Aphorismen - Kunst - 1906

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1906

[373]

Es gibt zwei große Gruppen produktiver Naturen: die mehr lehrhaften

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und die mehr unmittelbaren. Man soll sie, man muß
sie beide gelten lassen und ihnen das "und" nicht rauben. Erst aus
Goethe und Schiller, Shakespeare und Ibsen, Monet und Böcklin,
Rodin und Klinger ergibt sich das ganze Bild unserer Kunst.

[374]

Es ist ein erheiternder Gedanke, daß es Schönes und Häßliches

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nur im Gehirn des Ästhetikers gibt. Von "der Darstellung des
Schönen" zu reden — welch eine Einfalt! Es gibt nichts "Schönes"
darzustellen, weil es nicht hier und dort etwa herumliegt, sondern
in jedem Augenbück erst erschaffen werden muß. Und wenn
Herr N. behauptet: aber diese Rose ist doch schön! so antworte ich

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ihm: Vielmehr Sie erschaffen die Schönheit der Rose im Moment
Ihres Schauens und das fällt Ihnen leicht, denn Milliarden
haben sie vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die
Schönheit, welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht mit der
messen können, die ein wahrhaft schöpferisches Auge, das von

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ihrem Bild getroffen wie trunken wird, weil es sich ewige Jugend
bewahrt hat, ihr erschafft.
Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen - nachgeschaffenen
- Schönheit als von Schönheit überhaupt reden, so drängen
Sie damit Ihren sehr mittelmäßigen schöpferischen Geist der

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Welt und vor allem den Künstlern als wie ein Joch auf, unter das
man sich beugen müsse: als dürfe nur ebensoviel Schönheit erschaffen
werden, als Ihnen zu schaffen möglich ist. (Ihr Wille zur
Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen von der Schönheit nichts,
sowenig wie irgendein andrer. Sie wissen nur von der von Ihnen

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geschaffenen (meist nachgeschaffenen) Schönheit. Auch wir
Künstler wissen nicht, was "die Schönheit" ist, aber wir vermehren

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sie als von Natur aus stärker empfindende, zeugende, als die
am weitesten vorgestreckten Fühler des Menschen.

[375]

Die Phantasie ist das Primum mobile[1], das die Gedanken und
Bilder durcheinanderjagt, daß sie in tausend Kombinationen

5

und Gruppen sich zeigen, einem kunstvollen Ballett ähnlich, das
uns in raschem Wechselspiel die graziösesten und vielfältigsten
Wendungen und Verschlingungen der Tänzerinnen vor Augen
führt.
Manchmal meine ich, eine überaus feine und kaum bemerkbare

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Bewegung jenes Primum mobile zu spüren. Dann ist mir zumute
wie dem Zuschauer beim ersten Akt des "Tannhäuser", wenn er
- wie unbestimmte Schemen - die schönen Gefährtinnen der Venus
hinter dem Gazevorhang schweben sieht und ihren fernen,
leisen Gesang vernimmt.

[376]
15

Ziel der Kunst: Das Erschöpfende.

[377]

An bedeutende Kunstwerke nie kritisch herangehen, sondern vor
allem fromm, ehrfürchtig. Einfach. Ein-fältig.

 

 

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Fußnoten

  1. http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=113226

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 94f.