Aphorismen - Kunst - 1908

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...

1908

[385]

Im Sinne Fechners[1]. Die Landschaftsmalerei der letzten Jahrhunderte
- ein weiterer Schritt der Erde zur Erkenntnis und Liebe

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ihrer selbst.

[386]

Es kehrt sich aber der Herr nicht an den, der ihn verkündigt, sondern
in wem die größte Kraft und Schönheit ist, dem wohnt er
inne.
Und darum magst du wie die süßeste Nachtigall singen, der Adler

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wird über dir seine Kreise ziehen bis ans Ende der Tage.

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[387]

Wenn mich nicht alles trügt, so stehen wir dicht vor Künstlergenerationen,
die sich des ganzen irdischen Lebensstoffes noch ganz
anders bemächtigen werden als die bisherigen.

[388]

Chopin ist immer Mann oder doch Jüngling. Beethoven hat noch

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das Kind vor ihm voraus - und seiner ist darum nicht nur das
Erden-, sondern auch noch das Himmelreich.

[389]

Das willkürliche Abbrechen von bedeutenden Musikstücken ist
deshalb oft so schmerzlich, weil da nicht nur Musikstücke, sondern
- Menschen abgebrochen werden.

[390]
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In jedem Kunstwerk ist der Künstler selbst gegenwärtig. Wir spielen
und hören in Wahrheit Beethoven, sehen Lionardo, lesen
Goethe.

[391]

Liszt wirft mich oft aus der Musik hinaus.

[392]

Nirgends kann das Leben so roh wirken wie konfrontiert mit edler

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Musik.

[393]

Musik — gesanggewordener Mensch und somit seine für uns vielleicht
höchste Erscheinungsform. - Ein altes Bild: Der Gesang
der Engel vor Gott: umgedeutet: Menschen vor Gott (der überall)
zu Lied, zu Gesang geworden. Beethoven, ein Engel, Gottes (das

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ist unser aller) und zu Gottes (das ist unser aller) Preis unaufhörlich
tönend - Beethoven, ein Gesang Gottes vor sich selbst.

[394]

Jeder Künstler tötet zehn folgende (Dilettanten).

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[395]

Ein rechter Künstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu
- zeigen .

[396]

Grünewald[2] - oder der Maler, der uns mit seinen Händen an
unsre Vergangenheit als Seestern erinnert.

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Gustav Theodor Fechner
  2. Wikipedia:Matthias Grünewald

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 96ff.