichen. Genügsamkeit
allen Realitäten des Lebens gegenüber. Wenn es sein
müßte, könnte ich alles entbehren: alles Privateigentum an Menschen

5

wie Dingen.
Nur im Geistigen bliebe ich nach wie vor voll Verlangen.

[203]

Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter - 42?

[204]

Ad Steiner. Gleich in medias res. Ich war sozusagen bis vier Uhr
morgens gegangen und glaubte kaum noch, daß es nun noch wesentlich

10

heller für mich werden könnte. Ich sah überall das Licht
Gottes hervordringen, aber...
Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten letzten
Augenblick ein fünf Uhr, sechs Uhr, sieben Uhr - einen neuen
Tag.

[205]
15

Ich werde noch manches veröffentlichen müssen, was einer früheren
Entwicklungsstufe als meiner jetzigen angehört, denn ich
darf niemanden über den Weg betrügen, den ich gegangen bin.

[206]

Ich möchte gern auch noch zu äußerem Wirken gelangen. Ich
möchte mir Berlin als geistiges Stadtkunstwerk zum Ziele machen.

20


In alles und jedes einfließen machen einen höheren Geist!

[207]

Ich bin eine Zusammenfügung aus einem blitzschnellen und
schneckenlangsamen Geist.

[208]

Immer bewußter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde und
Flackernde in mir überwinden. An jeden guten Gedanken, jede

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gute Empfindung einen Stein hängen, sie verankern. Damit zusammenhängend:
Seßhaft werden, Tempobändigung, Tempobeherrschung.


[209]

Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!

[210]
5

Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge
ein.

[211]

Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, sondern um
meiner Liebe zum Menschen willen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 56ff.