Aphorismen - Literatur - 1908

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   S. 120

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[512]

Lagarde ist das stolzeste, aber auch schroffste Gebirge, das ich

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kenne. Sooft man auf ihm wandert, stürzt man in den Abgrund.

[513]

Alles Große macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und
Lagarde nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder
aufzuerstehen, dem sind sie nie geboren worden.

[514]

Wer Lagarde erträgt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder

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ein Riese.

[515]

Nur nicht meinen, dass irgendein Ding der Welt "unpoetisch" sei.
Du kannst unpoetisch sein, die Dinge sind es niemals.

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[516]

Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat, sondern
dieses Menschenmysterium selbst, ebenso wie das Musikstück,
das ich heut abend von dem Nachbarhause herüberklingen
hörte, kein Musikstück von Beethoven war, sondern das Mysterium

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Beethoven selbst.

[517]

Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die unmittelbare.
Die meisten Leser spüren nur die mittelbare. Darum bleiben
auch so viele Bücher Druckerschwärze auf Papier. Und doch
offenbart auch noch das schlechteste Buch seinen Vater nicht

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bloß mittelbar, sondern auch unmittelbar: ihn selbst, die Persönlichkeit,
in der Chiffre dieser Sätze unverlierbar aufbewahrt und
jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen ursprünglichen Kraft auf
uns zu wirken.

[518]

Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit hier und dort

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über den Eckermann geredet wird. Immer ist ein halb mitleidiges
Lächeln dabei, gleich als handle es sich um eine durchaus subalterne
Natur, der es jeder seiner gönnerhaften Bespotter unvergleichlich
zuvorgetan haben würde. Man hängt sich an die Einfalt
mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, dass er oft nur frug,

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um Goethen zu locken und anzureizen, man wirft ihm eigene Unbedeutendheit
vor und übersieht die Fülle feiner Beobachtungen
und Bemerkungen, die anmutigen Berichte über seine Liebhabereien,
den langen Brief aus Genf und überall den Sinn und Takt
fürs Wesentliche, der uns niemals mit Tagesgeschwätz langweilt,

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sondern ihn fortwährend bei der Würde seiner einzigartigen Aufgabe
festhält.
Laß sie sich immer überheben, würde Goethe selbst sagen, soviel
ist gewiß, dass ihrer keiner mich vermocht hätte, mein inneres
Leben so munter und lebendig vor ihm zu entwickeln wie dieser

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liebe Junge, der wohl nicht groß war im Sinne schöpferischer
Kraft, aber in seinen Maßen ein ganzer Kerl, ein Vorbild, allen
denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung wahrhaft ernst ist,

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und die, da ihnen Gott die zeugende Kraft nur unvollkommen
gewährt hat, im produktiven Empfangen seiner Höhe zustreben
müssen und ihm damit wohl ebenso nahe kommen mögen wie
unsereins mit seinen stärkeren Mitteln und glücklicheren Voraussetzungen.

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[519]

Was wäre Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge
und Höhe, wenn nicht eine so große Natur und eine so tiefe, fast
unvergleichliche Bildung in jedem Verstande sein Besitz und sein
Erwerb gewesen wäre. Er gleicht einem Marmorbild, auf dessen

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Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen Erscheinung
für sich allein noch gebietender wirkt als sie.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 120f.
Vertont
Nr. 513 durch Fritz Christian Gerhard