Aphorismen - Kunst - 1901

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1901

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Bildhauerische Phantasien

Iris, auf einem aus Wolken springenden Regenbogen zur Erde
hinabschreitend. En miniature oder als kolossale Anlage. Vielleicht

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als Tor nach einer offenen Landschaft.

Die sterbende Schönheit. Weib, in der Umklammerung eines Bären
verblutend.

Statue der Keuschheit. Weib, vom Kopf bis zu den Füßen herab in
sein blondes Haar gehüllt.

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Die Sünde. Weib, hinter einem Felsen hervorlauernd. Vorn Weg.
Hinten Abgrund.

Der Philosoph. Ein sitzender Riese, der auf einer über seine Knie
gelegten Tafel die Dinge der Welt gleich einem Kinderspielzeug
aufstellt, ordnet und betrachtet.

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Mann, mit einem Blitz in der Faust in ein zurückgezwungenes
Sphinxhaupt ritzend.

Weiblicher Kopf mit Schlangenknäueln statt der Augäpfel.

Die Heimkehr des Todes. Der Tod, als Nimrod[1] einer Felsenhöhle
zuschreitend, um den Gurt Fangschlingen mit Toten, den Rucksack

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mit gleicher Beute gefüllt.

Tanzendes Weib, vom Tod angeblickt: im Tanz erstarrend.

Der Mörder. Mann, auf seinem Lager sich wälzend. Decken und
Hemd von einem fratzenhaften Ornament übersät: dem Furienkopf
der ihn verfolgenden Tat.

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Abgestürztes Geschütz mit in die Stränge verwickelten, zu Boden
gerissenen, todwund sich wälzenden Rossen. Kolossalgruppe.

Der Zweifel. Jüngling-Mann, sitzend, das linke Bein über das
rechte geschlagen, das grüblerisch zusammengezogene, von

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schmerzlichem Hohn zerrissene Antlitz in die Linke (deren Ellenbogen
auf dem Knie aulliegt) gestützt, die vier Finger dieser
Hand in die Stirn gegraben, daß sie nur bis zum Mittelgelenke
sichtbar sind.

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Ohnmacht. Edle Jünglingsgestalt, kraftvoll, aber mit gebrochenen
Handgelenken. Hoffnungslos traurig im Ausdruck. An einem
langen, um die Schulter gehängten Riemen ein Schwert.

Grabreliefe. Eine edle Matrone, Mutter Erde, in weitem, würdigem
Gewände, öffnet mit dem Ausdruck gütiger Milde die Arme

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gegen einen müde heranschwankenden Menschen. Oder: Dieselbe,ihres heimgekehrten Kindes Haupt bereits in ihrem Schoß
haltend und liebreich die Hände über seinem Nacken verschlungen.
Den Blick, dessen kaum merkliches Lächeln im Zweifel
läßt, ob Wiedersehensfreude, Mitleid oder kühle Göttlichkeit

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ihre Seele erfüllt, weit über ihn fort in die Ferne gerichtet.

Statue eines Beters. Mensch in tiefstem Schmerz, das Antlitz nach
oben gewendet, die Hände über sich gegen den Himmel gerungen,
so dass die Handflächen gleichsam eine Schale nach oben
bilden. In dieser Schale - ihr Boden-Fingergeflecht gleichsam

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durchwachsend — sein Widerantlitz, mit idealisierten, vergöttlichten
Zügen auf ihn niederblickend, Aug' in Auge. Der Mensch
in dunkler Tönung; das Widerhaupt ätherisch in Hell oder Gold,
im übrigen entweder fragmentarisch, nur als Maske, oder aber als
voller Kopf, von reichen Locken überwallt, die noch teilweise seitwärts

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über die Hände herabfallen und andererseits das Ganze
nach oben abschließen.

Die Sehnsucht. Junges nacktes Weib auf divan-ähnlichem Lager.
Ein feiner,fast krankhaft zarter Körper in weißem Marmor, wie
durchsichtig. Die Beine leicht übereinandergelegt, die Arme zu

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beiden Seiten über die Kanten der Lagerstatt hängend, aber nicht
schlaff, sondern gespannt, da sie mit den Handflächen nach
oben, den Ellenbogen nach unten gewendet sind. Die Haltung
dieser Arme sowie die Partie der durch sie auseinander gezogenen

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Büste wird einen hohen Grad von Ungeduld, von aufgesammelten,
empfangsbereiten Kräften ausdrücken, den die halb geöffneten
Lippen, die leicht geblähten Nüstern und vor allem noch
die Augen erhöhen werden, die als einziges an der ganzen Figur

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in Bernstein (oder ähnlichem) ausgeführt, den Betrachter durch
die Mischung kindlichen Flehens und verschleierter Sinnlichkeit
erschrecken und bezaubern. Das Haar ist an der einen Seite aufgegangen
und fällt dort in langen Strähnen am Lager hinab. Das
Ganze steht — der gebreiteten Arme wegen - auf einem größeren,

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mosaikartig gemusterten Sockel.

[359]

Man sollte lieber mit feiner Kunst ehrenvoll sterben wollen, als
mit grober siegen.

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Nimrod

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 89ff.