Aphorismen - Kunst - 1895

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1895

[316]

Alles ruft heute nach Seele in der Kunst. Man will nicht mehr
einfach geschildert, wiedergegeben haben, man will Herzschlag
darin spüren, den Herzschlag der Natur durch den des Menschen

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wieder verlebendigt sehen.

[317]

Wenn ich die kleinen Dampfer die riesigen Lastkähne den Fluß
hinaufschleppen sehe, muß ich immer an Künstler und Publikum
denken.

[318]

Wir müssen recht viel Schönheit anschauen, damit wir selber

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schön werden.

[319]

Man muß sich an die Schönheit verlieren können, sonst gewinnt
man sie nie. Und immer besser, sich zu viel, zu oft zu verlieren als
zu wenig, zu selten. Und immer besser, sich zehnmal mit seiner
Liebe zu ihr zu irren, als sie einmal nicht zu sehen, als sie einmal

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zu "verwechseln".

[320]

Glocken, darüber oder daraus der Mond geboren wird, ein leuchtender,
staunender Gedanke.

[321]

Als schön empfinden wir alles, was uns wohltut. Wohltuend aber
wirkt auf unsere Sinne alles, was in sich selbst eine gewisse Harmonie

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trägt. Auf unser Auge: Farben, Formen und Linien, wofern
sie sich zu einem in sich einheitlichen Bilde zusammenschließen.

Schönheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen,
durch die uns alles Außen vermittelt wird.

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Oder auch: Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.
Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie
finden.

   S. 83

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Gesetzt also, es gäbe einen Gott, so wäre sein Glaube, die beste
aller Welten vor sich zu haben, verzeihlich.

[322]

Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt, um
so mehr ist es bei sich selbst daheim . Daher der Zauber des

5

mittelalterlichen Stils, daher heute unsere Heimatlosigkeit.

[323]

Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten, müßten wir
eine einheitliche Weltanschauung haben.

 

 

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Übersetzung

Tschechische (Teil-)Übersetzung von 321:

Krása je vytušený rytmus. Rytmus vln, které nám zprostředkují všechno, co nás obklopuje. Nebo také: Krása je vše, nač hledíme s láskou. Čím víc někdo miluje svět, tím krásnější se mu zdá.

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 82f.