Aphorismen - Literatur - 1895

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...

5

1895

[413]

Ein Dichter muß 77mal als Mensch gestorben sein, ehe er als
Dichter etwas wert ist.

[414]

Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung
aber ist selbst etwas Dichtendes, künstlerisch Zusammenfassendes

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und Auswählendes.

[415]

Eingeschoben: Liebes- (und sonstige) Geschichten in einer Art
erzählt, als ob es sich um Tiere (Affen) etwa handelte. "Das Weibchen
schlang seinen Arm um das Männchen" etc. Vielleicht
vom Standpunkt eines höheren Wesens aus erzählt.

[416]
15

Figuren, bei denen man sich unmöglich ein natürliches Ende
denken kann.

[417]

Der Dachstübler pro domo[1]. Wie oft habe ich hier oben Alpenglühn,
wovon ihr unten nichts wisst. Ob es alte Giebel, Schornsteine
und Hauswände sind, die im späten Sonnenfeuer stehen,

20

oder Felsen - mein Gott! das ist für einen Phantasten kein so
großer Unterschied. Dächerpoesie, zumal wenn man wirklich
noch schräge und ineinandergeschobene Dächer vor Augen hat,
ist überhaupt ein gar wundersames Kapitel. Wär' ich nicht ein
homo sapiens, ich möchte wohl "Spiegel, das Kätzchen" sein!

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[418]

Die beste Art von Glossen kann man leider nicht schreiben: die
bestehen in Schnalzlauten, in Pusten, in Handbewegungen, Gesichtsverrenkungen
und dergleichen.

[419]

Wo besser den feinsten Regungen der Volksseele nachzuspüren

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als gerade[?] beim Lyriker.

[420]

Rechte wissenschaftlich gebildete Kritiker, etwa Gegenstücke zu
mir, täten uns wahrlich not: Aber leider sind unsere wissenschaftlichen
Kritiker wieder Literaturprofessoren, die zu lebendigen
Bücherregalen geworden sind, so daß ihr erstes ist, die neue Erscheinung

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säuberlich einzurubrizieren.

[421]

Nur keine Abgoetherei treiben! In Freiheit den Genius verehren
und ohne Menschenopfer.

[422]

Wir Dichter. Eine Epistel der Selbsterkenntnis. Popularisierer
der Philosophie. Stehler überall, Verkleider, Schneider, Lügner,

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Hineinsteigerer.

[423]

Beim Anblick des Meeres überkommt mich so das Elend des
Dichters, der um sich die namenlose Flut des Stoffes wogen sieht,
und doch nimmt ihm nur so wenig Gestalt davon an.

[424]

Am Meeresstrand. Ich erlebe die Neunte Symphonie[2] im Sturm
der Elemente. Alle vier Sätze etwa höre ich heraus, und der erste
muß Niegesagtes enthalten. All der wahnsinnige Schmerz unserer
Zeit tönt mir tausendfach aus der schwarzen Wogennacht wider,
es ist ja mein eigenes Herz, in dem dieses Meer dort stürmt,
und Chaos erfüllt es noch ganz und gar. Zerschlagene Götter
schwimmen auf den Fluten, Generationen von Jahrhunderten

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tauchen wie Schaumkämme in ihm auf, und wozu? So haben wir
zu einem Phantom emporgeschaut! So war alles Lüge? Und auf
Erden - wird es da besser werden? Darf es besser werden, wenn
das Leben voll Kraft sich behaupten soll - ist Glück aller = Tod?

5

"Letzter Mensch"? Oder liegt im Einzelnen die Lösung? Ist dies
kurze Dasein wirklich alles... Und der erste Satz endigend mit
Akkorden finster-gewaltigster Verzweiflung; schicksalsgranitener
Unerbittlichkeit.
 

[425]

Gott (beim Tempelbau). Karyatiden[3]gewaltiger Menschen. Der

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unter der Last seines innerlichsten Christentums zusammenbrechende
Mensch...

[426]

Christus aus den Händen der "Christen" retten!

[427]

Ein jeder trägt ein Kind in seiner Seele, das soll einst werden, was
er selbst nicht werden konnte.

[428]
15

Hauptgrundsatz: Recht einfach ! Keine gelehrten Reminiszenzen![4]
Menschlich! Ewige, unparfümierte Bilder!

[429]

Wenn ich für Hartleben[5] eine Formel finden wollte -: Hartlebens
Humor ist mehr Überlegenheit als Größe, Fülle der Persönlichkeit,
aber nicht der Originalität.

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Pro domo
  2. Wikipedia:9. Sinfonie (Beethoven)
  3. Wikipedia:Karyatide
  4. Wikipedia:Reminiszenz
  5. Otto Erich Hartleben

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 101ff.