Aphorismen - Literatur - 1897

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...

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1897

[433]

"Ich hasse nichts mehr als Halbbildung!" sagte Ernst von Wildenbruch
- da schrieb er "Willehalm"[1].

[434]

Wir Lyriker müssen des ewigen Posierens müde werden. Da wird
alles drapiert und auf den größten Effekt hin gesagt. Man sehe

20

nur das ewige Schwelgen in Farben, Düften, Klängen, als ob wir
je so überschwenglich empfänden.
Weniger Lüge, mehr Herbe, Strenge, Zucht. Knappheit, Innerlichkeit.


[435]

Mein technisches Ziel in der Lyrik: Möglichste Natürlichkeit bei

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möglichster Prägnanz.
Vor allem Überwindung der sogenannten "poetischen Lizenzen"
.

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[436]

Vor dem fünffüßigen Jambus auf der Hut sein! Unversehens bist
du im lächerlichsten, breitmäuligsten Pathos.

[437]

Goethe, der ewig Bauende, Ordnende, Heilende, Weg-Weisende.

[438]

Wer so wie Goethe alles Irdische überschaut, dem kann man es

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kaum verargen, wenn er über dem Blick auf das Ganze die
Scholle, die er gerade bewohnt, manchmal vergisst, wenn ihm das
Treiben der Epoche, in der er gerade lebt, gegenüber der unabsehbaren
Entwickelung des Menschengeschlechts ein Eintagstreiben,
ein Kinderspiel erscheint.

[439]
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Wilhelm Meister. Wer immer im Angesichte dieses Werkes leben
könnte!

[440]

Um ein Gedicht z. B. genießen oder gar beurteilen zu können,
muß man den Punkt erkennen, von dem aus es organisch entwickelt
ist, muß man sich vor allem die Mühe nehmen, die Grund-

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situation zu erkennen. Da das denn die wenigsten tun, glauben
sie, dass vieles unverständlich sei, was nur nicht schlechtweg
verständlich ist (sondern im Zusammenhang).

[441]

Bei Übersetzungen geht immer Musik und Tonfall verloren, also
das spezifisch Kunstwerkliche. Man kann eigentlich nur den

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Sinn übersetzen, also nur das Stoffliche.

[442]

Die Lyrik adle die menschlichen Gefühle und Geistigkeiten, sie
würdig vorfühlend, vordenkend. Sie gebe die Kultur des Gefühls
und wirke so zur Schönheit.

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[443]

Als ich heute etwas Bedeutendes las, war mir, als sähe ich unter
den Buchstaben das Stück Leben, dessen abschließender Aus-
druck sie waren. Ich meinte, es als einen in unermeßlicher Tiefe
sich verlierenden Erzstock zu sehen, dessen Antlitz sozusagen

5

jene geprägten Zeichen waren.

[444]

Der Feinhörige. Vernimmt acht Uhr abends das Geräusch der
vielen Kinnbacken etc. etc. (Das Gedicht der tausend Kinnbacken).


[445]

Als Motto vor meine Epigramme: Ja ja, nein nein, alles andre ist

10

vom Übel.

[446]

Manche Menschen verlangen, daß man sich vor ihnen wegen seiner
künstlerischen Äußerungen auch noch rechtfertigt.

 

 

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Fußnoten

  1. Ernst von Wildenbruch schrieb Willehalm, eine dramatische Legende in 4 Bildern, 1897

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 104