Aphorismen - Kunst - 1897

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...

1897

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Als ob Kunst nicht auch Natur wäre und Natur Kunst!

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Wenn's doch endlich einmal mehr erkannt würde: der tiefste Pessimismus,
im großen Kunstwerk gegeben, hat seinen bittersten
Stachel verloren.

[337]

Die Orgel ist das Instrument der Instrumente. Wäre ich ein großer

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Komponist, ich schriebe nur Orgelwerke und baute mir einen
eigenen Tempel mit eigener Orgel dazu. So könnte ein einzelner
einen Kult der Zukunft ahnen lassen. Welch eine Macht ist die
Orgel, sie ist wie Sturmwind aus der Ewigkeit, wie zartester Kindergesang,
sie ist die Welt in Töne aufgelöst. Wenige Orgeltöne

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vermögen jedesmal mein ganzes Wesen zu überwältigen: ich begreife,
daß der Gottesgläubige in den Wogen dieser Tonfluten
ertrinkt, sich hingibt, an Gottes Brust zu fliegen meint. Es ist etwas
Väterliches im Orgelton, etwas Umarmendes, Tragendes, Beruhigendes.
Da gibt es keine Flucht wie vor den Wirrnissen des

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Orchesters, die das ungeübte Ohr oft mehr beunruhigen als erfreuen.
Was hat man für Erfahrungen gemacht, als man dem
Volke Beethovensche Orchestermusik bot! Aber die Orgel ist einwandsfrei.
Die Persönlichkeit der Orgel reißt ganz für sich allein

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jeden mit sich fort; die Weihe des Ortes müßte noch, wie bisher,
das ihrige dazutun. Was läßt sich da alles ausdenken! Jeder Privatmann
von Geist und Vermögen könnte heute schon einen solchen
Versuch machen. Ist nicht gleich der große neue Komponist

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da, so wird das gute Alte zunächst mit Einsicht und Geschmack
gepflegt werden müssen. Es wäre ein friedlicher Krieg mit den
Kirchen und für Architekten, Bildhauer, Maler, Musiker ein
neues Ziel.

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Musikverständig ist nur der, welcher eine Musik als Kunstwerk

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zu empfinden weiß, nicht der, welcher nur einen Eindruck der
Themen empfängt. Er muss das Wie bewundern oder verwerfen
können, sonst ist er ein Laie, mag er noch so sehr schwärmen
oder verdammen. Eigentlich müßte so der Beurteiler jeglicher
Kunst die Grundtechnik dieser Kunst verstehen. Woraus folgt:

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daß neun[zig] Prozent aller Urteilenden un-verständig urteilen,
da sie der Grundeinsicht in das Wesen des Dramas, des Romans,
der Novelle, des Gedichtes, des Bildes, der Symphonie, der
Skulptur, des Gebäudes ermangeln.

[339]

Die "Geschmäcker" sind nicht verschieden, sondern es gibt nur

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einen Geschmack, nämlich den guten.

[340]

Jeder Bildungstrieb ist schön.

[341]

Ziel: Bei höchster Kompliziertheit höchste Einfachheit. Vergleiche
das Leben selbst, den Menschen.

[342]

Die Zangen und Hammer, womit man ein heftig glühendes Gefühl

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zum Kunstwerk umschmiedet, müssen kalt und hart sein.

[343]

In einer Oper ein Fagott-Septett von Faunen.

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[344]

Der Überschuß. Bei einem Werk wie der "Toteninsel"[1] ist das Bild
selbst der Lebensüberschuß über den Schrecken des Todes.

[345]

Maler malt ein Bild voll Personen, deren Hände sich alle in die
Höhen und über den Rahmen hinaus strecken, die Leinwand am

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Nagel festzuhalten.

[346]

Indem der wahre Künstler Gefühle ausspricht, adelt und verstärkt
er sie zugleich.

[347]

Konzentration. Möge der Stern uns Vorbild wahrer Kunst sein.
Eine Welt zu einem leuchtenden Strahlenpunkt verdichtet, der

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dir Leib und Seele durchbrennt. So denke dir den "langsamen
Pfeil der Schönheit": als den Lichtkegel einer Sternwelt, von dem
allein die Spitze Menschenaugen sichtbar.

[348]

Was redet ihr da von "toten Gegenständen"? Als ob jedes wahr-
haft mit Liebe und Fleiß gemachte Ding nicht die Seele seines

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Schöpfers in sich trüge. Bei Kunstwerken und oft besonders bei
kunstgewerblichen liebe ich meist den vermutlichen Schöpfer
mit und bin gerührt ob seines lebendigen Willens zur Schönheit,
seiner Freude am Gelungnen und Schönen.

[349]

Gott könnte vielleicht noch einmal wiederkehren: als Künstler.

[350]
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Schlachtmusik: Posaunen, durch Dampf getrieben.

[351]

Welch eine Erniedrigung, auf der Bühne immer den Handlungen
und Reden geistig beschränkter Menschen folgen zu sollen. Ist
die große Tragödie schon, wie Nietzsche sagt, nur durch erhabene
Borniertheit möglich, so laßt uns doch nicht in der dumpfen, trüben

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Borniertheit der Alltagsköpfe zu tief hinabsteigen. Man
denke z. B. an "Mutter Erde" von Halbe usw. Wie ganz anders ist
es schon bei Ibsen.

 

 

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Fußnoten


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 85ff.