Aphorismen - Literatur - 1907

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1907

[484]

Eine Zeitschrift gründen: Die Nase . Alles, was Geruch betrifft,
darin aufzustapeln. "Ein Organ für die Kultur des fünften Sinnes."

[485]
5

Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn recht
hat. Ein Menschenleben gräbt sich allmählich sein Strombett,
und damit muß man zufrieden sein. Nietzsche ist gewiß nicht aus
Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht weitergegangen.
Mauthner unterschätzt das Dynamische im Genie.

[486]
10

Es ist das Interessante an Büchern, über denen man eigentlich
den Verstand verlieren müsste, das man durch sie vielmehr an
Verstand gewinnt. Freilich ist das nur ein neues Kompromiß
- denn anständigerweise müßte man allerdings nach ihrer Lektüre
abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was wir anständig zu

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nennen lieben. Allein schon der Umstand, dass der Autor seinen
Verstand behalten hat, wird genügen, den Leser zum gleichen zu
veranlassen; es sei denn, dass er nur so beweisen zu können
meinte, dass er noch tiefer als jener sei, dass er sozusagen aus Ehrgeiz,
aus Willen zur Macht wahnsinnig zu werden geradezu -

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wünschte.

[487]

Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein:
die überflüssigen Interpunktionen, die allzuhäufigen Absätze,
den Sperrdruck.

[488]

Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.

[489]
25

Wenn man weiß, was zwei- oder dreitägiger Kefir ist. so hat man
ein Bild für den Stil des Essayisten N. Könnte man sein Buch wie
eine Flasche schütteln, so würde man verhältnismäßig leichtflüssige

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Milch bekommen. Da man es aber nicht schütteln kann, hat
man ein dickes und schwerfälliges Getränk vor sich mit Brocken,
die mehr kollern als rinnen, ein Getränk, nicht minder wertvoll
als der ungeschüttelte Kefir, aber weniger angenehm genießbar

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als der geschüttelte.

[490]

Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder,
und wenn du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst.
Kommt dann deine produktive Periode, so wirst du, was du zu
sagen hast, mit doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst

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dann wie der Klavierspieler sein, der eines Tages zu phantasieren
beginnt und merkt, dass es auf den Tasten fortan kein Hindernis
mehr für ihn gibt.

[491]

Suum quisque. Jeder nimmt nur das Seinige aus den Büchern, die
er liest.

[492]
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Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung. Ein Buch ist
chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet
werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf
und in die deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren
Fingern durch die Stirn.[1]

[493]
20

Man kann Robert Walser, den Dichter, nur unter dem Bilde des
Jüngers fassen, von dem gesagt ist: Er lag zunächst an der Brust
des Herrn.

[494]

Wenn das Individuum - wie Hebbel sagt - letzten Endes komisch
ist - und es ist komisch -, so ist die Tragödie die höchste Form der

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Komödie.

[495]

Ein Drama z.B. von Schiller auf Briefe zusammengezogen.

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[496]

Allzuviel Lyrik frißt die gesunde Natur des Dramas an und nimmt
ihm, in einem ganz hohen Sinne, seine natürliche Sittlichkeit.

[497]

Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen
könnte. Ibsen war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein

5

Adler. War Shakespeare einer? Ich glaube, die Adler unter den
Dichtern werden erst kommen. Geister, die alles Dasein zugleich
mit Falkenblick erkennen und über ihm in schier unerreichbarer
Höhe kreisen. Geister mit einer "Freiheit" auch von
sich selbst -

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Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.

[498]

Vor seinem Kammerdiener, heißt es, ist kein Held ein Held mehr.
Das gefällt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein.
Begeistert predigen sie die Kammerdieneroptik, die
Kammerdienerweisheit und überschütten die Welt mit dem überlegenen

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Lachen des - Kammerdieners.

[499]

Denke dir immer jemanden, auf den deine Sätze durchaus nicht
so Eindruck machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie
vielmehr trocken und gleichgültig prüft, ja beinahe feindselig,
wie ein Mensch, den jede neue Behauptung zunächst - ärgert.

[500]
20

Man glaubt nicht, wie sehr ich oft den unwillkürlich pathetischen
Tonfall verachte, der manchen meiner Ausführungen eignet. Er
gleicht dem "geflügelten" Schritt, den ich von Jugend auf an mir
beobachte und der auf nichts weiter als auf einer Schwäche der
Knie beruht.

[501]
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Alles Pathos ist verdächtig.

