Aphorismen - Literatur - 1906

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...

1906

[467]

An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt euch unter die

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gewöhnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft zu gewinnen, sucht
so reden zu lernen, dass sie euch verstehen wie ihresgleichen.

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Geht zu den verschiedensten Handwerkern, auf die Werften, in
die Fabriken, in die Bergwerke; lernt vom Volk und für das Volk,
seht zu, daß, was und wie ihr dann schreibt, jedem verständlich
sein könne, der den guten Willen für euer Verständnis mitbringt.

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Laßt euch Jahre eures Lebens in einsamen Dörfern nieder, im
deutschen Gebirge, an den Küsten, auf Inseln. Laßt euch vom
glatten, charakterlosen Großstädter nicht das Bild des Menschen
fälschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter die Schale dringen
kann. Denkt an Luther, wie er herumging in allen Werkstätten,

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um sich die Sprache für seine Bibelübersetzung zu bilden,
wandert, soviel ihr könnt, werdet lieber Handwerksburschen als
hoffnungsvolle Literaten, die von Gesellschaft zu Gesellschaft eilen,
die sich ihre Ziele aus Theatern und Zeitschriften holen, die
sich ästhetisch anregen lassen, statt immer wieder auf den Grund

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des Lebens zu gehen.

[468]

Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick
gerichtet - - -

[469]

Etwas für uns junge Künstler, Dichter usw.: Die jungen Pythagoräer
mußten fünf Jahre schweigen als Diener einer rechten Philosophie.

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[470]

Diese Leute, welche meinen, vom Primaner zum Übermenschen
avancieren zu sollen.

[471]


Denn nicht darauf kommt es an, daß diese jungen Poeten ihren
Alltag in Verse bringen, sondern ob - mit Nietzsche zu reden - die

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Zucht zweier Jahrtausende nicht erfolglos an ihnen vorübergegangen.


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[472]

Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, daß ihre
Leser sich immer wieder die Mühe nähmen, die von ihnen sorgfältig
beschriebenen Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn
ich lese, sein Kopf glich einer umgekehrten Zwiebel, so habe ich

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sofort ein Bild; wenn es aber heißt, sein Haar war braun, seine
Stirn niedrig, seine Nase schön geschwungen, sein Mund grob
aufgeworfen, so geht das — an mir wenigstens - ziemlich spurlos
vorüber.

[473]

Es ist das Unglück der Franzosen, zu gut schreiben zu können.

[474]
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Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig
oder gar abstoßend ablehnen. Der nächste Förster, der ihnen
begegnet, zieht sie unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen,
der um einen Stendhal sämtliche Förster der Welt
hingibt, ist ihnen fremd, die Wißbegier dessen, dem der Mensch

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A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen ersetzt,
stark, warm und einfach zu fühlen.

[475]

Nach den "Erinnerungen eines Egotisten". Überall, wo Stendhal
über fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon...) fesselt er, wo er
aber über sich selbst und seine Gesellschaft und Liebschaften

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schreibt, wird er sehr bald langweilig.

[476]

Zu Dostojewski. Aus seinen Büchern findet man schwer wieder
nach Westeuropa zurück.

[477]

Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als sähe ich einem Feuer
zu - einem Steppenbrand -, das über die Ebene wandert. Und

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jetzt frißt und wühlt es sich schleichend durchs knisternde Gras -
und jetzt fährt ein Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken
- und jetzt kriecht und glimmt es wieder dahin und nur dicke

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Rauchmassen bezeichnen seinen Weg — und jetzt steigt es bei einem
neuen, plötzlichen Stoß gleich einer Säule zum Himmel und
übergießt Himmel und Erde mit übergewaltigem, erschütterndem
Glanz.

[478]
5

Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige Menschen
deshalb aufhören sollten, mittelmäßig zu sein, weil sie schreiben
können.

[479]

Wie viel wird um Brot und wie wenig als Brot geschrieben.

[480]

Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick wahr.

[481]
10

Etwas vom Übersetzen.
Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner Stücke durchschnittlich
zwei Jahre. Wenn nun ein Ausländer hergeht und eines
jener Dramen in vier Wochen in seine Sprache übersetzt, so
wird er schwerlich jede der redenden Personen so in sich lebendig

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fühlen können wie der Dichter, der sie zuletzt gleichsam als seine
beständige Gesellschaft empfand.
Es gibt eine Art, ich möchte sie die rationalistische Methode zu
übersetzen nennen. Der Übersetzer möchte das Original womöglich
noch verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener

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wirklichen Ehrfurcht, wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter
entgegenbringen.

[482]

Robert Walser. Dieser Mann wird sein ganzes Leben lang so weiterreden,
und er wird immer schöner und schöner und immer
bedeutender und bedeutender reden, seine Bücher werden ein

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eigentümlicher und wundervoller Spiegel des Lebens werden,
des Lebens, das er, heute mehr fast eine Pflanze noch als ein
Mensch, durchwächst und durchwachsen wird. Jetzt ist er noch

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ganz Dämmerung, aber wenn einmal Sonne aus ihm brechen
wird, wenn aus diesen Schleiern eines frauenhaften Jünglings
einmal der Mann, der reife, eigene, bestimmen- und befehlenwollende
Geist wie ein Kern aus der Schale treten wird, so dürfte

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es ein unerhörtes Schauspiel werden. Jetzt gibt er es noch wie ein
Kind: die Nichtachtung dessen, was ich das Bürgerliche im Innern
des heutigen Menschen nenne und das Sehen der Welt als
eines immerwährenden Wunders; gereift wird er dieses, wie man
meinen sollte, sich von selbst verstehenmüssende Durchgreifen

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zum Wesentlichen zu seiner bewußten Aufgabe machen und einer
der stärksten Verlocker zur Freiheit werden, zur Souveränität
nicht des Individuums, aber des Geistigen im Individuum, der
einzigen möglichen absoluten Freiheit, die im selben Augenblick
zu dem, was wir Religion nennen, umschlägt, wo sie zugleich von

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einem großen, überzeitlichen Gedanken erfüllt und befruchtet
wird. Ob er auch solch einen Gedanken, solch ein neues Wort
finden wird, steht dahin - aber wer weiß, ob an diesem wunderlichen
Träumer nicht Cromwells Wort wieder einmal wahr werden
mag: Der kommt am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht.

[483]

Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten "von außen
her" schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl Ähnliches
erzählt wird wie heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht,
daß die geschilderten Menschen durchsichtig gemacht sind - gegen
das Mysterium hin. Sie werden charakterisiert werden mit

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allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch zugleich wie Halluzinationen
wirken, sie werden uns fesseln wie irgendwelche Gegenstände
der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen, für
den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde
mitgeteilt sein, so dass sie im selben ergötzen und ein tiefes, unheimliches

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Wundern erregen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 110ff.