Aphorismen - Literatur - 1905

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 109

Sa-band5 0109.jpg

1905

[458]

Was wir in unsern neueren Büchern von der bisherigen Entwickelung der menschlichen Gesellschaft vor uns haben, ist vor allem
eins: gewaschene Geschichte. Der natürliche Duft und

5

Brodem der Dinge dürfte uns schlechtweg ersticken.

[459]

Beim Lesen einer Biographie Matkowskys. Ich hoffte vergebens
etwas vom Menschen Matkowsky und seiner innersten Stellung
zur Welt zu finden.
Glaubt man wirklich, daß von einem Menschen irgend etwas gegeben

10

sei, wenn nur Außenseite gezeigt wird? Oder hätte es keinen
Sinn, bei Persönlichkeiten wie Kainz, Mitterwurzer, Matkowsky
und anderen nachzuforschen und aufzuspüren, wie sie zu
allen ewigen Dingen standen? Wie ist es in einem biographisierenden
Buche möglich, über diese Hauptsache auch nicht ein

15

Sterbenswörtchen zu verlieren?

[460]

Voltaire: "Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer." "Wenn der
Gedanke an Gott die Titus, Trajane, die Antonius, die Marc Aurele
hervorgebracht hat, so sind diese Beispiele zur Verteidigung
meiner Sache vollkommen ausreichend und meine Sache ist die

20

Sache der ganzen Menschheit." O ihr Wahrheits-Sucher!

[461]

Warum ist Balzac größer als Flaubert? Weil er eine unendliche
Fülle ist, aus der Großes und Geringes, aber immer Lebendiges
hervorsprudelt. Balzac ist eine blühende Wiese, wo Flaubert vielleicht
ein kunstvoller Garten. Keine Bewunderung hilft ihm gegenüber

25

, man muß ihn heben. Er hat dieses tief alles durchblutende
Mitgefühl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die ihn das
Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten Händen anfassen
läßt, womit dieses feine und des schärfsten Beurteilers immer
noch spottende Gewebe allein angefaßt werden darf.

   S. 110

Sa-band5 0110.jpg

[462]

Der Sonderling. Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag
habe ich diesen Dichter für mich Max Zottuk getauft; so sehr
haben mir Presse und Publikum jeden Buchstaben des einst teuren
Namens verleidet.

[463]
5

Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick
des Schreibens ein Größerer über die Schulter, sei es ein
Vergangener, Lebendiger oder noch Ungeborener. Wohl dem,
der diesen Blick fühlt: Er wird sich nie wichtiger nehmen, als ein
geistiger Mensch sich nehmen darf.

[464]
10

Mit der Vervielfältigung durch den Druck verändert sich das Bild
einer Arbeit in demselben Maße wie das Bild eines Menschen,
der aus seinem gewöhnlichen Anzug in eine Uniform gesteckt
wird. Zuweilen gewinnt er, zuweilen verliert er durch die Uniform.
Briefe z. B. haben im Druck sehr oft ihre feinste Blume verloren.

15
Andere geistige Äußerungen bekommen wieder gleichsam

Haltung, Bedeutung. Der Wert einer Arbeit bleibt freilich in jeder
Gewandung derselbe, nur nicht zugleich ihre Unbefangenheit,
ihr Charme.

[465]

Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument

20

der Kultur war - ein Tagebuch.

[466]

Es ist eine ganz neue Abart, eine Galgenart des Bildungsphilisters:
Ein Bildungschamäleon.

 

 

Portal:Aphorismen
Autobiographische Notiz | In me ipsum | Natur | Kunst

Literatur: 1892 · 1893 · 1894 · 1895 · 1896 · 1897 · 1898 · 1899 · 1901 · 1903 · 1904 · 1905 · 1906 · 1907 · 1908 · 1909 · 1910 · 1912 · 1913
Literatur - Nietzsche: 1896 · 1897 · 1905 · 1906 · 1907 · 1908 · 1910 · 1911 · 1912
Literatur - Ibsen: Ibsen

Theater | Sprache | Politisches, Soziales | Kritik der Zeit | Ethisches | Lebensweisheit | Erziehung, Selbsterziehung | Psychologisches | Erkennen | Weltbild | Symphonie


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 109f.