Aphorismen - Kunst - 1896

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 83

Sa-band5 0083.jpg

...

1896

[324]

Wenn heute wieder ein Schubert geboren würde, würde er eine

10

Mission mehr haben, nämlich: nur Texte zu komponieren, die
Kulturwert haben.

[325]

Die Orgel, das Instrument der Zukunft.

[326]

In einem Philharmonischen Konzert:
Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur empfunden. -

15

All-Genuß.
Mir ist, ich wäre ein Adler und trüge mich selbst, und meine Last
dünkte mir köstlich, und ein tiefes Wohlgefühl durchströmte
mich.

[327]

Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von Landschaften

20

fortwährender Vergleichs-Standpunkt. Wie es in der
Musik heißt, daß der ein Dilettant[1] sei, der beim Anhören eines
Musikwerks in lauter Reminiszenzen aufgeht.

   S. 84

Sa-band5 0084.jpg

[328]

Ihr wißt ja alle nicht, was Schaffen heißt. Ein Bild malen, ein
Gedicht machen? Nein! Seine ganze Zeit umgestalten, ihr das
Gepräge seines Willens aufdrücken, sie mit seiner Schönheit erfüllen,
sie überwältigen und unterwerfen mit seinem Geiste.

[329]
5

Der Krug des Nichts, aus dem alle Künstler schöpfen.

[330]

Schopenhauer nennt das bloße intellektuelle Anschauen die
höchste Seligkeit, weil hier der schaffende Wille ganz schwiege.
Als ob Schauen nicht schon Schaffen wäre!

[331]

Den Ästhetikern[2]. Zeigt Wege der Zukunft, aber beschwört nicht

10

ewig die Toten gegen uns.

[332]

Mancher Ästhetiker und Kunstrichter erinnert mich an jene
Spaßmacher im Zirkus, welche beim Ausrollen eines Teppichs
mit fabelhafter Geschwindigkeit und Behendigkeit hinstürzen
und überall mit Hand anzulegen, die Initiative zu ergreifen, die

15

Direktive zu geben scheinen, während sie in Wirklichkeit meist
wenig mehr als ein Hindernis und ein Gegenstand komischen
Ärgers für die eigentlich am Werke Befindlichen sind. Ist nicht
auch er nichts weiter als ein solcher Spaßmacher, der dem naiven
Zuschauer die Teppiche der Kunst mir höchster Sachkenntnis

20

und Leidenschaft auszurollen scheint, während er in Wirklichkeit
nur mit einem außerordentlichen Anpassungsvermögen an
die Gebärden und Absichten der Schaffenden hinter ihnen drein
springt, wobei er dann freilich nicht selten auch eine Tracht Prügel
kriegt, wenn er es allzu toll und verkehrt treibt?

[333]
25

Vor einer roh gefügten Gebirgsbach-Brücke. So müßte sich jeder
Architekt vor die roheste, natürlichste Form der Menschenarbeit
hinstellen und an diesen Balken und Brettern seine ersten Kunstgedanken

   S. 85

Sa-band5 0085.jpg

auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als Bedürfnis
empfinden müssen und würde so gewiss zu originellen
Gedanken gelangen, deren Regulativ dann das Studium der Vergangenheit
sein könnte.

[334]
5

Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor meinem
Fenster), das mit seinem freien Ende im Wasser hegt, so daß es
für den stärksten Windstoß zu schwer wird, es als Fahne auszurollen:
Bild Für ein Künstlerschicksal.

 

 

Portal:Aphorismen
Autobiographische Notiz | In me ipsum | Natur

Kunst: 1891 · 1892 · 1894 · 1895 · 1896 · 1897 · 1898 · 1901 · 1902 · 1903 · 1904 · 1905 · 1906 · 1907 · 1908 · 1909 · 1910 · 1912 · 1913

Literatur | Theater | Sprache | Politisches, Soziales | Kritik der Zeit | Ethisches | Lebensweisheit | Erziehung, Selbsterziehung | Psychologisches | Erkennen | Weltbild | Symphonie


Fußnote

  1. Wikipedia:Dilettant
  2. Wikipedia:Ästhetik

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 83ff.