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[502]

Es gibt, wie jeder wohl zugeben wird, mancherlei vergnügte
Stimmungen auf Erden. Eine der köstlichsten aber ist unzweifelhaft
die Jagdfreude des Menschen von Humor, der, seinen Bleistift
wie ein Gewehr in der Rechten, die Gassen durchpürscht und

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seine aufmerkenden Blicke wie zwei feinwitterige Hunde überall
hinlaufen läßt. Beutebeladen kehrt er zu seiner Muse zurück.
"Bringst was mit?" scherzt ihm die entgegen. "Da!" lacht er und
wirft seine Fangschlingen in die Stube und seinen Rucksack.
Halloh, das ist eine Lust! Halloh! Holla! Horridoh! Es lebe das

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königliche Vergnügen der Jagd!

[503]

Humor ist äußerste Freiheit des Geistes. Wahrer Humor ist immer
souverän.

[504]

Gedanken zu einer Philosophie des Humors
Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen

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vom Standpunkte des Unendlichen aus.
Oder: Humor ist das Bewußtwerden des Gegensatzes zwischen
Ding an sich und Erscheinung und die hieraus entspringende
souveräne Weltbetrachtung, welche die gesamte Erscheinungswelt
vom Größten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl umschließt,

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ohne jedoch ihr einen anderen als relativen Gehalt und
Wert zugestehen zu können.
Der Humor ist sonach die höchste, aber auch die schwerste aller
Weltbetrachtungen; denn er lehrt uns das tiefste Leid und Elend
nur als eine Phase aufzufassen, die, aus dem Zusammenhang des

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Weltlebens gerissen, für sich allein keine absolute Beurteilung
gestattet.

[505]

Ad Grotesken. Da ich diese Blätter zusammenstelle, durchblättere
ich ein paar alte Mappen und kann mich des Gefühls nicht
erwehren: Es ist doch schade um so viel gute lustige Laune, die

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man mir zum Privatgebrauch überließ, als ich noch den Leichtsinn
hatte, auch in den bunten Tag der Großstadt mit Spott und
Lachen einzugreifen...

[506]

Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, dessen Vorwurf

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der Kampf zwischen der Newtonschen und der Goetheschen
Farbenlehre bildet. Die Farben treten auf und suchen umsonst
das weiße Tageslicht in gemeinsamer Aktion zusammen hervorzubringen.
Schließlich erscheint das eine weiße, ungeteilte und
unteilbare Sonnenlicht in Gestalt eines weißgekleideten Weibes

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und entlarvt dieses ganze anmaßende Unterfangen als Betrug
und Selbstbetrug.

[507]

Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande
vorwärts. Das macht, sie reden ohn' Unterbruch.

[508]

Drucke jede Woche nur ein Wort, einen Satz auf ein quadratmetergroßes

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Stück Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern
du der Rechte bist, als mit einer Million Buchstaben in der gleichen
Zeit.

[509]

Der wirkliche Skeptiker - schweigt. Woraus hervorgeht, daß es
unter dem, was wir gemeinhin Philosophen nennen, wirklichen

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Skeptizismus nicht gibt. Ein Skeptiker ist sehr oft nur ein Dogmatiker,
der dem Fluch der Lächerlichkeit entgehen möchte. Aber
diesem Fluch entgeht kein Individuum. Der Skeptiker ist letzten
Endes genauso komisch wie der Dogmatiker, ja er kann mitunter
noch weit mehr Spott herausfordern; es kommt alles zuletzt nicht

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so sehr auf das Was an als auf das Wie.

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[510]

Mauthners Skeptizismus wirkt sehr oft (auf mich) - beschränkt.
Er versteht nicht das "Die-Zähne-Zusammenbeißen". Er
"schwatzt" selbst zuviel. Das Große an Mauthner ist seine verzehrende
Energie. Ein Skeptiker wie er sollte das wissen und seinen

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"Erkenntnissen" unironischer, d.h. unpathetischer gegenüberstehen.


[511]

In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im
Grunde raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden
Schritt. Der Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in

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ihm einen neuen - und wie alles Große grausam ist - grausamen
- Triumph.
Im übrigen: Wer hier den ungeheuren sittlichen Entwicklungsprozeß,
der unser ganzes geistiges Leben ist, [nicht] ahnungsvoll
erkennen zu dürfen meint, wird sich auch nicht sagen

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können: Hier vollzieht sich ja im Großen nichts andres wie im
Einzelnen: Persönlichkeitsentwicklung. Hier will ja irgendein
dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer höherer Selbstschönheit...

 

 

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Fußnoten

  1. Illustriert von: Ruth Tesmar

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 115ff.