Aphorismen - In me ipsum - 1910

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...

1910

[212]
10

Galgenberg. Der kleine Verein stand unter dem Zeichen des Spiritus
asper[1], und sein Wahlspruch lautete: per aspera ad astra[2] oder
in deutscher Übersetzung: Der Hauch über den Dingen ist das
Beste.

[213]

Der Verfasser hat den Menschen, von dem dieses Buch handelt,

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nie leibhaftig gesehen. Nur einmal - im Spiegel.

[214]

Ich träumte mir die Kraft eines Zukünftigen. - meiner Zukunft
und ließ, als ich vom Haus der lieben Freunde dankbar Abschied
nahm, in jedem Zimmer eine Rose zurück, eine Rose, geschaffen
durch den Willen meiner Liebe.

[215]
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O meine Hand, du seltsames Geschöpf, du warst mir immerdar
ein Angelhaken der Meditation. Wenn ich in deine Schale blicke,
meine ich ein Geistgebilde zu schauen.

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[216]

Ich beginne Heine um seine Matratzengruft zu beneiden. Es ist
grotesk, von einem schönen Ort zum andern zu fahren und sich
an jedem nach acht Tagen ins Bett zu legen, statt resolut einen zu
wählen und dort ein für allemal im Bett zu bleiben.

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Die schönen Orte! Es gibt für mich keine mehr. Ich habe den Sinn
für schöne Landschaften fast verloren. Ja ja, sie sind schön, ich
spüre sehr wohl noch dann und wann einen Hauch davon, aber
im Grunde begehrt meine Seele jetzt nicht mehr schöne Konfigurationen
von Bergen. Meeren. Ebenen, Wäldern, Städten. Es gibt

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noch eines : Horizonte. Die liebe ich noch. Oberhalb der württembergischen
Stadt Freudenstadt war z.B. solch ein Horizont.
Da zu wohnen wäre mir etwas gewesen. Aber wer kann heute
noch irgendwo auf Höhen wohnen, wenn er keine Mittel besitzt
und vor allem nicht das Mittel der Gesundheit. Nein, nein, man

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gehe mir mit allem Milieu: eine Krankenstube, in die man wie ein
Biber alles zusammengetragen hat, was man an Büchern, Bildern
usw. in zwanzig Jahren sich angeeignet, genügende Schreibgelegenheiten,
Lampen, Bettschirme und dergleichen, ein undurchdringliches
Vorzimmer, worin die Schwester sitzt - so etwas Ähnliches,

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mit einigem Raffinement ausgerüstet, das ist die einzige
wirkliche Höhle für einen modernen Einsiedler, gesetzt, sie liegt
noch dazu mitten in einem Garten, vielleicht in einem alten verfallenen
Pavillon und ehemaligen Teehause eines verschollenen
Potentaten - das ist etwas, über die Verführungen der ganzen

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Erde zu stellen, das würde für mich endlich alles ausgeschaltet
haben, was ich nicht mehr brauche, nicht mehr will, nicht mehr
wollen und brauchen will noch darf.
Denn was will ich endlich, ans Ufer geworfen von der mehr noch
als ich unermüdlichen Brandung, die ich vergeblich zwanzig

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Jahre eines guten Lebens und Widerstrebens zu überwinden versucht
habe, was will ich endlich, nachdem mir das Schiff und die
Rippen zerbrochen, im redlichen Kampfe, hinanzukommen aufs
hohe Meer der Taten und Werke meiner Zeit?
Die Front wechseln. Nicht länger das Meer bestürmen, sondern

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die Landseite des unbekannten Strandes erforschen. Die Zeit

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hinter mir lassen und nach der Seite der Ewigkeit vordringen.
Den Mächten danken, daß ich mit vierzig Jahren nirgends draußen
schwimme mit fester Richtung und gebuchter Flagge, weder
ein Kauffahrer noch ein Kriegsmann noch ein Entdecker noch

5

ein Pilot noch ein Pirat, sondern im Dünensand liege, Runen um
mich mit den Fingern ritzend, die mir gestern träumten und in
denen irgend etwas enthalten scheint von den Geheimnissen des
Reiches hinter mir - vor mir...

[217]

Bild meines Lebens.

10

Stiel : Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere
Krankheit.
Schale : Öffnung durch Johanneisches.
Blut : Erfüllung.

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Spiritus asper
  2. Wikipedia:Per aspera ad astra

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 60ff.